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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Ludwig Watzal: Feinde des Friedens.10.06.2002

Ludwig Watzal: Feinde des Friedens.

Aufbau-Verlag. Berlin. 341 Seiten. Euro 8,95

<strong> Ludwig Watzal gilt als exzellenter Kenner der Politik im Nahen Osten. Er hat bereits mehrere Bücher zu diesem Thema vorgelegt. Sein jüngstes Buch "Feinde des Friedens" bietet einen Überblick über den israelisch-palästinensischen Konflikt von der zionistischen Besiedelung des Landes bis in die Gegenwart. Der Autor beschreibt die Menschenrechtssituation der Palästinenser unter israelischer Besatzung und palästinensischer Autonomie, setzt sich sehr kritisch mit der Politik Israels auseinander, schildert Israel zwischen "jüdischer" Demokratie und fundamentalistischem Gottesstaat. Einen Ausweg aus der Gewalt und dem Terror im israelisch-palästinensischen Konflikt sieht Watzal allein in der Umsetzung aller den Konflikt betreffenden UN-Resolutionen und in der Revision des israelischen Geschichtsverständnisses. Das Buch wird vorgestellt von Johannes Kuppe: </strong>

Johannes Kuppe

"Feinde des Friedens. Der endlose Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern" – unter diesem Titel ist das jüngste Buch des Bonner Journalisten und Redakteurs Ludwig Watzal erschienen. Angesichts der aktuellen Ereignisse in Palästina kann sich Watzal hoher Aufmerksamkeit sicher sein. Das erhöht freilich auch die Verantwortung jedes Autors, insbesondere eines deutschen, der sich jetzt zu Wort meldet. Watzal hat sich selbst die Messlatte hoch gelegt. In seinem Vorwort fordert er…

...eine differenzierte Analyse des israelisch-palästinensischen Konfliktes und des Friedensprozesses..., die den Status der Menschenrechte und die Entwicklung der Demokratie in beiden Gesellschaften ebenso einschließen muss wie die Frage nach ihren außenpolitischen Zielen.

Wird der Autor, der seit vielen Jahren als Kritiker der israelischen Besatzungspolitik auftritt und daher häufig einer pro-palästinensischen Haltung geziehen wurde und wird, dem auch selbst gerecht? Um es gleich vorwegzunehmen: Das Buch hat einige Schwächen, aber insgesamt auch einen großen Vorzug. An einigen Beispielen soll dies erläutert werden. Im ersten Kapitel, dem schwächsten, befasst sich Watzal mit dem historischen Vorlauf des Konfliktes. Es enthält leider zahlreiche Ungenauigkeiten und falsche Gewichtungen. Einige Hinweise. Schon gleich am Anfang heißt es:

Israel ist in der Globalstrategie der USA die Rolle zugewiesen worden, jede Art von arabischem Nationalismus zu bekämpfen, wie Noam Chomsky in einem Interview mit dem Verfasser ausdrückte.

Schon hier kann man den Kopf schütteln. Die USA haben, wenn man nur ihre eigenen Theoretiker nachliest und ihre außenpolitische Praxis beobachtet, weder im schlechten, noch, leider, im guten Sinne eine halbwegs kohärente Globalstrategie entwickelt, dafür umso mehr machtpolitischen "von-Fall-zu-Fall-Aktionismus". Israel mag darin die Rolle eines militärischen Flugzeugträgers in der unruhigen Region mit ihren Ölressourcen gespielt haben und noch spielen. Den arabischen Nationalismus aber hat es eher geschürt denn bekämpft. Einen solchen sinnlosen Auftrag der USA hat es wohl nie gegeben, es sei denn, man beruft sich auf einen einzigen, in diesem Punkt fragwürdigen Zeugen, wie den weithin isolierten, äußerst linken, chaotischen Theoretiker Chomsky. Doch wenn Prämissen nicht stimmen, hat das Folgen für die Schlussfolgerungen. Schon wenn sich Watzal z.B. mit der Frage der jüdischen Identität befasst, kommt er ins Stolpern. Die Frage nach dem Zusammenhang von jüdischer Identität und Antisemitismus führt ihn zu Theodor Herzl, dem All- und Übervater aller jüdischen Israelis, vor allem der Zionisten, und er beantwortet sie so:

Ein wichtiges konstituierendes Element in seiner und anderer Zionisten Vorstellungen nahm der Antisemitismus ein. Beispielsweise vertrat Alfred Lilienthal die Ansicht, dass es die Aufgabe des Rabbinats, jüdischer Nationalisten und Gemeindevertreter sei, das (antisemitische, der Rez.) Vorurteil wach zu halten. Die jüdische Identität wurde demnach von Beginn an negativ bestimmt.

