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StartseiteInterviewLösegeldzahlungen für entführte Sahara-Touristen?19.08.2003

Lösegeldzahlungen für entführte Sahara-Touristen?

Rudolf Chimelli

<strong>Probst:</strong> Eine der vielgestellten Fragen in dem Geiseldrama war die nach den Motive der Entführer und in der Endphase die nach dem Lösegeld. Von Seiten der Regierung wurde das, wie eben gehört, bestritten, aber es wird wahrscheinlich mit Mali ein Kompensationsgeschäft geben. Rudolf Chimelli von der Süddeutschen Zeitung ist Kenner des Maghrebs. Guten Tag Herr Chimelli.

Chimelli: Guten Tag.

Probst: Im Zusammenhang mit der Lösegeldfrage ist auch diesmal wieder der Name Libyen aufgetaucht, die Ghaddafi-Stiftung. Halten Sie es für möglich, dass Libyen auch in diesem Falle, bei der Geiselnahme, beziehungsweise der Lösung, eine Rolle gespielt hat?

Chimelli: Das halte ich in doppeltem Sinne für möglich. Einmal, weil der libysche Revolutionsführer natürlich die Stämme der Sahara sehr viel besser kennt, als jeder andere politische Führer oder Staatschef im Maghreb. Es war schon seit Monaten die Rede davon, dass der algerische Präsident Bouteflika sich an ihn gewand hatte, um zu helfen, um zu vermitteln, als er mit seinen politischen Bemühungen nicht mehr weiter kam. Ghaddafi hatte also sicher seine Hände im Spiel und in diesem Falle, wie es scheint, positiv. Außerdem gibt es, wenn finanzielle Probleme auftreten, auch seine Ghaddafi-Stiftung. Theoretisch heißt sie, "Ghaddafi Internationale Stiftung für Hilfsorganisationen", und die könnte, wenn Mali das Geld nicht hat und die Bundesrepublik ein kompliziertes Arrangement sucht, Geld vorschießen oder auch ihrerseits zur Verfügung stellen, denn Geld hat sie genug. Diese Stiftung wurde für den Westen zum ersten Mal sichtbar während der Jolo-Entführung vor drei Jahren. Auch da hat sie helfend eingegriffen. Journalisten, die damals in Tripolis waren, wussten gar nicht, wo diese Stiftung sich aufhält, und sie war wohl auch relativ neu zugezogen, denn es gab keine Adresse. Es stellte sich dann heraus, die Stiftung befand sich in einem Hochhaus, das nach der palästinensischen Fatah heißt, im fünften Stock. Eine Telefonnummer gab es damals noch nicht, das mag daran liegen, dass die Stiftung vorher in Benghasi ihren Sitz hatte und schon vorher dort tätig war. Diese Stiftung hat ihr Hauptgebiet der Tätigkeit in Palästina, in den besetzten Gebieten, sie macht dort ziemlich viel. Sie unterstützt eine Behindertenschule in Gaza, sie hat die Intifada unterstützt, letztes Jahr mit 12,5 Millionen Euro, indem sie palästinensische Institutionen unterstützt und sie hilft unsichtbar auf viele Weise.

Probst: Muss man deren Aktivitäten - ich meine hierzulande hat man ja wahrscheinlich ganz andere Vorstellungen von einer Stiftung als im Falle Libyens - deren Aktivitäten auch im Zusammenhang sehen mit den Versuchen Ghaddafis, die terroristische, sage ich mal in Anführungszeichen, Vergangenheit jetzt wieder gegenüber dem Westen zu bewältigen?

Chimelli: Ganz sicher. Diese Stiftung ist keine Stiftung in unserem Sinn des Wortes, sie ist ein politisches Instrument der libyschen Führung und Ghaddafis persönlich. Das lässt sich auch daran ablesen, dass einer seiner Söhne die Stiftung leitet. Wo das Geld herkommt, wie es verteilt wird, darüber gibt es ebenso wenig konkrete Angaben, wie über den libyschen Staatshaushalt.

Probst: Diese Aktivitäten, diese Fassade, muss der Westen die jetzt - in der UNO spielt ja gerade die Frage der Aufhebung der Sanktionen eine Rolle - mit Blick auf den internationalen Terrorismus berücksichtigen?

Chimelli: Ganz sicher, wenn man mit Libyen verhandeln will, dann muss man mit einem Libyen verhandeln, so wie es ist, nicht so wie man es sich wünscht. Das ist in der internationalen Politik ein Grundsatz, den man nur zu seinem eigenen Schaden vernachlässigen kann. Ich glaube auch, dass man, wenn Libyen erkennbar andere Wege einschlagen möchte, dem nicht unbedingt Steine in den Weg legen müsste.

Probst: Rudolf Chimelli von der Süddeutschen Zeitung war das. Danke für die Einschätzung.

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