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StartseiteKommentare und Themen der WocheEin abschreckendes Beispiel19.10.2020

Lockdown im Berchtesgadener Land Ein abschreckendes Beispiel

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat über das vergleichsweise dünn besiedelte Berchtesgadener Land einen Lockdown verhängt. Dort war zuvor die Zahl der Corona-Infizierten drastisch gestiegen. Das drohe auch dem Rest Deutschlands, wenn die Corona-Lage außer Kontrolle gerät, kommentiert Michael Watzke.

Von Michael Watzke

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Ortsansicht mit Pfarrkirche Sankt Martin, Waging am See, Rupertiwinkel, Oberbayern, Bayern, Deutschland, Europa *** Village view with parish church Sankt Martin, Waging am See, Rupertiwinkel, Upper Bavaria, Bavaria, Germany, Europe Copyright: imageBROKER/WolfgangxWeinhäupl iblwwe05825500.jpg Bitte beachten Sie die gesetzlichen Bestimmungen des deutschen Urheberrechtes hinsichtlich der Namensnennung des Fotografen im direkten Umfeld der Veröffentlichung! (imago images / imagebroker)
Rupertiwinkel im Berchtesgadener Land. Am Wochenende sind hier wie im ganzen Landkreis die Corona-Zahlen massiv angestiegen. (imago images / imagebroker)
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Ausgerechnet im hintersten Winkel Deutschlands, dem Rupertiwinkel in Bayern , ist die Corona-Lage völlig außer Kontrolle geraten. Ein 7-Tage-Inzidenzwert von 252 im Berchtesgadener Land ist selbst europaweit betrachtet aufsehen- und besorgniserregend. Die Covid-Kurve im Diagramm der Ansteckungsrate ragt mittlerweile steiler auf als das Bergprofil des Watzmann-Massivs, dessen steile Alpenfelsen den Landkreis Berchtesgaden prägen.

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Kein Versäumnis der Politik

Dass Bayerns Ministerpräsident Markus Söder faktisch mit einem Lockdown, einer Abriegelung des Landkreises reagiert, ist richtig. In diesem Fall kann man Söder und seiner Gesundheitsministerin Huml auch kein Versäumnis vorwerfen – anders als bei den Problemen mit den durcheinandergeratenen Corona-Tests für Urlaubsheimkehrer an den bayerischen Autobahn-Raststätten.

Im Fall "Berchtesgadener Land" sind vor allem drei Gründe für die dramatische Entwicklung verantwortlich: zum einen Partys und Kneipenrunden, die aus dem Ruder liefen; zweitens die Nähe zu Österreich, das derzeit stärker von Corona betroffen ist als Deutschland. Noch. Und drittens die relativ geringe Einwohnerzahl des Landkreises Berchtesgaden, in dem bereits einige hundert positiv auf Corona getestete Bürgerinnen und Bürger extrem hohe Inzidenzwerte auslösen können.

Ein Schild in München, auf dem auf die Maskenpflicht im öffentlichen Raum hingewiesen wird.  (imago images/Alexander Pohl) (imago images/Alexander Pohl)Corona-Maßnahmen - Es zählt das Verhalten jedes und jeder Einzelnen
Dass die Bundesländer das Beherbergungsverbot unterschiedlich handhaben, sei nur schwer vermittelbar, kommentiert Joachim Frank von der "Frankfurter Rundschau". Zudem könnten Kommunen diese und andere Corona-Maßnahmen kaum kontrollieren oder durchsetzen, sondern nur jede und jeder Einzelne von uns.

Es droht ein schwerer Image-Schaden

Söder muss auch deshalb so schnell und so hart reagieren, weil die einzigartig schöne Touristen-Destination "Berchtesgadener Land" andernfalls vor einem schweren Image-Schaden stünde, der geradezu Ischgl-hafte Ausmaße annehmen könnte. Zur Erinnerung: im österreichischen Ski-Ort Ischgl in Tirol hatte die erste Corona-Welle in Europa einen Ausgangspunkt. Dort waren Angestellte in Après-Ski-Kneipen zu Superspreadern geworden. Die dortigen Versäumnisse beschäftigen heute mehrere Gerichte.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Auch im Urlaubsort Berchtesgaden könnten sich Touristen mit Covid anstecken und das Virus dann in ganz Deutschland verbreiten.  Das muss das örtliche Gesundheitsamt unbedingt verhindern. Die bayerische Polizei führte am Samstagabend eine Razzia in einer  Shisha-Bar in Freilassing durch. Der 30-Jährige Betreiber hatte gleich gegen mehrere Infektionsschutz-Regeln verstoßen.

Dicht am nächsten Lockdown

Der Rupertiwinkel, dieses kleine, zauberhafte  Fleckchen Erde ganz im Südosten Deutschlands, dient  dem ganzen Land nun als abschreckendes Beispiel: was jetzt möglicherweise in Berchtesgaden passiert – Schulschließungen, Maskenpflicht im Freien, Sperrstunde und generell das Herunterfahren des öffentlichen Lebens – das droht auch dem Rest Deutschlands, wenn die Corona-Lage außer Kontrolle gerät.

Ein Hinweisschild nahe einer Berliner Schule fordert Kinder und Erwachsene zum Abstand halten auf (mago images / Seeliger) (mago images / Seeliger)Aktuelle Coronalage - Die Unvorsichtigkeit ist zurück
Illegale Oktoberfestparties oder Feierende auf der Berliner Torstraße sind in der aktuellen Lage nicht nachvollziehbar, meint Katharina Hamberger. Was von der Politik nun gefragt ist, sind nicht nur Maßnahmen, sondern eine Regierungserklärung der Kanzlerin und eine Debatte im Bundestag.

Natürlich ist Berchtesgaden nicht Bergamo – und wird es hoffentlich auch nicht werden. Soll heißen: noch stehen in Oberbayern genügend Intensivbetten und Krankenhaus-Kapazitäten zur Verfügung. Es müssen keine Kühllaster vor den Kliniken vorfahren.

Aber Berchtesgaden zeigt uns, wie schnell sich das Virus verbreiten kann, wenn wir zu unvorsichtig sind. Es zeigt uns, wie dicht wir am nächsten Lockdown sind.

Michael Watzke  (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Michael Watzke (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Michael Watzke, geboren 1973 in Remscheid, absolvierte die Deutsche Journalistenschule. Er studierte Politik und Soziologie in München und Washington DC. Nach Stationen bei SZ und BILD arbeitete er als Chefreporter für Antenne Bayern. 2003 gewann er den Axel-Springer-Preis. Danach Ausbildung an der Drehbuch-Werkstatt der HFF München. Als Autor des TV-Dramas "Das letzte Stück Himmel" (Regie: Jo Baier) erhielt er den Robert-Geisendörfer-Preis und war für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Arbeit als Regisseur und Produzent. Seit 2010 berichtet er für Deutschlandradio als Bayern-Korrespondent aus München.

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