Freitag, 21.09.2018
 
StartseiteMusikjournalOrchesterkultur auf Spitzenniveau03.09.2018

Lucerne Festival Orchesterkultur auf Spitzenniveau

Seit 80 Jahren lockt das Lucerne Festival namenhafte Orchester in die Schweiz und versucht über vier Wochen, einen Überblick über die aktuelle Orchesterkultur zu bieten. Diesmal stand das Thema "Kindheit" im Mittelpunkt - und als Residenzkünstlerin die Cellistin Sol Gabetta.

Von Dagmar Penzlin

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Die Cellistin Sol Gabetta bei einer Veranstaltung in Weikersheim. (picture alliance / dpa)
"Immer eines der besten Konzerte konnte ich hier haben", sagt Sol Gabetta über das Lucerne Festival (picture alliance / dpa)
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Eigentlich wollte Sol Gabetta in diesem Sommer einen langen Urlaub nehmen, ausspannen, Zeit mit Mann und Kind verbringen. Und sie wollte neues Repertoire lernen. Dann kam im vergangenen Jahr die Anfrage vom Lucerne Festival, als sogenannte Artiste Étoile, also als Residenzkünstlerin am Sommerprogramm mitzuwirken. Sol Gabetta sagte zu, weil es sie sehr reizte und – nicht zuletzt, weil sie sich dem Festival durch bisherige Auftritte dort verbunden fühlt. Diese Konzerte seien stets besonders gewesen – zumal der Konzertsaal des Kultur- und Kongresszentrums Luzern, kurz KKL, akustisch herausragend sei.

"Immer eines der besten Konzerte konnte ich hier haben. Nicht nur weil die Orchester einfach die berühmtesten waren. Es ist tatsächlich auch in der Kombination Repertoire, Dirigent und Orchester, mit welchem ich gekommen bin."

Als Festival mit dem Anspruch, in vier Wochen einen Überblick über die aktuelle Orchesterkultur auf Spitzenniveau zu bieten, schafft das Lucerne Festival einen Rahmen, der seinesgleichen sucht. Auf Basis eines Budgets von aktuell rund 24 Millionen Schweizer Franken, also rund 21 Millionen Euro ist es möglich, dass Orchester wie die Berliner Philharmoniker und das Concertgebouw Orchestra Amsterdam so gut wie jedes Jahr kommen – so auch 2018.

Residenzkünstlerin Sol Gabetta

Residenzkünstlerin Sol Gabetta ist im diesjährigen Programm mit fünf Konzerten vertreten; sie spielt noch diese Woche mit den Wiener Philharmonikern das C-Dur-Cellokonzert von Joseph Haydn. Die Musikerin hat dem Luzerner Publikum bereits eines ihrer Lieblingsstücke nahegebracht: das erste recht komplexe Cellokonzert von Bohuslav Martinù – gemeinsam mit dem Mahler Chamber Orchestra stellte sie das Werk auch in der Vermittlungsreihe "40’" vor.

"Als ich wusste, wir haben dieses Orchester zur Verfügung, habe ich gedacht, ich muss etwas spielen, was auch für das Orchester nicht leicht ist."

Zum Auftakt zeigte sich Sol Gabetta als historisch informierte Kammermusikerin: Sie spielte romantisches Repertoire auf Darmsaiten, begleitet von Kristian Bezuidenhout am Hammerklavier.

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Zu einem Kinderkonzert steuerte Sol Gabetta noch mit der Geigerin Patricia Kopatchinskaja anspruchsvolle Musik bei – bis hin zu einem Werk von Jörg Widmann, zuvor charmant und kindgerecht erklärt. Ein Programmpunkt des breit angelegten Saisonthemas "Kindheit". Dazu passt der zweite Artiste Étoile in diesem Jahr: der luxemburgische Spezialist für ebenso geist- wie temporeiches Kindermusiktheater Dan Tanson.

"Ja, natürlich! Kindheit ist mein Ding, also Stücke für Kindheit zu produzieren, was ich mittlerweile seit 25 Jahren mache."

Tanson liefert eine kleine Werkschau. Fürs Lucerne Festival hat er außerdem ein neues Stück entwickelt: "Senegalliarde".

