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StartseiteBüchermarktGeistesakrobatik und ihre Feinde08.08.2021

Louis Kaplan: "Vom jüdischen Witz zum Judenwitz"Geistesakrobatik und ihre Feinde

Ein Jude, der die NSDAP finanziert, ein Nazi-Propagandist, der behauptet, jüdische Witze seien für Arier unverständlich und sie dennoch im Kampf gegen das Judentum einsetzen will: Louis Kaplan analysiert die Paradoxien in der Geschichte des jüdischen Witzes und des Judenwitzes.

Von Tobias Lehmkuhl

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Louis Kaplan und sein Buch „Vom jüdischen Witz zum Judenwitz. Eine Kunst wird entwendet“ (Foto: privat, Buchcover: Verlag Die Andere Bibliothek)
Louis Kaplan und sein Buch „Vom jüdischen Witz zum Judenwitz. Eine Kunst wird entwendet“ (Foto: privat, Buchcover: Verlag Die Andere Bibliothek)

Die Vermutung, dass sich der jüdische Witz von dem anderer Völker unterscheidet, ist nicht neu. Bereits 1810 gab Solomon Ascher ein Buch namens "Der Judenfreund oder Auserlesene Anekdoten, Schwänke und Einfälle von den Kindern Israels" heraus. Ein jüdisches Witzbuch aus napoleonischer Zeit also. Und wenn es Louis Kaplan in seiner Studie über den jüdischen Witz konsequent vermeidet, aus seinem Gegenstand humoristisch Kapital zu schlagen, wollen wir doch eingangs ein Beispiel für ebendiesen Gegenstand anführen:

"Zwei polnische Juden verließen ihr Heimatdorf, um ihr Glück im Westen zu suchen. In Berlin angekommen, sagte der eine, er sei weit genug gefahren, doch der andere wollte weiter nach Paris. Da ihm dazu die Mittel fehlten, flehte er seinen Freund an, ihm hundert Mark zu leihen, und versprach, er würde sie mit Zinseszins zurückzahlen, sobald er sein erstes Geld verdiente. Es erübrigt sich zu sagen, dass er das Geld nicht zurücksandte, auch nicht ohne Zinsen. Zehn Jahre später wurde der, der in Berlin geblieben war, von seinem Dienstherrn nach Paris geschickt und staunte nicht schlecht, als er hörte, dass sein alter Freund ein sehr erfolgreicher Börsenmakler geworden war. Er ging also zu ihm und sagte: 'Hör mal, Itzik, ich bin immer noch ein armer Mann, und du sollst sehr reich sein. Warum hast du mir meine hundert Mark nie zurückbezahlt?' 'Quoi?' entrüstete sich der andere plötzlich auf Französisch. 'Dir zurückzahlen? Erst müsst ihr Deutschen uns Alsace-Lorraine zurückgeben!'"

Witz und Unbewusstes

Witze kamen freilich nicht erst 1810 ins Buch. Eines der Gründungsdokumente der europäischen Literatur ist das vor Witz geradezu platzende Werk des François Rabelais, "Gargantua und Pantagruel". Diesem fünfbändigen Roman des frühen 16. Jahrhunderts widmete Michail Bachtin seine 1940 entstandene epochale Studie "Rabelais und seine Welt. Volkskultur als Gegenkultur". Sie ist neben Sigmund Freuds Abhandlung über den "Witz und seine Beziehung zum Unbewussten" die bedeutendste Arbeit über Funktionen und Ausformungen menschlicher Komik. Im Untertitel von Bachtins Studie, "Volkskultur als Gegenkultur", klingt schon das subversive Element des Witzes an.

Nun liegt die Besonderheit des jüdischen Witzes gerade darin, dass er sich auf einer bestimmten Ebene gegen den Sprecher selbst richtet. Schon im 19. Jahrhundert hat man die Selbstironie als ein Alleinstellungsmerkmal des jüdischen Witzes ausgemacht, die Art und Weise, wie er vermeintliche jüdische Eigenheiten auf die Schippe nimmt.

Sprache der Kriegsführung

Diese an sich sympathische Eigenschaft hat leider den Nachteil, dass sie gegen den Witzerzähler selbst gerichtet werden kann. Wer die Selbstironie nicht versteht oder nicht verstehen will, sagt schnell: Schaut, die Juden behaupten doch selbst, dass sie geizig, unrein oder sonst etwas sind, also muss es doch stimmen. Die jüdische Selbstironie wird in den Händen der Antisemiten zur Waffe.

"Witze und Propaganda wurden immer schon so begriffen, dass sie die strategische Sprache der Kriegsführung als zu mobilisierende Waffe einsetzen, und beiden ist hinsichtlich dessen, wie sie operieren und fluktuieren, eine bestimmte Art von Mobilität gemein. Für die Mobilisierung des jüdischen Witzes als totalitäre Propagandawaffe gelangte eine zweischneidige Strategie zur Anwendung: sie persiflierte und verspottete den jüdischen Feind und nahm den Witz gleichzeitig allzu ernst."

Wendigkeit des jüdischen Witzes

In sechs Kapiteln, in deren Mittelpunkt jeweils eine andere Person steht, erzählt Louis Kaplan von dieser Janusköpfigkeit des jüdischen Witzes. Er beleuchtet, welche Rolle der Witz in den kulturellen Konflikten um jüdische Identität vor allem in den 20er und 30er Jahren gespielt hat. Sein Buch ist also alles andere als ein Witzbuch. Es macht überdies anschaulich, was für eine ernste Sache der jüdische Witz im 20. Jahrhunderts mitunter war und auch heute noch sein kann.

Kaplan zeigt unter anderem, wie die Wendigkeit des jüdischen Witzes gegen den geradlinigen deutschen Humor ausgespielt wurde. Bevor jedoch die Nazis die Selbstironie des jüdischen Witzes in ihrem Sinne instrumentalisierten, erkannten jüdische Intellektuelle die Gefahr, die im jüdischen Witz lag. Kaplan geht ausführlich auf einen Disput ein, der sich um Aufführungen im Kabarett der Komiker Mitte der 1920er Jahre entspann.

Jude und Antisemit

Im Mittelpunkt dieses Disputs steht Alfred Wiener. Er war Funktionär des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der größten, 1893 gegründeten jüdischen Schutzorganisation jener Zeit.

In einem 1925 lancierten Artikel in der Zeitung des Centralvereins griff er scharf die jüdischen Kabarettisten in Berlin, insbesondere das Kabarett der Komiker an. Erst im Vorjahr gegründet war der Erfolg dieses Hauses enorm. Im Kabarett der Komiker war auch die erste Hitler-Parodie auf einer Bühne zu sehen:

"(Darin spielte) Curt Bois einen römischen Soldaten namens Gojus, auf dessen Brust ein übergroßes Hakenkreuz prangte. Eigentlich sollte man meinen, dass Robitschek allein wegen der über dreihundert Mal gespielten Satire und ihres nach außen gerichteten Spotts beim jüdischen Publikum besonders beliebt gewesen sein muss; der KadeKo-Humor war für seine Unverschämtheit bekannt, sie schlug in beide Richtungen aus und verschonte niemanden. Insofern verkörperte Robitschek den Gesetzlosen unter den Komikern, dessen freches, unverfrorenes und respektloses Verhalten auf der Jagd nach einem Lacher auch vor der Diffamierung des jüdischen Charakters nicht Halt machte und der deshalb unter genauer Beobachtung durch den Centralverein stand."

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk (imago / fStopImages / Malte Müller) (imago / fStopImages / Malte Müller)

Weisheit des Witzes

Alfred Wieners Ansicht nach schlug die jüdische Selbstironie in den Berliner Kabaretts allzu häufig und deutlich in Selbsthass um. Im darauffolgenden Frühjahr rief der Centralverein sogar zu zwei Demonstrationen gegen die jüdische Kabarettkultur auf.

In seiner Analyse macht Louis Kaplan deutlich, wie schmal der Grat zwischen jüdischer Selbstironie und Antisemitismus ist. Sie sind, so Kaplan, zwei Seiten derselben Medaille. Der jüdische Witz ist, anders formuliert, seinem Wesen nach ambivalent. Würde er nicht das gegen sich selbst gerichtete, also das antisemitische Element in sich tragen, wäre er kein jüdischer Witz.

Wie ein jüdischer Witz klingt auch die Geschichte des Antisemiten Arthur Trebitsch, auf die Kaplan in einem eigenen Kapitel eingeht. Als Sohn eines reichen jüdischen Seidenhändlers in Wien geboren, musste er sich zeitlebens keine Sorgen ums Geld machen und konnte am laufenden Band antisemitische Pamphlete verfassen, mehr noch, er besaß genug Vermögen, um die frühe NSDAP finanziell zu unterstützen und damit einen Teil zu ihrem Aufstieg beizutragen. Hitler spielte sogar mit dem Gedanken, Trebitsch zum Chefideologen der Partei zu machen.

Der fliehende Blick

In seiner Schrift "Geist und Judentum", geht Trebitsch ausführlich auf den jüdischen Witz ein. Er sieht in ihm ein Täuschungs- und Ablenkungsmanöver, das das wahre Selbst der Juden zu verbergen suche.

Trebitsch, stellt Kaplan fest, denkt dabei ausschließlich in binären Oppositionen. So attestiert er dem arischen Geist einen "festen" Blick, während dem Juden "der flüchtige, fliehende Blick" zu eigen sei. Der eine gerade, der andere krumm. Der eine edel und zivilisiert, der andere von niederem und dekadentem Wesen. Daher, so Trebitsch, die Begeisterung der Juden für Wortspiele. Ihnen gefalle die linguistische Verdrehung der Dinge. Dem Arier dagegen stünden die dinglichen Verschiedenheiten vor Augen. Klangliche Ähnlichkeiten würden ihm unverständlich bleiben. Louis Kaplan analysiert scharfsinnig:

"Trebitsch stellt den 'sekundären Geist' des 'Judenwitzes' dem 'primären' des deutschen Humors gegenüber. Aber wenn Nichtjuden ohnehin nicht in der Lage sind, die Komik des jüdischen Witzes zu verstehen, beginnt man sich zu fragen, an wen sich Trebitsch mit seiner Analyse des jüdischen Witzes eigentlich wendet?"

Arthur Trebitsch, als antisemitischer Jude selbst eine paradoxe Figur, versucht - paradoxerweise - zum wahren Kern des jüdischen Witzes vorzudringen, ihn also konsequent ernst zu nehmen. Gäbe es diesen wahren Kern, wäre der Witz allerdings kein Witz mehr, spielt er doch, wie Kaplan schreibt, mit der konjunktivischen Möglichkeit radikaler und kontraintuitiver Umkehrung.

Den Widerspruch leben

Witze allerdings werden nicht nur erzählt oder in Witzsammlungen nachgelesen, auch Karikaturen gehören in den Bereich des Witzes. Karikaturen arbeiten zwar in der Regel durchaus mit Worten, das visuelle Element aber verleiht ihnen eine zusätzliche Ebene. Louis Kaplans Buch sind zahlreiche Abbildungen beigegeben, darunter etwa die Zeichnung eines Juden im Bade. Sie illustriert folgenden Witz.

"Das Jahr war um, Barches besuchte wieder die Badeanstalt, um ein Wannenbad im gemeinschaftlichen Baderaume zu nehmen. In der Wanne nebenan saß ein blonder Hüne, die typische Erscheinung des nationalen Mannes, der ein unsichtbares Hakenkreuz auf der Stirn trägt. Schüchtern und angstvoll saß Barches in seiner Wanne. Kein Wort wagte er zu sprechen, um ja nur keinen Pogrom hervorzurufen. Da erhebt sich der Blonde in seiner ganzen stattlichen Größe. Barches‘ Blick streift an seiner Gestalt entlang, plötzlich erhellen sich seine Züge und freudig fragt er den anderen: 'Sagen Sie, wann haben wir heuer Versöhnungstag?'"

In der Mehrzahl sind die Karikaturen allerdings nicht von Juden angefertigt und besitzen eine klare Stoßrichtung. Eine stammt sogar von Adolf Hitler. Man kann sie eigentlich kaum eine Karikatur nennen, entbehrt sie doch jeden Humors: Zu sehen sind ein hakennasiger alter Jude und eine junge blonde Frau, darunter ein Sarg mit dem Schild: "Deutschland". Eine Illustration also eher des Treitschke’schen Ausspruchs, die Juden seien Deutschlands Unglück.

Dass wir uns überhaupt aus einer wissenschaftlichen und kulturhistorischen Perspektive mit Karikaturen beschäftigen, ist mit ein Verdienst von Eduard Fuchs, der im Jahr 1902 in zwei Bänden "Die Karikatur der europäischen Völker" herausgab und damit zu einem der Begründer der Kulturwissenschaft wurde und als reicher Kunstsammler, überzeugter Sozialist und Mitglied der kommunistischen Partei selbst den eines Witzes würdigen Widerspruch lebte.

Propagandistische Sündenbock-Taktik

Im Jahr 1921 veröffentlichte er "Die Juden in der Karikatur". Darin geht er auf das von Hitler gezeichnete Wahlplakat ein, mit dem bei den Wahlen sowohl zur deutschen Nationalversammlung von 1919 als auch bei den Wahlen in Österreich 1920 die Mauern übersät gewesen seien. Die "ziemlich albern in die Welt schauende Maid", schreibt er, "durch die auf diesem Plakat das germanische Deutschland verkörpert sein soll, dürfte anspruchsvollen Gemütern freilich ebensowenig imponieren, wie die danebenstehende häßliche Judenfratze." Kaplan kommentiert:

"Fuchs traut der kultivierten Öffentlichkeit, ihrer Vernunft und ihrem Urteilsvermögen zu viel zu, wenn er meint, sie werde die Karikatur des künftigen Führers schon richtig zuordnen. Insofern war es tatsächlich unerheblich, dass die deutsche Maid 'ziemlich albern' aussah. Viel entscheidender war, was die Gegenüberstellung von 'deutscher Maid und alter Jude' in der deutschen Psyche symbolisierte (und mobilisierte)."

Welche Rolle Witze, oder vielmehr das gehässige und aggressive Lachen für die NS-Propaganda spielten, macht Louis Kaplan in seinem Buch anhand des Propagandisten Siegfried Kadner und seines Werks über "Rasse und Humor" deutlich. Kaplan zitiert Goebbels, der der Überzeugung war, dass man die Lacher auf seine Seite ziehen muss, um den Kampf um die Deutungshoheit zu gewinnen, und nicht nur den.

"Lacht ihn tot" heißt gar ein 1937 erschienenes Buch des Karikaturisten Walter Hoffmann. Auf dem Titelblatt sieht man einen hakennasigen Alten in schwarzem Umhang, der von vier identischen jungen Männern mit weit aufgerissenen Mündern ausgelacht wird.

Reine Geistesgymnastik

Wollte man wirklich so tun, als gäbe es einen jüdischen und einen deutschen Humor und ließen sich beide sauber voneinander trennen, so könnte sich jeder aussuchen: Mit dem jüdischen Witz über sich selbst lachen oder mit dem deutschen Witz über andere lachen.

Siegfried Kadner nun würde behaupten, es gäbe gar keinen deutschen Witz, sondern nur deutschen Humor. Witz und Satire seien geistige Konstruktionen, reine Geistesgymnastik, die dem gesunden, geraden, dem körperlichen und ehrlichen Deutschen denkbar fern lägen. Im jüdischen Witz meint er alles Falsche und Krumme des jüdischen Wesens zu erkennen.

Gleichzeitig schätzt er den jüdischen Witz, denn die wirksamsten Judenwitze, so Kadner, stammten von Juden selbst. Einerseits also seien Judenwitze nicht witzig, andererseits funktionierte sie hervorragend, um sie gegen die Juden einzusetzen.

"Die Paradoxie vom 'Feindhelfer' erinnert an die absurde Logik jüdischer Witze und ihre radikale Inversion. Ein Beispiel: Zwei Juden sitzen im Restaurant und beide bestellen Forelle. Als das Essen serviert wird, nimmt sich der eine die größere Portion und überlässt dem Freund die kleinere. Als dieser sich beschwert, dass das doch unhöflich sei und dass er, wenn er aufgetragen hätte, sich die kleinere Portion genommen hätte, erwidert der andere, er habe sie doch jetzt auf dem Teller und warum er sich beschwere. So wird eine unhöfliche oder auch ungerechte Handlung verdreht (und herangezogen) und als das präsentiert, was das Opfer ohnehin immer schon wollte."

Witz und Trauer

Gleichwohl, muss man hinzufügen, gab es unter den Nazis sicher niemanden, der sich für diese Feststellung interessiert hätte. Ziel war es schließlich "als Letzter zu lachen", bzw. darauf hinzuarbeiten, dass das Judentum "nichts mehr zu lachen hat", wie Goebbels zwei Monate nach der Wannsee-Konferenz in sein Tagebuch notiert.

Damit endet allerdings die Geschichte nicht. Es gibt noch ein Nachleben des jüdischen Witzes in Deutschland, das Kaplan überaus spannend im letzten Kapitel seines Buches darstellt und untersucht. Zwar lebten, schreibt er, nach dem Holocaust kaum noch Juden in Deutschland. Jüdische Witze und Witzbücher aber wurden zum Austragungsort und Blitzableiter, um die Problematik der deutsch-jüdischen kulturellen Erinnerung und die Komplexitäten von Philo- und Antisemitismus auszuspielen.

Als Beispiel dient ihm das 1960 von Salcia Landmann zusammengestellte Witzbuch "Der jüdische Witz". Es war ein großer Verkaufserfolg, über eine halbe Million Exemplare wurden in den ersten zehn Jahren verkauft, Neuauflagen wurden immerzu um neue, von den Lesern zugesandte Witze erweitert.

