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StartseiteHintergrundWarten auf Gerechtigkeit24.07.2015

Loveparade-Unglück Warten auf Gerechtigkeit

Fünf Jahre nach der Katastrophe in Duisburg mit 21 Todesopfern und mehr als 500 Verletzten geht die juristische Aufarbeitung sehr träge voran. Am kommenden Montag läuft die Verjährungsfrist für den Fall ab. Bisher nicht Angeklagte können dann nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden. Das gilt auch für den ehemaligen Bürgermeister Sauerland.

Von Moritz Küpper

Kerzen erinnern am Unglücksort an die Loveparade-Katastrophe von 2010.  (Roland Weihrauch/DPA)
Ein Dilemma: Trauernde Angehörige wollen niemals vergessen, mit dem Leben davon Gekommene aber womöglich gerade das. (Roland Weihrauch/DPA)
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Duisburg-Nordhof, das Gelände am alten Güterbahnhof, gestern Abend. Um kurz vor zehn Uhr setzt die Dunkelheit ein, die roten Kerzen leuchten. Es ist die sogenannte Nacht der 1000 Lichter, bei der genauer gesagt 1.150 Kerzen eine friedliche Atmosphäre schaffen. Auf dem Gelände der Unglücksstelle, wo heute auf den Tag genau vor fünf Jahren bei der Loveparade 21 junge Menschen ums Leben kamen und mehr als 500 teils schwer verletzt wurden.

Angehörige der Opfer, Überlebende und Betroffene erinnern an das Unglück, das für sie von Jahr zu Jahr unfassbarer wird – und zwar in allen Facetten: Die juristische Aufarbeitung? Noch immer in der Warteschleife! Die politische Verantwortung? Gerade einmal stückweise erzwungen! Die finanziellen Aspekte? Nicht abschließend geklärt!

"Ich weiß heute nicht mehr, was schlimmer war. Die Loveparade selber oder was danach war. Dieser ganze Kampf, Versuche, Gespräche zu führen, abgeblockt zu werden."

Traumatisiert durch Loveparade-Besuch

Jörn Teich ist einer der Köpfe der Betroffenen-Initiative "Lopa2010" und damit einer der Hauptorganisatoren des jährlichen Gedenkens. Es ist einige Wochen vor dem fünften Jahrestag, Teich steht im elterlichen Betrieb in Sprockhövel, im südlichen Ruhrgebiet, gut 60 Kilometer von Duisburg entfernt. Es ist kurz vor der Mittagspause, die Mitarbeiter verlassen den Laden.

Teich, heute 41 Jahre alt, war am 24. Juli 2010 nur durch einen Zufall auf der Loveparade. Sein Vater, erzählt er, hat im Auto gewartet, als er zusammen mit seiner damals vier Jahre alten Tochter nur einmal kurz gucken wollte. Teich kam auf das Gelände – und geriet in die Menschenmasse. Er glaubt bis heute, dass er nur wegen seines Kindes auf den Schultern aus dem Tunnel herausgekommen ist. Die Rippenbrüche hat er erst im Nachhinein bemerkt. Ein Polizist half ihm schließlich aus dem Gedrängel heraus, er irrte durch die Gegend.

"Ich wusste ja gar nicht, wo ich war. Ich war an einem ganz anderen Ende, wie ich reingekommen bin. Ich war vorher nie in Duisburg und bin dann relativ gut bei meinem Vater angekommen. War zwar nass und dreckig. Schuhe kaputt und alles. Mein Vater fragte mich dann nur, was los war? Und darauf habe ich nur gesagt: Ja, lass uns fahren. War voll. Das war meine Aussage. Und: Ich muss jetzt was trinken."

