Freitag, 20.09.2019
 
Seit 07:15 Uhr Interview
StartseiteInterview"Zusammenhalt des United Kingdom steht auf dem Spiel"08.09.2019

Literaturwissenschaftler zu Brexit-Chaos"Zusammenhalt des United Kingdom steht auf dem Spiel"

Rücktritte, mögliche Neuwahlen und ein Gesetz gegen einen No-Deal-Brexit: Die letzte Woche sei der vorläufige Gipfel einer Implodierung der britischen Regierung gewesen, sagte der Literaturwissenschaftler Rüdiger Görner im Dlf. Vieles sei gewollt und herbeigeführt worden, auch von Premierminister Boris Johnson.

Rüdiger Görner im Gespräch mit Anja Reinhardt

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Großbritannien, London: Boris Johnson (l), Premierminister von Großbritannien, spricht während seiner ersten Fragerunde im britischen Parlament. (House of Commons/AP/Jessica Taylor)
Großbritanniens Premierminister Boris Johnson während einer Brexit-Debatte im Unterhaus (House of Commons/AP/Jessica Taylor)
Mehr zum Thema

Parlament vs. Johnson Das Brexit-Armageddon

Deutsch-irischer Schriftsteller Harter Brexit gefährdet Karfreitagsabkommen

Brexit Krichbaum (CDU): "Eine nochmalige Verschiebung macht Sinn"

Chaos in Großbritannien "No Deal"-Brexit für Johnson noch immer möglich

Großbritannien Kräftemessen im Brexit-Finale

"Johnson ist klug genug und versiert genug zu überschauen, dass das, was er da versucht hat, an der Illegalität grenzt", so Görner. Diese Provokation gegenüber der eigenen Partei sei kalkuliert gewesen.

Früher habe man immer auf England geschaut und das dortige politische System als Vorbild, "als Demokratie par excellence betrachtet". Doch genau dieser Mythos bröckele nun heftig, sagte der Literaturwissenschaftler.

Auch angesichts der mit dem Brexit aufgekommenen Sprache, die Görner als bellizistisch beschreibt. Grabenkämpfe würden simuliert und Machtspiele geführt. Diese Art der Rhetorik sei erschreckend und würde vor allem von der rechten Presse mitgetragen. Durch diese Art der Sprache würde ein Klima geschaffen, das nur noch eines kenne: Konfrontation. Dass es dazu gekommen sei, liege auch daran, dass viele Probleme verschleppt worden seien. Dadurch habe der Brexit zu einem Zündstoff werden können.

Mehr Rhetorik als Ernsthaftigkeit in der politischen Debatte

Was man im britischen Parlament nun an Debattenkultur erlebe, habe bereits Besuchern wie Heinrich Heine und Klaus Kinkel gefallen. Es sei dabei aber übersehen worden, dass das in vielerlei Hinsicht auch Theater sei. "Es ist eine Performativität sozusagen des Politischen." Das führe aber dazu, dass die Dinge einerseits scheinbar ernst genommen würden, in Wirklichkeit aber bliebe das rhetorische Spiel im Vordergrund.

"Was hier auf dem Spiel steht, ist in der Tat der Zusammenhang und Zusammenhalt des United Kingdom."

Was das Land dringend brauche, sei eine verfassungsgebende Versammlung, "die sich über die Prinzipien der britischen Politik in der Zukunft im Klaren wird".

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk