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StartseitePolitische Literatur (Archiv)"Lolita lesen in Teheran"05.09.2005

"Lolita lesen in Teheran"

Zwei Erlebnisberichte von iranischen Intellektuellen

Die gesellschaftliche Entwicklung im Iran entspricht nicht unbedingt dem Bild, das wir vom Land der Mullahs haben. Gerade die jungen Leute dort wenden sich zusehends von der Staatsideologie und einer zwangsverordneten Religiosität ab - eine Entwicklung, wie sie auch Azar Náfizi und Reza Hayatpour vollzogen haben: zwei Intellektuelle, die den Ausbruch aus der sozialen und geistigen Enge im Iran nach der islamischen Revolution gewagt und nun eindrucksvolle Erlebnisberichte vorgelegt haben.

Von Katajun Amirpur

Iranische Frauen warten vor einem Wahllokal. (AP)
Iranische Frauen warten vor einem Wahllokal. (AP)

Hat Literatur eine subversive Kraft? Kann Literatur etwas bewirken in einem durch und durch ideologisierten Staat? Azar Nafisi hat diese Frage für sich bejaht und daraus Konsequenzen gezogen. Mitte der 90er Jahre gab die iranische Anglistin ihre Professur an der Universität Teheran auf und gründete einen privaten Lesekreis. Zu vieles war an der Universität verboten. Statt sich länger dem Lehrplan-Diktat der Mullahs zu unterwerfen, ging Nafizi ihren eigenen Weg: Einer Gruppe ausgewählter Studentinnen wollte sie die Literatur nahe bringen, die Iran aus dem Lehrplan der Schulen und Universitäten verbannt hatte. Verbotene Bücher. Nabokovs "Lolita", Fitzgeralds "Der große Gatsby", Bücher von Henry James und Jane Austen. Nafizi versammelte sieben unterschiedlichste junge Frauen um sich, die nur aus Liebe zur Literatur am Unterricht teilnehmen sollten. Das Ziel: eine intellektuelle Freiheit, wie sie an der Universität seit den 80er Jahren nicht mehr möglich war.

In den achtziger Jahren musste Literatur in Iran ideologisch sein, sie sollte das Volk im Sinne des Islam erziehen. Freiheit, Individualität, Pluralität der Lebensentwürfe – diese Themen hatten in Iran nach der Revolution von 1979 keinen Platz mehr. Ein Buch wie "Der große Gatsby" somit auch nicht. Da betrügt die Protagonistin, Daisy, ihren Mann - und prompt lautet der Vorwurf an Azar Nafizi, die das Buch im Seminar an der Universität unterrichtet, sie stifte ihre Studentinnen zum Ehebruch an. Der Leiter der Literaturfakultät sagte ihr damals:

"Dieser Gatsby ist der Held des Buches – und wer ist er? Er ist ein Scharlatan, ein Ehebrecher, er ist ein Lügner. Das einzig Gute an diesem Buch ist, dass es die Unmoral und Dekadenz der amerikanischen Gesellschaft bloßlegt, aber wir haben gekämpft, um uns von solchem Schund zu befreien, und es ist höchste Zeit, dass solche Bücher verboten werden."

Also strich man das Buch vom Lehrplan. Ganz ähnlich: Der Fall "Lolita". Aus Sicht des offiziösen Iran eine Katastrophe. An manchen Stellen, so die Argumentation, könnte der Leser Mitgefühl entwickeln für den Mann, der eine Minderjährige ent- und verführt. Oder ist es die Kleine, die ihn verführt? Auch diese Antwort ist im Roman angelegt. Beide Interpretationen taugen nicht für die Islamische Republik. Genauso wenig wie die Bücher von Jane Austen. Selbständige, eigenwillige Frauen? Frauen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen? Gänzlich unislamisch. Eine ideologisierte Gesellschaft kann keine Andersartigkeit zulassen. Diese Erfahrung beschreibt auch Azar Nafizi in ihrem Buch "Lolita lesen in Teheran":

"Jeder große Roman, den wir lasen, stellte die herrschende Ideologie in Frage. Er wurde zu einer potentiellen Bedrohung für sie, nicht durch das, was er aussagte, sondern durch das wie, durch seine Haltung gegenüber dem Leben und der Literatur."

Nafisi lud sieben Frauen ein, mit ihr zu lesen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Zwei strenggläubige Frauen waren darunter wie auch Frauen aus der mehr oder minder verwestlichten Mittelschicht. Allein die Spannung, die zwischen diesen so unterschiedlichen Frauen herrscht, wäre schon ein Buch wert gewesen. Doch Nafizi zeigt darüber hinaus sehr einfühlsam auf, wie diese Literatur auf die Frauen wirkt: wie sich die Religiöseren beispielsweise zuerst distanziert äußern und dann doch der magischen Kraft der Bücher erliegen. Und es geht um die Geschichten dieser Frauen, um ihre Erfahrungen, während der Islamischen Revolution. Deshalb ist "Lolita lesen in Teheran" auch ein eindrucksvoller Bericht über das Leben während der Revolution und in den ersten Jahren danach.

Eine der sieben Leserinnen ist Nassrin. Die glühende Anhängerin der Revolution erzählt ihre Geschichte: Wie sie, fast noch ein Kind, verhaftet wurde. Auf einer Demonstration der oppositionellen Volksmudschaheddin, wo sie mehr aus Zufall mitmarschierte und Flugblätter verteilte. Zehn Jahre lang saß sie im Gefängnis, wusste nie, ob sie die Nacht überleben würde, hörte, wie die Todeskandidatinnen vergewaltigt wurden, denn nur wenn sie keine Jungfrauen mehr waren, war sichergestellt, dass sie nicht ins Paradies kommen würden.