Menschen rennen in Panik einen Hang hinauf (dpa / Erik Wiffers)21 Menschen starben bei der Massenpanik auf der Love-Parade in Duisburg (dpa / Erik Wiffers)

Die folgenden Tage sperrte er sich zu Hause ein. Heute ist er erwerbsunfähig geschrieben, posttraumatische Belastungsstörung. Bei seiner Tochter kamen die Ereignisse erst Jahre später wieder hoch. Im kommenden Schuljahr wird sie wohl als Inklusionskind in ihrer Klasse geführt, um mithalten zu können. Die "Loveparade 2010", sie ist nun Teichs Leben – auch organisatorisch:

"Durch, ich sag mal, ein zweites Unglück danach: Anfang 2012 gab es das letzte Treffen der Stiftung Notfallseelsorge und danach gab es nichts mehr. Und ich wollte nicht alleine bleiben. Da habe ich gesagt: Wollen wir uns nicht alle treffen. Und dann hieß es: Ja, aber wer macht das denn? Ich sag, ich organisier das, ich bin aus der Nähe, ich organisier das mal."

Seit diesem Tag ist Teich, dessen Auto das Kennzeichen EN – für Ennepe-Ruhr-Kreis – und dann LP-247, für "Loveparade 24. Juli" trägt, nicht nur Opfer, sondern auch Seelsorger: 427 Betroffenen, die Zahl kennt er genau, hat er in den letzten drei Jahren geholfen. Durchschnittlich zehn Anrufe pro Tag, E-Mails, WhatsApp-Nachrichten. Gestern wurde bekannt, dass sich der Verein "Lopa2010" auflösen wird und in einer Stiftung aufgehen wird. Der Name: "Duisburg 24. Juli 2010". Das Ziel: Angehörigen und Betroffenen helfen - der Loveparade, aber auch anderer Katastrophen. Teich ist Gründungsmitglied dieser Stiftung, will weiter helfen. An Justitia und eine rechtliche Aufarbeitung glaubt Teich dagegen nicht mehr:

"Also, den Prozess wird es nie geben, das ist die größte Lachnummer des Lebens. Da hat man geschafft, wirklich, wie am Anfang vermutet, über die Fristen zu gehen."

Doch, wie kommt es, dass die Verjährungsfrist, also der fünfte Jahrestag, überhaupt eine so wichtige Rolle spielt?

"Neben Dir sterben die Leute und keiner ist da"

Es ist ein sonniger Juli-Tag. Der Ort in Duisburg, an dem vor fünf Jahren das Unglück geschah, liegt ruhig, fast friedlich da. Fast 400 Meter ist der Straßentunnel am Güterbahnhof lang, er ist breiter als hoch, etwa in der Mitte führt eine Rampe hinauf auf das Gelände. Nur vereinzelte vorbeifahrende Autos durchbrechen die Stille. Auf der Rampe stehen unzählige Fotos, Kerzen, Plakate.

Eine stille Idylle, die anklagt – und im Kontrast zu den damaligen Ereignissen steht:

Die Bilder der Menschenmassen, die Aufregung, die Verzweiflung:

"Die stehen da oben, und wir rufen: Helft uns doch! Helft uns doch, verdammt nochmal! Aber die machen gar nichts. Die stehen da einfach nur. Und wir liegen halb am Boden, neben uns kacken die Leute ab, werden tot getrampelt und wenn Du noch gerade rauskommst, wenn Du gerade die Treppe geschafft hast, sag die Bullerei noch: Geh weiter, geh schneller, geh schneller. Und jetzt ist kein Schwein da, der dir hilft. Neben Dir sterben die Leute und keiner ist da, der Dir hilft und keiner ist da, der das aufarbeitet mit Dir. Kein Schwein."

Nun, fast fünf Jahre später: Stille.

Auf der Treppe an der Rampe stehen 21 Blumentöpfe, auf jeder Stufe einer, für jeden Toten einer.

Von hier, vom Tunnel, sind es gut 850 Meter bis zur Staatsanwaltschaft Duisburg. Zweimal links, dann liegt das Gebäude auf der linken Straßenseite. Im zweiten Stock hat Anna Christiana Weiler ihr Büro. Sie ist Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft Duisburg – sozusagen das Sprachrohr der Anklage. Seit August 2010 ist sie Teil eines Teams, das sich um einen der aufwendigsten Justizfälle der Nachkriegszeit kümmert: Denn bis zu fünf Staatsanwälte und 96 Polizisten ermittelten in dem Fall.

