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StartseiteKommentare und Themen der WocheEine echte Identifikationsfigur03.07.2018

Löw bleibt BundestrainerEine echte Identifikationsfigur

Joachim Löw habe wenig Selbstkritik gezeigt, Vorwürfe an seinen Versäumnissen ausgesessen und eine Lernkurve sei auch nicht zu erkennen gewesen, kommentiert Jonas Reese. All das spreche eigentlich gegen das Weitermachen des Bundestrainers. Dass Löw bleibt hänge eng damit zusammen, wie er das Land repräsentiere.

Von Jonas Reese

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Bundestrainer Joachim Löw während des WM-Spiels gegen Südkorea in Kasan/Russland. (imago sportfotodienst)
Als großer Selbstkritiker sei Löw bislang eigentlich nicht aufgefallen, meint Kommentator Jonas Reese. (imago sportfotodienst)
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Wäre die Nationalmannschaft eine Bundesliga-Mannschaft, so hätte Joachim Löw das Turnier in Russland wohl gar nicht erst gecoacht. Dann wäre er spätestens nach der desolaten Testspielniederlage gegen Österreich im Vorfeld der Weltmeisterschaft durch einen Trainerkollegen ausgetauscht worden. Doch für die Fußball-Nationalmannschaft gelten eben nicht nur sportliche Kriterien.

Bisher beachtliche Leistungen

In den zwölf Jahren unter Joachim Löw als Bundestrainer hat die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei Turnieren mindestens das Halbfinale erreicht. Eine beachtliche Leistung. Jetzt aber das historische Vorrunden-Aus bei der WM in Russland. Gruppen-Letzter bei mäßiger Konkurrenz. Dennoch darf Löw weitermachen. Die Spitze des Deutschen Fußball-Bundes hat ihn zum Bleiben ermutigt. Und das ist richtig, auch wenn erst mal vieles gegen Löw spricht.

Die Gründe für das sportliche Desaster in Russland waren schnell gefunden. Hochmut, Selbstherrlichkeit, fehlender Erfolgshunger. Dazu Disharmonien im Kader, Allüren Altgedienter und mangelnde taktische Finesse. So lautete jedenfalls die schnelle Analyse der vielen Fußball-Experten. Sie diagnostizierten außerdem eine Entrücktheit des Teams, das eher als Marketing-Maschinerie funktionieren soll, als als sportliches Vorbild.

Noch keine Bewertung des Vorrunden-Aus

Eine eigene Bewertungen des Deutschen Fußball-Bundes und von Bundestrainer Löw selbst stehen noch aus. Und so verwundert es, dass die Entscheider im Verband Löw da freie Hand geben. Sie vertrauen darauf, dass Löw einen Neuanfang meistert, ohne zu wissen, wie der aussehen könnte. Eine tiefgreifende Analyse soll erst bis zum nächsten Länderspiel Anfang September von Löw selbst erarbeitet werden. Der Protagonist der Krise soll zum Krisenbewältiger werden. Entweder ist der Glauben des DFB in Löws Selbstreflexion so groß oder er hat selbst keine Erklärung und noch weniger einen Lösungsansatz, für das, was da in Russland passiert ist.

Als großer Selbstkritiker ist Löw bislang eigentlich nicht aufgefallen. Nach seinen großen Niederlagen, wie im Halbfinale bei der Weltmeisterschaft 2010 gegen Spanien oder gegen Italien bei den Europameisterschaften 2012, hat er die Vorwürfe an seinen taktischen Versäumnissen und Zögerlichkeiten eher ausgesessen. Auch jetzt in Russland war eine Lernkurve von Spiel zu Spiel nicht zu erkennen. Nach dem Turnier hat Löw nur eine gewisse "Selbstherrlichkeit" bedauert. Ende der Selbstkritik.

Auf Löw kann sich die ganze Fußball-Nation einigen

All das spricht gegen Löw. Und so kann man eine mangelnde Strenge bei der Personalentscheidung Bundestrainer vonseiten des Verbands kritisieren. Man kann aber auch eine gewisse Gelassenheit und einen Vertrauensvorschuss loben, der gerade in Krisen Wunder wirken kann. Das größte Argument für Löw ist aber: Als Bundestrainer ist er mittlerweile zu einer echten Identifikations-Figur geworden. Er repräsentiert das Land auf eine Art, auf die sich eine ganze Fußball-Nation einigen kann. Und das ist wichtiger als der sportliche Erfolg.

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