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StartseiteUmwelt und VerbraucherSparkassen suchen Auswege aus Altverträgen20.12.2019

LockangeboteSparkassen suchen Auswege aus Altverträgen

In der Niedrigzinsphase sehen Geldinstitute alte Prämiensparverträge mit ihren vergleichsweise hohen Zinszusagen oft als Last an. Die Sparkasse Bodensee versucht, Sparer zur Kündigung zu bewegen. Mit einem Lockangebot, das nach Ansicht von Verbraucherschützern viel zu niedrig ist.

Von Thomas Wagner

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Rote und gelbe Sparschweine in einem Kaufhaus, München, Oberbayern, Bayern, Deutschland, Europa (imago / imagebroker / Manfred Bail)
Manche Sparkassen locken mit schnellem Geld, um alte Verträge los zu werden (imago / imagebroker / Manfred Bail)
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Da war dieser Brief in der Vorweihnachtszeit.

"Da schreibt mich die Sparkasse an, ob wir uns nicht einen besonderen Wunsch erfüllen möchten. Wir haben hier einen Sparvertrag, den man auflösen könnte. Und man würde noch großzügig eine Sonderprämie bekommen, wenn wir diesen Sparvertrag früher auflösen als ursprünglich die Vertragsdauer vorgesehen ist."

Das war auf den ersten Blick schon verlockend, gibt Claudia Probst aus Überlingen zu. Aber dann kam sie drauf: Da ist ein Haken dran.

"Der Haken dabei ist, wenn wir diesen Sparvertrag kündigen und diese  Sonderprämie, diese großzügige Sonderprämie der Sparkasse von 780 Euro annehmen würden, dann würden wir auf der anderen Seite die Prämien, die der Vertrag vorgesehen hat, nicht mehr bekommen."

Lockangebote liegen deutlich unter den Prämien

Und die liegen, was eben nicht im Brief der Sparkasse Bodensee steht, um ein Vielfaches über dem, was da an vorweihnachtlicher Sonderzahlung angeboten wird. Das ist der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg ein Dorn im Auge. Sie übt heftige Kritik an der Sparkasse Bodensee. Denn das Beispiel der Überlingerin, die mit einem nur auf den ersten Blick attraktiv anmutenden Angebot aus ihrem Prämiensparvertrag herausgedrängt werden soll, ist kein Einzelfall. Niels Nauhauser, Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale:

"Wir haben da einen Fall, da sollte einem Kunden gut 1000 Euro angeboten werden, wenn er den Vertrag vorzeitig auflöst. Allerdings: Wenn er den Vertrag fortsetzt, erhält er sogar an die 10 000 Euro an Prämien."

Also sage und schreibe das Zehnfache dessen, was die Sparkasse Bodensee als Einmalzahlung für die vorzeitige Vertragsauflösung angeboten hat.

"Das ist der einfache Hintergrund. Die Sparkasse versucht sich, von dieser Verpflichtung, Prämien zahlen zu müssen, die über die Vertragsdauer fest vereinbart worden ist, davon versucht sie sich zu lösen."

Kaufen Sparkassen sich von Verpflichtungen los?

Die Rede ist vom "Sich-Loskaufen" der Sparkasse  von den Prämienverpflichtungen gegenüber den Kunden durch eine Summe, die aus Sicht der Verbraucherzentrale viel zu niedrig ist.

"Das sind natürlich Angebote, die in keinem Verhältnis stehen zu dem, was die Sparkasse eigentlich an Prämien zahlen müsste. Darüber informiert sie die Kunden auch nicht. Aus meiner Sicht ist das Verhalten unseriös, weil die Sparkasse ja ganz klar verschweigt, wie viel Geld dem Kunden entgeht."

Doch genau diesen Vorwurf, nämlich den Kunden ein unseriöses Angebot unterbreitet zu haben, weist Lothar Mayer, Vorsitzender des Vorstandes bei der Sparkasse Bodensee, zurück:

"Wir sehen es ganz anders. Wir sind natürlich der tiefen Überzeugung, dass das ein sehr sehr faires Angebot ist."

Nämlich dann, wenn ein Kunde, die jetzt, auf der Stelle, Geld ganz gut gebrauchen könnte.

"Und wer ihn nicht nutzen mag, lässt diesen Brief ganz einfach weg, schmeißt ihn weg oder beachtet ihn überhaupt nicht, ganz klar."

So klar ist das für die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg aber nicht. Denn sie bemängelt gerade, dass den Kunden in dem Brief nicht vorgerechnet wird, wie viel an Prämien ihnen entgeht, wenn sie den Vertrag vorzeitig kündigen. Dazu Sparkassenchef Lothar Meyer:

"In dieser Phase ist es natürlich schwierig, einem Kunden jetzt genau dieses individuell über einen Brief aufzuzeigen. Aber: Jeder Kunde ist ja gerade über diesen Brief auch eingeladen, zu den Beratern unserer Sparkasse zu gehen, und die können ihm das genau ausrechnen."

Allerdings: In dem Brief selber, der dem Deutschlandfunk vorliegt, ist ein solcher ausdrücklicher Hinweis nicht enthalten. Dass der Versuch, sich von alten, für die Bank teuren Prämiensparverträgen zu lösen, mit der derzeitigen Niedrigzinsphase zusammenhängt, stellt Sparkassenchef Lothar Meyer allerdings nicht in Abrede:

"Da bin ich sehr ehrlich. Das stimmt. Das ist richtig. Deswegen kommt auch dieses Angebot jetzt."

Niedrigzins-Argument zieht nicht

Vor allem der Verweis auf die Niedrigzinsphase, die das Geschäft der Banken und Sparkassen vor dem Hintergrund alter langfristiger Sparverträge erschwere, hält Finanzexperte Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg aber für unangebracht, wenn ausgerechnet der Endkunde mit einem gültigen Sparvertrag dafür die Zeche zahlen soll. Nauhauser's Empfehlung:

"Wir raten jetzt Verbrauchern, dieses Schreiben zu den Akten zu nehmen und den Vertrag nicht vorzeitig aufzulösen."

Darüber hinaus prüft die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg auch rechtliche Schritte gegen die Sparkasse Bodensee. Die sei möglicherweise ihren Transparenz-Pflichten gegenüber ihren Kunden nicht nachgekommen.

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