Auslöschung einer Kultur

Worin lag dieser Erfolg begründet? Bot das Buch einen "Augenblick der befreienden Komik", wie ihn sich Wohlmeinende erhofften? Oder wurde mithilfe von "Der jüdische Witz" vielmehr so etwas wie Trauerarbeit geleistet?

An dieser Stelle erkennt Kaplan einmal mehr die Janusköpfigkeit des jüdischen Witzes: Er könnte zur Trauerarbeit beitragen, sie gleichzeitig aber auch zu einem Witz machen. Wie eng Lachen und Trauer miteinander verbunden sind, macht er anhand einer Szene aus James Joyce’ "Finnegans Wake" deutlich.

Was er jedoch nicht thematisiert, und das bildet den einzigen blinden Fleck in seiner vielschichtigen Analyse, ist die Frage, was eigentlich betrauert wird: Der Tod von sechs Millionen Menschen? Die Auslöschung der jüdischen Kultur in Deutschland, die über Jahrhunderte eben auch Teil der deutschen Kultur war? Oder wird gar der Verlust des jüdischen Witzes selbst betrauert und halten wir mit Landmanns Anthologie eine Sammlung von Witzleichen in der Hand, die uns bewusst macht, dass es keine Nachkommen, keine neuen Witze mehr gibt, dass wir also in einer witzarmen, ja witzlosen Zeit leben?

Was Salcia Landmanns Witzbuch betrifft, so war der Erfolg nicht nur beim Publikum, sondern ebenfalls bei der Kritik überwältigend. Mit einer Ausnahme: der österreichische Autor Friedrich Torberg, selbst Jude, schrieb, man könne nicht jedes Buch, nur weil es von einem Juden stamme, automatisch für gut befinden:

"Gott erhalte den Deutschen ihre Verkrampfung, eh daß sie sich mit Hilfe dieses Buches löse! Denn es wäre eine höchst unheilvolle und ihrerseits verkrampfte Lösung. Der Krampf besteht in einem völlig mißverstandenen, wenn auch den edelsten Motiven entsprungenen Bedürfnis, eine 'geistige Wiedergutmachung' zu leisten, die es offenbar nicht zuläßt, ein Buch schlecht zu finden, wenn es von einem Juden, einem Emigranten oder antinazistischen Widerständler verfaßt ist oder wenn es (selbstverständlich auf 'positive' Art) einem der drei entsprechenden Themenkreise angehört. Im vollen Bewußtsein meines avantgardistischen Risikos wage ich zu behaupten, daß auch das Buch eines Juden, eines Emigranten oder eines Antinazis schlecht sein kann."

Blick für die Absurditäten

Und in der Tat fand Torberg das Buch von Landmann schlecht, die Witze schlecht erzählt. Ja, es ist bezeichnenderweise gerade ein Witz über einen Trauerredner und seine Bezahlung, der seinen kritischen Widerstand hervorruft, denn für Torberg betreibt auch Landmann ein fragwürdiges "Shoa-Geschäft", das, so Kaplan, aus der politischen Ökonomie jüdischer Witzreparationen unverdientermaßen Kapital schlägt.

Dass sich die Geschichte des jüdischen Witzes bis heute wiederholt, sei es die jüdische Kritik am Judenwitz, sei es seine antisemitische Ausbeutung, zeigt Louis Kaplan in einem kurzen Epilog anhand von Shitstorm hervorrufenden Comedyauftritten des Seinfeld-Autors Larry David oder mit Bezug auf den amerikanischen Daily Stormer und die Alt-Right-Bewegung. Dass vom Judenwitz ausgehende Erregungspotential lässt sich - etwa im Hinblick auf die Debatte um die Komikerin Lisa Eckhart - auch hierzulande beobachten.

Kaplans Buch schärft den Blick für die Absurditäten in der Geschichte des jüdischen Witzes und dafür, welchen Sprengstoff er birgt. Diese Geschichte kommt einem bei der Lektüre nicht selten selbst wie ein durchaus erhellender Witz vor. Wie schon Goethe in Bezug auf Lichtenberg sagte: "Wo er einen Spaß macht, liegt ein Problem verborgen."

Louis Kaplan: "Vom jüdischen Witz zum Judenwitz. Eine Kunst wird entwendet"
Aus dem amerikanischen Englisch von Jacqueline Csuss
Die Andere Bibliothek, Berlin. 300 Seiten, 44 Euro.

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