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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Wir wollen regionalere Ernährungssysteme"13.11.2017

Lokal produzieren, lokal kaufen"Wir wollen regionalere Ernährungssysteme"

Städtische Ernährungsräte wollen, dass Lebensmittel wieder mehr lokal produziert und konsumiert werden. Das könne unter anderem über städtische Märkte und Direktvermarktung passieren, sagte Christine Pohl vom Ernährungsrat Berlin im Dlf. Um ein Wirken auf höhere Ebene zu erreichen, würden die Ernährungsräte sich als Bundesnetzwerk organisieren.

Christine Pohl im Gespräch mit Jule Reimer

Ein Obststand in der Kleinmarkthalle in Frankfurt am Main. (picture alliance / dpa / Roland Holschneider)
Es gibt viele Möglichkeiten, Versorgungsstrukturen in Städten zu organisieren, zum Beispiel über Märkte, sagt Christine Pohl (picture alliance / dpa / Roland Holschneider)
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Lokale Lebensmittelversorgung Regionales Essen für Großstädter

Jule Reimer: Städtische Ernährungsräte sind Gruppen, die, verkürzt gesagt, Essen zurück in die Regionen holen wollen. Dahinter verbergen sich Zusammenschlüsse von Vertretern der Stadtverwaltung, der lokalen Wirtschaft, Ernährungsfachleuten und Praktikern und vielen mehr. Am Wochenende trafen sich Ernährungsräte mehrerer deutscher Städte, um sich bundesweit zu vernetzen.

Christine Pohl vertritt den Ernährungsrat Berlin. Frau Pohl, lässt sich Ihr Anliegen so verschlagworten: Lokal produzieren, lokal konsumieren?

Christine Pohl: Durchaus. Das kann man auf jeden Fall sagen. Wir wollen regionalere Ernährungssysteme, die vor allem dann auch transparent sind für die Bürger und Bürgerinnen der Region. Aber das heißt natürlich nicht, dass wir nicht auch Teil einer größeren Region und eines globalen Systems sind. Aber wir wollen lokale zukunftsfähige Systeme, die die Hauptversorgung der Regionen darstellen.

"Es gibt ganz verschiedene innovative Modelle"

Reimer: Wie soll das dann praktisch aussehen? Sie sagen, Sie wollen Kleinerzeuger stärken. Aber für Supermärkte ist die Zusammenarbeit mit Kleinerzeugern häufig nicht so einfach, weil die ja bestimmte Mengen brauchen.

Pohl: Genau. Aber es gibt natürlich auch andere Möglichkeiten, Versorgungsstrukturen in Städten zu organisieren, und die wollen wir natürlich gleichermaßen stärken, damit die regionalen Erzeuger auch Möglichkeiten haben, in ihrer Region zu vermarkten. Das muss ja nicht immer alles über Supermärkte gehen.

Reimer: Zum Beispiel?

Pohl: Über Märkte, über so was wie Marktschwärmer, wo man vorab online bestellen kann und sich dann seine Lebensmittel aus der Region abholen kann. Direktvermarktung! Es gibt ganz verschiedene innovative Modelle, wie Lebensmittel aus der Region auch vor Ort in der Stadt dann konsumiert werden können.

Reimer: Sind diese Produkte dann teurer?

Pohl: Das wird sich zeigen. Das muss nicht so sein, denn es werden ja viele Zwischenhändler aus der Wertschöpfungskette oder aus den Wertschöpfungskreisläufen damit rausgenommen, bei denen die Hauptpreise auch oft entstehen. Gerade in Supermärkten sind die Aufpreise, um die ganze Kette damit zu bedienen und die Weiterverarbeiter und die Supermärkte auch ihre Margen haben wollen. Bei einer direkten Vermarktung muss es nicht unbedingt teurer sein.

Stärkung der Region = Schaffung von Arbeitsplätzen 

Reimer: Sie wollen ja auch, dass nachhaltig erzeugte Lebensmittel für einkommensschwache Haushalte zugänglicher werden. Wie soll das funktionieren?

Pohl: Einerseits dadurch, dass es nicht notwendigerweise teurer werden muss, wenn wir starke Wertschöpfungsnetze in Regionen aufbauen, Lebensmittel nicht unbedingt teurer sind. Gleichzeitig ist natürlich eine Stärkung der Region auch gleichzeitig zusammen zu sehen mit der Schaffung von Arbeitsplätzen in der Region. Das ist ja auch ein Anliegen, dass einfach in der lokalen Lebensmittelproduktion, in der Weiterverarbeitung, in den lokalen Märkten, in der Gastronomie auch Arbeitsplätze entstehen, sodass natürlich einfach Einkommen in der Region gestärkt werden und Arbeitsplätze geschaffen werden. Obendrein ist natürlich auch gleichzeitig von den lokalen Ernährungsräten ein Wirken auf höhere Ebenen gedacht, sodass wir gemeinsam uns als Bundesnetzwerk organisieren, um auch soziale Fragen auf einer höheren Ebene zu klären.

Reimer: Bitte um eine kurze Antwort wegen der höheren Ebenen. Was wünschen Sie sich für die Jamaika-Verhandlungen für die Bundesregierung?

Pohl: Wir wünschen uns natürlich, dass Landwirtschaft und Ernährung und auch urbane Ernährungspolitik ein Thema sind. Wir wollen das auf die kommunalen Agenden bringen und das sollte natürlich auf höheren Ebenen auch diskutiert werden. Aber zum Beispiel sind auch Fragen für uns, müssen Lebensmittel immer billig sein, oder welche anderen Wege gibt es, um alle an einem Ernährungssystem teilhaben zu lassen.

Reimer: Die Ernährungsräte deutscher Städte haben sich am Wochenende getroffen, um sich zu vernetzen. Antworten dazu, was die Bewegung will, von Christine Pohl vom Ernährungsrat Berlin. Schönen Dank nach Berlin.

Pohl: Ja, gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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