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StartseiteKalenderblattDas Zeitalter der Eisenbahn beginnt06.10.2019

Lokomotivrennen von RainhillDas Zeitalter der Eisenbahn beginnt

Am 6. Oktober 1829 fand auf der Bahnstrecke von Liverpool nach Manchester das Lokomotivrennen von Rainhill statt. Vier Lokomotiven nahmen teil, unter ihnen die "Rocket" aus der Fabrik des englischen Eisenbahnpioniers George Stephenson. Damit begann die Epoche der Eisenbahn.

Von Ulrike Rückert

Zeichnung einer Lok, die durch eine Landschaft fährt. Die Leute ringsum winken ihr zu. (imago/United Archives)
Eröffnung der ersten Eisenbahnstrecke 1830 in Canterbury, England (imago/United Archives)
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"Für die Damen ist ein Zelt errichtet, hier unterhält eine Musikkapelle die Gesellschaft. Auf allen Straßen sieht man Szenen wie vor einer Pferderennbahn an Renntagen. Es ist schwer, die Zahl der Personen zu schätzen, aber es können nicht weniger als zehntausend sein", berichtete der Reporter der London Times aus dem Dorf Rainhill bei Liverpool. Doch nicht schnelle Rösser lockten hier am 6. Oktober 1829 die Zuschauermassen an. Sie kamen für eine Schau modernster Technik - einen Wettkampf von Dampflokomotiven.
   
"Wohl noch nie zuvor waren so viele Männer der Wissenschaft und Ingenieure an einem Ort versammelt. Die interessante und wichtige Natur dieses Experiments hat sie aus allen Teilen des Königreichs angezogen."

Ungetüme mit Neigung zu Kesselexplosionen

Ort des Spektakels war die unfertige Gleisstrecke der "Liverpool and Manchester Railway", auch sie ein Fanal einer neuen Zeit: Gebräuchlich waren Schienenbahnen bisher in den englischen Kohlerevieren, um Kohle von den Zechen zur nächsten Schiffsverladestelle zu befördern. Bewegt wurden die Waggons von Pferden, dampfbetriebenen Seilwinden oder von Dampflokomotiven: plumpen Ungetümen mit einer Neigung zu Kesselexplosionen. Es war daher ein kühner Plan, den enormen Verkehr zwischen der Hafenstadt Liverpool und der Industriemetropole Manchester von Frachtschiff und Postkutsche auf die Schiene zu verlegen und dabei auf die Lokomotive als Antrieb zu setzen, und er stieß auf heftigen Widerstand:

"Es hieß, dass erstens diese neue Antriebskraft der Aufgabe nicht genügen könne, zweitens, dass sie nicht sicher sei, und schließlich, dass sie ein öffentliches Ärgernis sein würde", resümierte Henry Booth von der Bahngesellschaft.

Schließlich waren die Proteste überwunden und der Streckenbau in vollem Gange – ein Tunnel wurde unter den Straßen von Liverpool gebohrt, über sechzig Brücken errichtet, ein Felshügel in der Mitte entzweigeschnitten und ein schwimmender Damm über ein Moor gelegt. Da befielen die Direktoren Zweifel, ob die Lokomotive die richtige Wahl war oder doch eine Reihe von Dampfwinden mit einem System von Seilzügen vorzuziehen sei. Weder Studienfahrten in die Bergbaureviere noch Expertengutachten halfen bei der Entscheidung. Und so erschienen im Frühjahr 1829 Annoncen in den Zeitungen:

"An Ingenieure und Eisengießer. Die Direktoren der Liverpool and Manchester Railway bieten hiermit eine Prämie von fünfhundert Pfund für eine Lokomotive, die eine entschiedene Verbesserung gegenüber allen bisher konstruierten darstellt."

Siegesfahrt der Lokomotive "Rocket"

Am 6. Oktober waren fünf unterschiedliche Modelle in Rainhill eingetroffen. Eines war vom Transport so beschädigt, dass es nicht starten konnte, ein anderes galt nur als Kuriosum - es wurde von zwei Pferden in einer Art Tretmühle angetrieben. Die übrigen drei paradierten zunächst ohne angehängte Waggons vor den Zuschauern:

"Die Geschwindigkeit aller anderen Lokomotivdampfwagen wurde weit übertroffen von der schönen Maschine von Braithwaite und Co. Sie schien in der Tat zu fliegen."

Dann begann der Ernst der Prüfung: Um Zugkraft und Zuverlässigkeit zu beweisen, mussten die Lokomotiven mit Steinen beladene Waggons zwanzigmal auf der Teststrecke hin und herziehen. Mit Pausen für Reparaturen dauerte die Veranstaltung ganze neun Tage. Nur eine bestand ohne Fehl und Tadel: die "Rocket" aus der Fabrik von George Stephenson, der auch Chefingenieur der Bahngesellschaft war. Auf ihrer Siegesfahrt triumphierte sie noch mit einem neuen Geschwindigkeitsrekord.

"Alle riefen unwillkürlich aus: ‚Die Kraft des Dampfes hat keine Grenzen!‘"

Damit war nicht nur die Frage entschieden, welche Technik die "Liverpool and Manchester Railway" einsetzen würde. In Rainhill begann die Epoche der Eisenbahn, und schon Zeitgenossen wie Henry Booth verstanden, welch einschneidender Schritt dies war. Nach der Eröffnung der Bahnlinie im folgenden Jahr schrieb er:

"Vielleicht das bedeutendste Resultat ist der plötzliche Wandel unserer Vorstellungen von Zeit und Raum. Geschwindigkeit – Entfernung – das sind noch immer relative Begriffe, doch ihre Bedeutung hat sich in wenigen Monaten völlig verändert: was schnell war, ist nun langsam, was fern war, ist nun nah. Und dieser Wandel wird das ganze Leben beeinflussen."

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