"Das Schlimmste war, wenn sie mitten in der Nacht Namen von Gefangenen gerufen haben. Das waren die Todeskandidaten, wir haben das gewusst. Sie haben auf Wiedersehen gesagt, und bald darauf haben wir Schüsse gehört. Ein Mädchen war dabei – ihre einzige Sünde bestand darin, dass sie so schön war. Man hatte ihr eine moralische Verfehlung angehängt und sie ins Gefängnis gesteckt. Sie haben sie über einen Monat behalten und immer wieder vergewaltigt. Sie haben sie von einem Wächter zum nächsten weitergereicht."

Die gemeinsame Lektüre mit Azar Nafisi eröffnet Nassrin und den anderen Frauen eine neue Welt. Sie wundern sich über die Abgründe der menschlichen Seele, die in diesen Büchern beschrieben werden und entwickeln – gerade aus der Erfahrung der Islamischen Republik heraus - ein neues Verständnis für Moral. Die Mädchen fangen an zu begreifen, dass das alles nicht so einfach ist, nicht so schwarz-weiß wie die Ideologie, mit der sie aufgewachsen sind. Und das ist die subversive und magische Kraft von Literatur.

Einen weiteren eindrucksvollen Erlebnisbericht der ersten Jahre nach der iranischen Revolution von 1979 hat Reza Hajatpur vorgelegt. Der Iraner entschloss sich einige Jahre vor der Revolution Mullah zu werden.

Gegen den Willen seiner Eltern geht er nach Ghom, ins theologische Zentrum Irans und studiert dort Koranwissenschaften. In Ghom suchen sich die Studenten ihre Lehrer selbst aus und leben dann mit ihnen in deren Hochschule. Auf dem Stundenplan steht das Studium der arabischen Grammatik, des islamischem Rechts und vor allem der Rhetorik, um sie auf ihre spätere Rolle als Prediger vorzubereiten.

Zuerst ist der junge Mullah begeistert vom Lebensweg, den er eingeschlagen hat. Doch langsam stellen sich Zweifel ein. Der junge Student zweifelt an der Festigkeit seines Glaubens, er hinterfragt die Religion an sich. Und damit durchlebt er einen alten Konflikt der islamischen Geistesgeschichte. "Tod den Philosophen" hat man in dieser Religion schon immer gerufen, wenn einer seine Skepsis an der Heiligkeit bestimmter Dogmen äußerte. Schlimmer zu schaffen machen ihm jedoch die Zweifel an der Integrität seines Berufsstandes. Wie die Geistlichen ihre Kritiker mundtot machen und sie verfolgen. Wie sie die Gesellschaft unterdrücken. Wie Gegner des Regimes umgebracht werden – auch im Auftrag der Mullahs.

"Eine Revolution, die ursprünglich einen Diktator beseitigt hatte, wurde selbst zur Diktatur, mit einem neuen Namen. Die Herrschaft der religiösen Autorität setzte sich die Krone eines Diktators auf. Man erlebte eine erbarmungslose Gewalt."

Auch seine familiäre Situation spitzt sich zu: Die Familie seiner Frau zählt zu den glühendsten Anhängern des Regimes. Immer häufiger kommt es zum Streit zwischen den Eheleuten. Dass Hajatpour kritische Fragen stellt, nimmt sein Schwager zum Anlass, ihn zu denunzieren. Er sei vom Glauben abgefallen, agitiere gegen die Islamische Republik. Hajatpour wird vor den "Sondergerichtshof für Geistliche" gestellt, eine Institution, die Kritiker aus den Reihen der Geistlichkeit aburteilt. Er schafft es, seine Glaubenstreue zu beweisen und dass er kein Feind der Islamischen Republik ist. Doch seine Zweifel wachsen.

"Frei sein, flüsterte ich, in einem Gefühl des Wohlbefindens. Frei sein, von allem, was mich trog; von falschen Propheten, von verblendeten Geistlichen, von heilenden magischen Gebeten, von Prophezeiungen, von allen scheinbaren Heiligen, die dem unbeschriebenen Blatt der menschlichen Instinkte und der einfachen Natur des Selbst die Keuschheit rauben."

Schließlich verlässt er Frau und Kinder und geht nach Deutschland. Heute lehrt er an der Universität Bamberg Islamwissenschaften. Gerade weil Hajatpours Bericht für ein deutsches Publikum so spannend ist, ärgert man sich, wie der Suhrkamp Verlag mit dem Buch umgegangen ist. Anscheinend hat er das Lektorat schlicht abgeschafft. Man kann von einem Ausländer, der mit dreißig Jahren angefangen hat, Deutsch zu lernen, keine literarische Glanzleistung erwarten. Aber man kann von einem Lektorat verlangen, dass es Sätze nicht zulässt, die beispielsweise so klingen: "Dieser Sommer kostete viele Menschen das Leben, niedergemetzelt in ihrem Verlangen nach Recht und Freiheit." Das ist orientalisches Pathos, das sich im Deutschen einfach lächerlich anhört. Das muss nicht sein.

Azar Nafizi: "Lolita lesen in Teheran"
Deutschen Verlags Anstalt
424 Seiten, 17,90 Euro

Reza Hayatpour: "Der brennende Geschmack der Freiheit. Mein Leben als junger Mullah im Iran"
Suhrkamp Verlag
228 Seiten, 10 Euro

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