"Eine besondere Herausforderung war die Komplexität des Verfahrens in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht. Es sind daher im Ermittlungsverfahren circa 3.400 Zeugen vernommen worden und knapp 1.000 Stunden Videomaterial gesichtet worden. Schlusspunkt dieser Ermittlung war dann ein 800-seitiger Abschlussvermerk und eine 500-seitige Anklageschrift."

Weiler hat sich Sprachbilder zu Recht gelegt, um den Umfang besser und plastischer illustrieren zu können. Beispielsweise das Bild vom Riesenrad: 50 Meter sei dies hoch, so hoch ließen sich auch die mehr als 44.000 Seiten aus den Haupt-Akten stapeln. Und auch das mediale Interesse war und ist enorm: Normalerweise geben Staatsanwälte keine Pressekonferenzen, doch am 12. Februar des vergangenen Jahres, also dreieinhalb Jahre nach dem Unglück, da saß Weiler auf dem Podium neben dem Leitenden Oberstaatsanwalt Horst Bien – und leitete die öffentliche Bekanntgabe der Anklageerhebung. Zehn Personen sollen sich vor Gericht verantworten: Vier Mitarbeiter des Veranstalters und sechs Angestellte der Stadt:

 "Wir sind nach dem Ergebnis unserer Ermittlungen davon überzeugt, dass der tragische Verlauf der Loveparade 2010 auf zwei Ursachen zurück zu führen ist. Zum einen machten die Angeschuldigten schwerwiegende Fehler bei der Planung und der Genehmigung der Veranstaltung, zum anderen verletzten sie am Veranstaltungstag die Pflicht, sicherheitsrelevante Auflagen umzusetzen und deren Einhaltung zu überwachen."

Für die Auswahl der Angeklagten musste die Staatsanwaltschaft viel Kritik einstecken: Es gab Beschwerden, anonyme Schreiben sogar zwei Strafanzeigen. Der Grund: Duisburgs damaliger Oberbürgermeister Adolf Sauerland sowie der Geschäftsführer des Veranstalters Lopavent, Rainer Schaller, also die verantwortlichen Vorgesetzten gehörten nicht zum Kreis der Beklagten. Staatsanwältin Anna Weiler:

 "Die umfangreichen Ermittlungen haben keine Anhaltspunkte ergeben, dass die von ihnen genannten Personen im hinreichenden Maße in die Einzelheiten der Planung, Genehmigung und Durchführung der Veranstaltung eingebunden waren. Sie haben die Aufgaben auf kompetente und aus ihrer Sicht zuverlässige Personen übertragen und sie durften darauf vertrauen, dass diese Personen mit ihren Fachkenntnissen die Prüfung auch ordnungsgemäß vornehmen."

Duisburgs früherer Oberbürgermeister Adolf Sauerland (AP)Duisburgs früherer Oberbürgermeister Adolf Sauerland (AP)

Doch jetzt, fünf Jahre nach der Loveparade-Katastrophe, wird feststehen, dass Sauerland und Schaller nicht mehr belangt werden können:

"Mit Ablauf des 27. Juli 2015 können diejenigen Personen, gegen die nie Ermittlungen aufgenommen wurden, nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden. Das betrifft unter anderem den damaligen Oberbürgermeister der Stadt Duisburg und auch den Geschäftsführer der Veranstalterin."

Sauerland selbst war im Urlaub, als vor über fünf Jahren die Genehmigungen unterschrieben werden sollten. Die Abteilungsleiter, die für den OB einsprangen, führt die Staatsanwaltschaft jetzt als Beschuldigte. Interviews lehnt das ehemalige Stadtoberhaupt ab. Doch mittlerweile hat er sich – nach Informationen des Deutschlandfunks – bei der Betroffen-Initiative gemeldet, sucht Kontakt.

Dabei ist es ohnehin offen, ob es überhaupt zum Prozess kommen wird – und das liegt nicht in der Hand der Staatsanwaltschaft. Denn mit dem Einreichen der Klageschrift liegt die Verantwortung nun beim Landgericht Duisburg, das entscheiden muss, ob die Anklage zugelassen wird. Dass das sogenannte "Zwischenverfahren" zur Hängepartie wird, liegt aber auch an der Staatsanwaltschaft. Beziehungsweise an deren Wahl des Gutachters, auf den sich die Anklageschrift stützt. Mit dessen Hilfe soll nämlich der Hauptvorwurf der Anklage belegt werden: Die fehlerhafte Planung und Genehmigung der Veranstaltung sowie die Überwachung der Auflagen:

"Professor Dr. Still ist ein renommierter Sachverständiger auf dem Gebiet für Massendynamik und Massenmanagement. Er ist international anerkannt und hat bereits bei anderen Großveranstaltungen seine Gutachten getroffen. Das waren unter anderem die Olympischen Spiele in London sowie die Pilgerstätte in Mekka, sodass wir ihn für besonders geeinigt halten."

Auch weil deutschsprachige Experten nicht konnten, kam der Brite Keith Still als Gutachter zum Zuge – und stellte sich ungeachtet seiner Expertise als zeitintensiver Faktor dar. Denn: Zum einen gab es seine Einschätzung nur auf Englisch, sodass diese jedes Mal übersetzt werden mussten, zum anderen genügte dem Landgericht das Gutachten nicht. Still musste nachträglich einen Katalog mit mehr als 70 Fragen beantworten, deren erneute Übersetzung seit einer Woche vorliegt. Bis Ende September haben nun alle Parteien Zeit, dazu Stellung zu nehmen. Auch ein Grund, weshalb über die Anklage bisher nicht entschieden werden konnte und – Zitat aus der Pressemitteilung des Landgerichts Duisburg – "eine etwaige Hauptverhandlung damit voraussichtlich nicht mehr im Jahr 2015 beginnen" kann.

Die dritte Etage des Landgerichts Duisburg. Hier sitzt der zuständige Richter Joachim Schwartz. Im Raum schräg gegenüber stapeln sich die Aktenordner bis an die Decke.

"Das fängt hier oben an, sortiert nach Nachnamen. Angefangen beim Nachnamen A. Und dann geht es runter bis Z. Und dann kommen noch mal besondere Zeugenvernehmungen."

Bernhard Kuchlers Tätigkeit als Pressesprecher des Landgerichts begann mit der Aufarbeitung des Unglücks. Er zeigt den Raum, in dem allein fünf Regalmeter Aktenordner gefüllt mit Zeugenaussagen stehen. Kuchler geht weiter, in die hintere Ecke des Raumes – zu einer Kiste voller Festplatten. Es sind diese Datenmengen, die Arbeit machen. Auch Kuchler kann stundenlang vom Verfahren reden, er kennt aber auch die Sensibilität der Angelegenheit

"Ich kann sehr gut verstehen, dass die Betroffenen natürlich ungeduldig auf ein Ergebnis, auf ein nach außen sichtbares Ergebnis auch in diesem Verfahren, und sei es erst einmal nur ein Zwischenergebnis, warten."

Doch der Gerichtssprecher sieht noch einen weiteren Faktor für die zeitliche Verzögerung: Er spricht von einer Gutachter-Schlacht, was an den 22 Anwälten der zehn Beschuldigten liege:

"Die Verteidiger schreiben bereits in diesem Zwischenverfahren sehr vehement zur Verteidigung ihrer Mandanten, bringen jede Menge rechtliche Argumente, warum diese sich nicht strafbar gemacht haben sollen. Sie tun auch etwas, was ich so noch in anderen großen Strafverfahren nicht gesehen habe: Sie legen Gegengutachten vor."

