Freitag, 23.08.2019
 

Live - RollenspieleGespielte Welten

Eine Katastrophe hat unseren Planeten unbewohnbar gemacht. Die letzten Überlebenden konnten sich unter der Oberfläche in Sicherheit bringen. Dort haben sie eine diktatorische Gesellschaft aufgebaut. Was sich nach dystopischer Fantasie anhört, wird beim Live-Rollenspiel drei Tage lang Realität.

Von Jakob Schmidt

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Live-Rollenspiel  (Fotograf: Hagen Hoppe )
Rollenspiel mit Reflektionsanspruch: "Die Erfahrungen in einem Unterdrückungssystem sollen auch ein Mittel sein, unseren Blick auf die Realität zu schärfen" (Fotograf: Hagen Hoppe )
Mehr zum Thema

Dokumentation "World of Darkness" Rollenspiele als Lebenshilfe

Rollenspiele Ich als Großprojekt

Rollenspiele Abenteurer mit Latexschwertern

200 Teilnehmende treffen sich in einer verlassenen Fabrikhalle im Ruhrgebiet, um die Außenwelt drei Tage lang vollständig hinter sich zu lassen. Für die Geschichte gibt es kein festgelegtes Drehbuch. Die komplexe Handlung aus Korruption, Intrige und geheimen Liebesaffären improvisieren alle gemeinsam während des Spiels. Drei Tage lang legen die Teilnehmenden ihre privaten Identitäten ab und werden ganz zum selbstgewählten Charakter einer postapokalyptischen Welt. Sie schlafen, essen, leben in ihren Rollen und verinnerlichen so die fiktive Gesellschaftsordnung. Sie sind Schauspieler und Publikum zur selben Zeit.

Demokratieverständnis erspielen

"Natürlich soll das Wochenende in erster Linie Spaß machen", sagt Jorina Clara Hilsberg, eine der beiden Hauptorganisatoren. "Die Erfahrungen in so einem Unterdrückungssystem sollen aber auch ein Mittel sein, unseren Blick auf die Realität zu schärfen, uns bewusst zu machen, dass unsere Demokratie nicht unverwundbar ist: Das ist etwas, worauf wir hier sehr viel Wert legen. Dass eine Art politische Bildung stattfindet."

Ein Selbsttest

Die Vorbereitung des Rollenspiels hat Monate in Anspruch genommen: "In dem Setting, was wir schaffen, ist die Möglichkeit, weil so viel Druck da ist, so viel Stress da ist, dass die Leute sich ausprobieren können und dann was über sich lernen", sagt Mitgründer Armin Saß. "Wie fühlt es sich an, mal Täter zu sein in einer simulierten Welt? Was macht das mit mir im Nachhinein, wenn ich das reflektiere? Wenn ich in einem System stecke, was mir die Macht gibt, laufe ich Gefahr, dem zu folgen?"

Frau beim Live-Rollenspiel  (Fotograf: Hagen Hoppe )Die Teilnehmer des Rollenspiels sind Schauspieler und Publikum zugleich (Fotograf: Hagen Hoppe )

Eine komplexe Welt

Viele der Helfer im Team arbeiten ehrenamtlich, waren bereits beim ersten Durchgang des Rollenspiels dabei. Vor der Veranstaltung haben sie in liebevoller Kleinarbeit alles dafür getan, damit die fiktive Zeitreise sich möglichst echt anfühlt: Fast nichts erinnert in der Bunkerkulisse an die Gegenwart: Liebevoll gestaltete Requisiten, Propagandaplakate, Uniformen, ein komplexes bürokratisches System, eigens komponierte Lieder, sogar Gesetzestexte bilden den Rahmen für das aufwändige Spiel.

Fiktion und Realität verschwimmen

Bevor die düstere Gesellschaft zum Leben erwacht, geben alle Teilnehmenden ihre persönlichen Gegenstände ab. Während des Rollenspiels leben sie Tag und Nacht in der Logik ihrer komplexen Charaktere. Wer sich entschieden hat, mit der stärksten von drei Intensitätsstufen zu spielen, muss sogar damit rechnen, nachts aus dem Schlaf gerissen zu werden, wenn es die Dramaturgie verlangt. Von "Immersion" sprechen die Rollenspieler, wenn es gelingt, die Grenzen zwischen fiktiver und realer Welt während des Spiels vollständig verschwimmen zu lassen.

Eine totalitäre Gesellschaftsordnung

Bürger rot ist die höchste Instanz in der hierarchischen Gesellschaft. In ihren Händen (die Rolle wird von der ehemaligen Piraten-Politikerin Marina Weisband gespielt) liegen die Geschicke eines gleichgeschalteten Volks. Emotionen zu zeigen ist in dieser Gesellschaft verpönt. Wer dagegen verstößt, kann sich sicher sein, ohne fairen Prozess verurteilt zu werden. Die Höchststrafe: Mit dem Aufzug an die verstrahlte Erdoberfläche fahren zu müssen – denn von dort ist noch nie jemand zurückgekehrt.

Psychologische Betreuung ist wichtig

Das intensive Spiel wird dabei ununterbrochen durch eine psychologische Psychotherapeutin begleitet. Sie ist dauerhaft als Ansprechpartnerin vor Ort: "Wir müssen uns immer bewusst machen, dass wir gerade gemeinsam ein Spiel gestalten und dass das nicht wir-gegen-die ist! Es geht nicht darum, dass die Leute, die in-character Machtpositionen innehaben, die anderen runtermachen und das ausnutzen, sondern gerade Personen, die Täter spielen, haben unglaubliche Verantwortung denen gegenüber, denen sie Spiel bieten, indem sie sie zu Opfern machen!"

Live-Rollenspiel  (Fotograf: Hagen Hoppe )Eine Art "politische Bildung" in einer postapokalyptischen Welt (Fotograf: Hagen Hoppe )

Danach geht’s weiter

Das Ende des Rollenspiels nach knapp 40 Stunden bildet erst den Auftakt für eine intensive Nachbereitung unter Spielern und Machern. In seitenlangen Spielberichten tauschen sich viele in sozialen Netzwerken selbst Wochen später noch über ihre intensiven Erlebnisse aus, diskutieren, wie sich ihr Blick auch auf Gesellschaft verändert hat.

Eine große Vielfalt an Spielenden

Im Deutschen Liverollenspiel Verband (DLRV) haben sich Anbieter unterschiedlichster Rollenspielveranstaltungen zusammengetan: "Man kann davon ausgehen, dass es mindestens 40.000 bis 45.000 Menschen gibt, die in Deutschland Liverollenspiel aktiv betreiben", sagt Vera Scholten, die für den Verband arbeitet – und die Zahl wachse stetig. "Da gibt es unglaublich viele verschiedene Genres, von Fantasy über Science Fiction und spezielle Settings in Richtung Endzeit. Alles, was man sich eigentlich aus Film und Fernsehen und aus Büchern vorstellen kann, ist auch in Deutschland in irgendeiner Form vorhanden." Unter den Spielern seien Ärzte und Rechtsanwälte genau so wie einfache Bauarbeiter.

Spielend lernen

Zunehmend erfahre die Methode Liverollenspiel auch über die Grenzen der Community hinaus gesellschaftliche Akzeptanz. Nicht nur in der Geschäftswelt, sondern vor allem auch auch in der Bildung entstünden innovative Konzepte zur Vermittlung von Kompetenzen. Andere Länder, etwa die skandinavischen Staaten, seien dort allerdings bereits deutlich weiter: Eine ganze Schule in Dänemark zum Beispiel setze im Unterricht schwerpunktmäßig bereits auf die Methode Rollenspiel.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk