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StartseiteSport am WochenendeLöwenfans gegen Rechts16.10.2011

Löwenfans gegen Rechts

Partner in 40 Ländern informieren über Ausgrenzung im Fußball

Football Against Racism in Europe – so heißt die größte Initiative gegen Rassismus im europäischen Fußball. Das Netzwerk, das abgekürzt Fare heißt, hat inzwischen Partner in 40 Ländern: Fangruppen, Projekte, Vereine. Jedes Jahr im Oktober ruft Fare seine Aktionswochen aus.

Von Ronny Blaschke

Demonstration von "Football Against Racism in Europe" (Ronny Blaschke)
Demonstration von "Football Against Racism in Europe" (Ronny Blaschke)

Auch in diesem Herbst werden mehr als 1000 Veranstaltungen über die Bühne gehen. Von der Champions League bis zur Freizeitliga. Welche Erfolge, aber vor allem welche Probleme das Engagement gegen Rassismus mit sich bringen kann, zeigen die Löwenfans gegen Rechts, eine Initiative im Umfeld des Zweitligisten 1860 München.

Wenn bei einem Heimspiel des TSV 1860 München ein Tor fällt, reißen Tausende ihre Arme hoch und jubeln. Sie fühlen sich durch den Fußball vereint – aber sind sie das auch?

"Bei uns ist halt das Problem, dass sich nicht irgendwelche formierten Fußballfans auf einem Haufen treffen, sondern die gesamte rechtsradikale Prominenz aus ganz Bayern. Es gibt ja auch genug Umstehende, die vielleicht ein Stück weit noch Sympathien zu denen haben. Besteht die große Gefahr, dass die das nutzen, um ihr Gedankengut weiter zu verbreiten."

Herbert Schröger, Übersetzer, Krimi-Autor, seit vierzig Jahren Fan von 1860 München. Vor gut 15 Jahren haben er und einige Freunde ein Leinentuch an den Stadionzaun gehängt. Darauf stand geschrieben: Löwenfans gegen Rechts. Schröger konnte die Beleidigungen gegen schwarze Spieler nicht mehr ertragen. Seinem Leinentuch gegen Rechts folgten ein Flugblatt, ein regelmäßiger Stammtisch und zahlreiche Aufklärungs-Veranstaltungen. Inzwischen verhalten sich die 50 bis 60 Neonazis in der Kurve ruhig, doch das bedeutet nicht, dass sie auch ihre menschenverachtenden Einstellungen draußen lassen würden.

"Als die Leute gemerkt haben, wir sind die Leute mit der Löwenfans-gegen-Rechts-Fahne in der Kurve, erst da ist mir entgegen geschlagen worden, dass ich eine Judenbraut bin und eine Volksverräterin bin."

Ulla Hoppen, Musikberaterin und eine der treibenden Kräfte der Löwenfans gegen Rechts. Nach der Gründung der Initiative in den neunziger Jahren ging sie immer wieder auf den TSV 1860 zu – gehört wurde sie nicht. Es vergingen Jahre, in denen die Neonazis den TSV als ihren Verein feierten. Schließlich hatte sich kaum ein Klub im Dritten Reich so früh an das Naziregime geheftet wie 1860 München, recherchierte Anton Löffelmeier. Der Münchner Historiker wurde bei seiner Arbeit ebenso wenig gestützt wie Ulla Hoppen. Es dauerte Jahre, bevor der TSV 1860 seine Stadionordnung änderte und bestimmte Symboliken verbot.

"Im Verein passiert nix. Jegliche Vorschläge, dass der Mannschaftsrat vielleicht mal darüber nachdenken kann, ob man eine Fotokampagne macht, die kein Geld kostet in der Stadionzeitung, all das verhallt immer, es verhallt einfach. In den Satzungen von vielen Fanklubs steht: gegen Rassismus. Und auf vielen Homepages steht, dass sie die Löwenfans gegen Rechts toll finden, allerdings habe ich dass Gefühl, dass man eben diese Pro-forma-Funktion dann auch für alle zu erfüllen hat. Wir haben ja die Löwenfans gegen Rechts, dann brauchen wir nichts mehr tun."

2009 erhielten die Löwenfans gegen Rechts den Julius Hirsch Preis. Mit dieser Ehrung würdigt der DFB das Engagement von ehrenamtlichen Gruppen gegen Ausgrenzung, sie erinnert an den jüdischen Nationalspieler Julius Hirsch, der in Auschwitz ermordet worden war. Die Auszeichnung war für die Löwenfans nicht nur von Vorteil, sagt Herbert Schröger:

"Wir haben so eine Art Alibi-Funktion aufs Auge gedrückt bekommen. Wir haben das am Anfang gar nicht so gemerkt, wir haben uns gefreut, dass alle gut mit uns befreundet sein wollen. Auch der Verein hat uns richtig wahrgenommen, hat sich auch ein Stück weit mit uns geschmückt. Und wir haben dann gemerkt, dass es das auch nicht sein kann. Weil faktisch einfach immer noch zu wenig passiert, eigentlich das gleiche wie vorher: prinzipiell nichts."

Die Situation in München steht stellvertretend für das Fußball-Engagement gegen Rechtsextremismus, denn die nachhaltigen Konzepte werden an der Basis entworfen - und nur selten an der Spitze des Sports. Das gilt neben den "Löwenfans" auch für das Bündnis aktiver Fußballfans, kurz Baff, für die Schalker Fan-Initiative, den "Roten Stern" in Leipzig oder die Hintertorperspektive in Jena. Sie alle setzen während der Aktionswochen von Fare auf Bildungsangebote, statt auf plakative Botschaften.

Die Löwenfans gegen Rechts hatten in diesem Sommer "Tatort Stadion" zu Gast, eine Wanderausstellung, die auf Schautafeln Menschenverachtung im Fußball erklärt. Herbert Schröger und Ulla Hoppen haben acht Veranstaltungen organisiert, Diskussionen, Lesungen, Vorträge. Ihre Partner für ein breites Netzwerk? Gewerkschaften, das Jüdische Museum, die KZ-Gedenkstätte Dachau und Schwulen- und Lesben-Organisationen. Ulla Hoppen hat dafür Lob erhalten, aber auch Gegenwind. Ein Beispiel?

"’ Ach die Frau Hoppen schon wieder, dieses Augen verdrehen. Und ich glaube, es ist an der Zeit für mich persönlich, noch mehr darüber nachzudenken, einen Schritt zurück zu gehen und die Jugend soll das einfach mal mehr leben als wir Verbrannten. Ich fühle mich ein bisschen ausgebrannt und verbrannt, weil trotz aller Plattitüden und ja: wir finden euch toll einfach man merkt: es passiert überhaupt nichts. Und die Wut, die in mir ist, und dieses allein gelassen sein bringt einfach nichts, das ist der Sache nicht förderlich. Ich werde mich ein bisschen zurücknehmen und dann gucken, was die Jugend so bringt bei uns.’"

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