Und auch das frisst Zeit und hat dazu geführt, dass die zivilrechtliche Aufarbeitung, also die Frage nach Schadenersatz, nun auf einmal am Strafprozess vorbeigezogen ist. Eigentlich, so ist es juristische Gepflogenheit, wird erst die Schuldfrage im Strafprozess und danach die Schadenersatzforderungen geklärt. Doch nun sind für den Herbst fünf der insgesamt 19 Zivilprozesse zur Loveparade-Katastrophe terminiert: Ab September soll der Fall eines 53-jährigen Feuerwehrmannes verhandelt werden, der die Veranstalterfirma Lopavent, deren Geschäftsführer Schaller sowie das Land NRW auf Schadenersatz und Schmerzensgeld verklagt hat. Begründung: Posttraumatische Belastungsstörung nach dem damaligen Einsatz. Für November wurden vier weitere Zivil-Verfahren angesetzt, in denen vier Frauen mit einer ähnlichen Begründung zusätzlich noch die Stadt Duisburg verklagt haben.

Befangenheitsantrag gegen Richterin gestellt

Die Wasserstraße in Bochum. Hier hat Bärbel Schönhof ihre Kanzlei. Sie ist Anwältin in den Zivilverfahren. Vor über einem dreiviertel Jahr hat sie die Klagen eingereicht, drängte darauf, dass die Prozesse beginnen, Mitte Juni übermittelte sie dem Landgericht Duisburg dann einen Befangenheitsantrag. Der Grund: Die in vier Fällen zuständige Richterin ist mit einem Anwalt verheiratet, dessen Kanzlei ein entlastendes Gutachten für die Stadt Duisburg erstellt hat. Für Schönhof ein Skandal, ...

"… weil hierdurch der Eindruck entsteht, entstehen kann, dass eine unbefangene und neutrale Bearbeitung dieser Verfahren nicht mehr gegeben ist."

Der Ehemann der Richterin habe zwar das Gutachten nicht persönlich verfasst, seine Kanzlei allerdings soll Medienberichten zufolge von der Stadt Duisburg rund 420.000 Euro an Honorar bekommen haben. Alle Partner der Kanzlei – also auch der Ehemann der Richterin – würden davon profitieren. Sie wirft dem Gericht fehlende Sensibilität vor:

"Zum jetzigen Zeitpunkt ist das eher schädlich für das Verfahren, aber auch für das Ansehen der Justiz in der Öffentlichkeit, weil einfach zu lange gewartet wurde."

Seit sechs Wochen wird nun geprüft, wie es weitergeht: Ob die Zivil-Prozesse noch dieses Jahr starten können, ist unklar.

Neben Schönhof vertritt noch ein zweiter Rechtsanwalt Geschädigte der Loveparade. Sie sind die einzigen Anwälte, die vor Gericht ziehen wollen. Alle anderen Fälle seien reguliert, heißt es bei der Axa, bei der der Veranstalter Lopavent versichert war. Sprich: In rund 500 Fällen hat man sich geeinigt, Zahlungen geleistet, Schäden ersetzt. Das Versicherungsunternehmen selbst nennt nur die Größenordnung 90 Prozent. Das heißt aber auch, knapp zehn Prozent der Fälle sind noch nicht erledigt, so die AXA:

"Dass wir wenige Fälle noch nicht regulieren konnten, liegt häufig daran, dass die Betroffenen oder ihre Anwälte trotz mehrfacher Bitten seitens AXA keine Entbindungserklärungen von der ärztlichen Schweigepflicht oder notwendige, medizinische Unterlagen vorgelegt haben."

Doch dafür gibt es nun eben auch die Zivilprozesse. Entscheidungen in diesen Verfahren – wann immer sie auch fallen werden – sind aber in der Schuldfrage für den etwaigen Strafprozess nicht bindend. Noch einmal Bernhard Kuchler, Sprecher des Landgerichts Duisburg:

"Eine Bindungswirkung des einen Prozess für den anderen Prozess gibt es nicht. Also, die Strafrichter müssen sich selbst davon überzeugen, ob die Angeklagten eine Schuld tragen oder nicht und Zivil-Richter müssen auch unabhängig davon entscheiden, ob hier Schadensersatz gezahlt werden muss oder nicht."

