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StartseiteWirtschaft und GesellschaftLohmeyer: Amazon ist Chance und Risiko für die"Washington Post"06.08.2013

Lohmeyer: Amazon ist Chance und Risiko für die"Washington Post"

Medienjournalist über die Hintergründe des Zeitungsverkaufs an den Onlineunternehmer Jeff Bezos

Durch den Verkauf an Amazon-Gründer Jeff Bezos habe die "Washington Post" die Möglichkeit, im Internet "ganz vorne dabei zu sein", sagt der Medienjournalist Karsten Lohmeyer. Es bestehe aber die Gefahr, dass "wirtschaftliche und journalistische Interessen gegeneinander laufen".

Karsten Lohmeyer im Gespräch mit Sina Fröhndrich

Eine Washington Post in einem Zeitungsautomat (dpa/picuture-allaince/Brendan Smialowski)
Eine Washington Post in einem Zeitungsautomat (dpa/picuture-allaince/Brendan Smialowski)
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US-Zeitung "Washington Post" wechselt Besitzer

Sina Fröhndrich: Das Kaffeeschlürfen oder der Toaster, der das Weißbrot hochschießt, oder das Knirschen im Mund, wenn der Löffel voll mit Cornflakes ist, das sind so typische Geräusche am Frühstückstisch. Manchmal gehört auch das Zeitungsrascheln noch dazu, aber eben nur manchmal, denn die Zeitung macht Platz für Tablet-PCs oder für Smartphones, manchmal auch Laptops. Es wird online gelesen.

Die Auflagen der meisten Zeitungen gehen seit Jahren zurück. Erst vor wenigen Tagen hat sich deswegen der Springer-Verlag von mehreren Titeln getrennt. Und auch in den USA kennt man das Problem, und zwar auch bei Traditionsblättern wie etwa der "Washington Post", bekannt geworden durch den Watergate-Skandal – zwei Journalisten hatten eine Abhöraffäre aufgedeckt, die dann zum Rücktritt von US-Präsident Nixon geführt hatte. Das alles nützt der "Washington Post" wenig, sie verliert Leser und jetzt ist das Traditionsblatt verkauft worden: an den Amazon-Gründer Jeff Bezos.

Eine große Zeitungsdynastie verkauft die "Washington Post" an den Amazon-Gründer Jeff Bezos. Was heißt das jetzt für das Traditionsblatt? Welche Chance bietet sich für die Journalisten und was könnten auch deutsche Verleger davon vielleicht lernen?

Das wollten wir von dem Medienjournalisten Karsten Lohmeyer wissen. Frage an ihn: Die Zeitung wird eigentlich totgesagt von vielen Seiten. Warum kauft Bezos trotzdem die "Washington Post"? Ist er ein Gutmensch?

Karsten Lohmeyer: Ich glaube nicht, dass Jeff Bezos eine Zeitung gekauft hat. Ich glaube auch nicht, dass Jeff Bezos ein Gutmensch ist. Der kann schon ganz gut rechnen. Er hat Journalisten gekauft, er hat Journalismus gekauft, er hat in Journalismus investiert. An die gedruckte Tageszeitung glaubt Jeff Bezos schon lange nicht mehr. Aber es ist ein Zeichen, er glaubt an Journalismus, und das sollte uns Journalisten Mut machen.

Fröhndrich: Und wenn wir das jetzt bewerten aus Sicht der Journalisten, aus Sicht der "Washington Post", ist das eine Chance, jetzt von dem Amazon-Gründer übernommen zu werden?

Lohmeyer: Ich denke, es ist Chance und Risiko zugleich. Auf der einen Seite bietet es zwei große Chancen: zum einen finanzielle Unabhängigkeit mit einem Milliardär im Rücken, zum anderen die Möglichkeit, plötzlich im Internet ganz, ganz vorne dabei zu sein, einen Riesenschritt in der Digitalisierung nach vorne zu machen. Das Risiko, klar, ist natürlich das wirtschaftliche Interesse eines Amazon-Gründers, eines Konzerns auch wie Amazon, der laut Auskunft jetzt nicht die "Washington Post" gekauft hat, sondern eben Jeff Bezos als Privatperson. Aber wie da wirtschaftliche und journalistische Interessen gegeneinanderlaufen, das werden wir noch sehen.