"Die Idee dahinter ist, dass es eine Begegnung ist von einer Geigerin, einer Harfen-Spielerin und eines senegalesischen Tänzers und Perkussionisten. Wir wollen nicht nur eine Begegnung machen: Also unsere Hochkultur-Musik von Ibert, Debussy und John Cage gegenüberstellt den senegalesischen Trommeln, sondern die Diversität – die ist schon so lange da in unserer Gesellschaft - wie gehen wir damit um?"

Kindheit in all ihren Facetten

Neben Kinderkonzerten beackert das Festival sein Saisonthema "Kindheit" auf zwei weiteren Feldern: mit einer Reihe von "Wunderkind"-Konzerten und mit einigen Kompositionen, die das Thema aufscheinen lassen. Intendant Michael Haefliger ist zufrieden, wie facettenreich das Motto sich gestaltet.

"Thema ‚Kindheit’ natürlich schon auch die Berliner Philharmoniker mit der Schmidt-Symphonie, die sich ja auch auf den Tod eines Kindes bezieht. Dann die ganzen Märchenstoffe, die wir präsentieren können. Das Lucerne Festival Orchestra hat natürlich einen starken Bezug geschaffen über ‚Feuervogel’ und ‚Daphnis und Chloe’."

Musik: Igor Strawinsky, Märchenballett "Der Feuervogel" op. 102

Das Lucerne Festival Orchestra zeigte sich in seinen drei Konzertprogrammen für diese Saison in guter Verfassung. 

Musik: Igor Strawinsky: Märchenballett "Der Feuervogel" op. 102

Der zweite festivaleigene Klangkörper ist das Orchester der Lucerne Festival Academy. Top ausgebildete junge Musikerinnen und Musiker bis 32 Jahren finden sich zusammen, um zeitgenössische Musik zu spielen und zu vermitteln. Wie etwa in dem neuen Format "Mittendrin", bei dem das Publikum im Orchester sitzt. So in dieser Saison schon geschehen bei Bernd Alois Zimmermanns "Dialoge" und bei "Stele" von György Kurtág.

Musik: György Kurtág, Stele

Zeitgenössische Musik ist ein Standbein des Lucerne Festivals. In dieser Sommersaison gehört neben den Academy-Angeboten auch ein Stockhausen-Schwerpunkt dazu und ein Reigen von 15 Konzerten des Composer in residence Fritz Hauser. Der Schweizer Schlagzeuger und Komponist bringt mit seinen Performance-geprägten Kompositionen eine ganz eigene Farbe ins diesjährige Festivalprogramm. Der Mittsechziger war zunächst skeptisch, weil er, wie er sagt, "kein Meister der schriftlichen Komposition" im Stil eines Wolfgang Rihm sei.

"Dann haben Sie mich aber überredet in diesem Sinne, dass sie gesagt haben: ‚Sie suchen eben mal jemanden, der mit Raum, Zeit und Klang, mit Licht und Bewegung umgeht.’ Weil sie einen Überblick über mein Schaffen hatten, hieß es: ‚Die Ideen sind alle da – lass uns das doch machen.’"

Da ließ Fritz Hauser sich nicht mehr lange bitten – zumal diese Residenz für ihn der "Höhepunkt seiner Laufbahn" ist.

"In der Schweiz geht’s nicht mehr weiter rauf!"

Musik: Fritz Hauser, Schraffur für das KKL Luzern

Geerdet durch Performance-Werke von Fritz Hauser

An seine schon bestehende "Schraffur"-Werkreihe knüpfte Fritz Hauser mit "Schraffur für das KKL Luzern" an. Gemeinsam mit Profis der Festival Academy und rund 150 Freiwilligen bespielte der Schlagzeuger das Konzerthaus – die Foyers ebenso wie den großen Saal. Er selbst saß dabei mit einem Gong auf der großen Bühne, während 15 Gruppen auf den Rängen das Schraffier-Geräusch auf einem geriffelten Holzstück produzierten. Mal leiser, mal lauter.

"Abgesehen davon, dass ich denen auch eine Plattform geben wollte, damit man sie sieht und sie sich verbeugen können. Also nicht ich allein und ein Tonband."

Musik: Fritz Hauser, Schraffur für das KKL Luzern

Und so bevölkerten an einem Sonntagvormittag alte, mittelalte und junge, dicke und dünne, schüchterne und offen lächelnde Menschen die Bühne des KKL Luzern. Auch eine Rollstuhlfahrerin war dabei. Ein schönes Bild, das dem Lucerne Festival mit seinem hochklassigen Kern an Konzerten in diesem Sommer eine geerdete Note verliehen hat.

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