Während also juristische Verfahren noch offen sind, wurde die Frage der politischen Verantwortung zumindest indirekt beantwortet – und zwar von der Stadt Duisburg:

"Ich habe vom Beginn an deutlich gemacht, dass es neben der strafrechtlichen Schuld, ob zivilrechtlich, strafrechtlich, neben der reinen juristischen Schuld, auch moralisch-politische Verantwortung existiert. Und ich bin froh, dass die Duisburgerinnen und Duisburger dieser Verantwortung gerecht geworden sind und sie übernommen haben, weil der damalige Oberbürgermeister es nicht konnte oder wollte."

Sören Link sitzt im Rathaus der Stadt als Nachfolger von OB Sauerland, der im Jahr 2012 abgewählt wurde. Duisburg war in den 70er-Jahren eine reiche Kommune, heute muss die Stadt kämpfen. Die Loveparade, sie sollte daher auch ein wenig Glanz, ein neues Image bringen. Geblieben ist eine Wunde, die sich wohl niemals komplett schließen lässt:

"Das ist bei ähnlichen Katastrophen letztlich so gewesen. Denken Sie an den Flugzeugabsturz in Rammstein. Das ist natürlich immer auch mit dem Ort verbunden."

Link weiß, dass die Loveparade und deren Aufarbeitung ein zentraler Punkt seiner Amtszeit ist. Er pflegt den Dialog mit den Angehörigen und Betroffenen, die Stadt beteiligt sich finanziell an Erinnerungsaktivitäten, der Oberbürgermeister, ist aber gleichzeitig auch Dienstherr von sechs Beklagten. Er wünscht sich einen schnellen Prozessstart. Für alle Beteiligten.

Das gilt auch für Hannelore Kraft, die Ministerpräsidentin. Zehn Tage war sie im Amt, als das Unglück passierte, ihr Sohn war ebenfalls auf dem Gelände, sie konnte ihn stundenlang nicht erreichen. Auch Kraft hofft auf ein schnelles Verfahren, obwohl das Land NRW in den Zivilprozessen selbst beklagt ist. Aus einem Soforthilfefonds hat das Land bislang 1,8 Millionen Euro gezahlt, kann in Einzelfällen weiter Mittel zur Verfügung stellen.

"Es war eine Katastrophe gigantischen Ausmaßes und es gab ja nicht nur die Toten, sondern es gab viele Verletzte und Traumatisierte, es gab Helferinnen und Helfer, wo die ganze Problemlage erst sehr viel später klar geworden ist und bei jedem Jahrestag tauchen immer wieder Menschen auf, die erst dann den Mut gefasst haben, sich helfen zu lassen und sich auch noch mal dieser Situation dort vor Ort auch auszusetzen und das zeigt eigentlich, welche Dimension dieses Unglück gehabt hat."

Zurück in Sprockhövel, zurück bei Jörn Teich. Egal, wie sich die Aufarbeitung entwickeln wird – für Teich, den Mann, der sich fast rund um die Uhr ehrenamtlich mit dem Unglück beschäftigt, gibt es – ungeachtet aller rechtlichen, finanziellen, politischen und Imagefragen – einen grundsätzlichen Konflikt:

"Angehörige wollen für Ewigkeit an ihre Kinder erinnern, die wollen nicht, dass die vergessen werden. Und die Betroffenen selber, die wollen vergessen. Die wollen natürlich nie wieder an das Erlebnis erinnert werden. Gerade an Jahrestagen ist das schwer, so eine Gedenkfeier zu planen, wo man eben erinnert, aber trotzdem auch die Hoffnung auf Vergessen gibt. Ja, weil ... es geht bei dem Vergessen um Genesung, um gesundheitliche Genesung, und bei den Angehörigen um den Trost in der Trauer. Das ewige Erinnern."

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