Fröhndrich: Und Sie sind da im Moment eher euphorisch und denken, dass die "Washington Post" davon profitieren kann, schreiben das sehr ausführlich in einem Blog-Eintrag. Welche konkreten Möglichkeiten ergeben sich denn für die "Washington Post" durch diesen Deal?

Lohmeyer: Nur kurz zu dem Wort "euphorisch". Euphorisch sehe ich die technischen Möglichkeiten. Die bereits genannten Risiken der Verquickung der journalistischen Unabhängigkeit, die sehe ich nach wie vor. Aber Amazon bietet eine unglaubliche Möglichkeit der Verbreitung von journalistischen Inhalten. Wir haben jetzt plötzlich eine Möglichkeit, über das Vertriebssystem von Amazon journalistische Inhalte an den Kunden zu bringen und auch ein sogenanntes Micropayment durchzuführen. Das heißt, ich kann plötzlich für einzelne Artikel zahlen, und das ist etwas, was alle Branchenexperten seit Jahren fordern.

Fröhndrich: Aber auf der anderen Seite wird ja auch darüber diskutiert, dass es jetzt vielleicht so eine Art Monopol geben könnte, was da entsteht. Wie sehen Sie das?
Portraitfoto: Amazon-Gründer und -Präsident Jeff Bezos steht vor einer Videowand auf der gezeichnete Pfeile zu sehen sind. (AFP / EMMANUEL DUNAND)Amazon-Gründer und -Präsident Jeff Bezos hat die "Washington Post" gekauft. (AFP / EMMANUEL DUNAND)
Lohmeyer: Ich kann mir das durchaus vorstellen. Man sehe sich nur an, was Apple jetzt, sagen wir mal, im Bereich Musik gemacht hat. Wenn jetzt plötzlich Amazon das gleiche im Bereich Journalismus wird, ja, könnte man denken, dass es ein Monopol erreicht. Ich hoffe, dass Amazon das Ganze offen gestalten wird, so ähnlich, wie es ja auch im Bereich E-Publishing geht, wo jeder Mensch sein eigenes E-Book veröffentlichen kann. Und wenn Amazon dieses System der Verbreitung, nämlich am besten über das Lesegerät Kindle für Journalisten öffnet, dass ich jetzt zum Beispiel als Blogger, als Journalist meinen eigenen Artikel darüber verbreiten kann, meine eigene Meinung, dann sehe ich eine große Chance darin.

Fröhndrich: Dann würde ich gerne noch mal auf einen Punkt eingehen, den Sie auch schon angesprochen haben. Jeff Bezos ist Unternehmer. Sie sagten, das könnte auch eine Chance für die Journalisten sein. Ist das auch insofern eine Chance, dass er als Unternehmer hinter einer Zeitung steht und dass das so eine generelle Entwicklung in den USA ist, die wir in den letzten Tagen auch beobachten konnten, dass es nicht mehr ein börsennotierter Verlag ist, sondern eben ein einzelner Unternehmer. Ist das eher Chance, statt Risiko?

Lohmeyer: Ich denke ja, denn wir wissen ja alle, dass mit Printjournalismus nicht mehr so viel Geld zu verdienen ist, mit Internetjournalismus eigentlich auch noch nicht wirklich viel. Und dann, wenn ich dann ein börsennotiertes Unternehmen bin, wo kriege ich dann meine Gewinne her, dieses berühmte Shareholder Value? Ich sehe diese Investition zum kleinen Teil auch ein bisschen so wie ein Mäzenatentum. Noch vor einigen Jahren haben sich Milliardäre Fußballvereine gekauft, heute kaufen sie sich Medienunternehmen und hoffentlich nehmen sie nicht zu viel Einfluss dann auf die öffentliche Meinung, siehe Berlusconi in Italien.

Fröhndrich: ... , sagt der Journalist Karsten Lohmeyer, und mit ihm habe ich über die "Washington Post" gesprochen, die vom Amazon-Gründer Jeff Bezos gekauft wurde.

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