Hier muss man regelrecht die Luft anhalten. Mit einer derart exemplarischen Argumentationsweise kann man ja alles beweisen. Natürlich hat der Antisemitismus bei der Formung der jüdischen Identität in der Diaspora eine Rolle gespielt. Aber muss man dann nicht auch erklären, dass spätestens mit der Staatsgründung die weithin sozialistischen Zionisten den neuen starken Menschen wollten, der sich wehrt, der das Land fruchtbar macht, der nie mehr Opfer sein würde. Diese Identität war rundum positiv bestimmt, vielleicht zu positiv, weil sie gegenüber den Belangen derjenigen, die schon in Palästina lebten, den Arabern, keine oder zu wenig Sensibilität bewies. Stets, bis heute, überwog die israelische Staatsdoktrin der Selbstverteidigung das Heimatrecht der Palästinenser. Und ein letztes Beispiel für die zahlreichen Ungenauigkeiten in diesem Kapitel: Der Autor berichtet über den Besuch von Ariel Sharon, damals Vorsitzender der Likud-Partei, am Donnerstag, den 28. September 2000, auf dem Tempelberg, der allgemein als Beginn der sogenannten zweiten Intifada verstanden wird. Dazu Watzal:

Der Besuch erfolgte in Begleitung von ca. 3000 bewaffneten Soldaten und Polizisten. Dies war eine bewusste Provokation der Palästinenser. Barak hatte den ´Gang` genehmigt, somit trifft ihn eine Mitverantwortung für die Folgen der daraufhin ausgebrochenen Al-Aqsa-Intifada.

Halbwahrheiten. Es gibt deutsche Augenzeugen, die keine bewaffneten Soldaten, allerdings – höchstens – 1500 leicht bewaffnete Polizisten gesehen haben. Richtig ist, es war durchaus eine Provokation, vor allem weil der Besuch an diesem Tag unerwartet kam, nämlich einen Tag vor dem Freitagsgebet, also in einer immer aufgeputschten Stimmung bei den Palästinensern, und mit einer überdimensionierten "Begleitung" erfolgte. Die europäische Öffentlichkeit hat aber vor allem nicht zur Kenntnis genommen, dass dieser Besuch auch mit der Autonomiebehörde Arafats abgesprochen, also von ihr generell genehmigt war, weil sie der Welt zeigen wollte, dass sie auch mit so einem Ereignis umgehen kann. Eine "genehmigte Provokation" also! Ein unwichtiges Detail? Neben manchen Ungenauigkeiten und komisch-falschen Gewichtungen muss man an dieser Stelle aber auch einen Vorzug dieses Buch erwähnen: Der Autor räumt mit der gerade in Deutschland verbreiteten Vorstellung auf, Israel sei seit der Staatsgründung immer nur Opfer seiner feindlichen Umwelt gewesen. Aufgezwungene Kriege waren sicher der von 1948 und der Yom-Kippur-Krieg von 1973. Der Sechstage-Krieg 1967 und der Libanon-Feldzug 1982 des ehemaligen Verteidigungsministers Sharon waren Angriffskriege, deren präventive Rechtfertigung lediglich für den Yom-Kippur-Krieg sicher unbestritten ist. Die folgenden beiden Kapitel beschreiben den Verlauf des inzwischen geplatzten Friedensprozesses und die Menschenrechtsverletzungen vor allem der Israelis gegenüber den Palästinensern, aber auch die ihrer Behörden gegenüber der eigenen Bevölkerung. Hier wird man dem Autor weithin folgen können, auch wenn seine Kritik an Israels gewalttätiger Besatzungspolitik häufig überpointiert wirkt, weil Watzal die fürchterliche Kausalität aus dem Auge verliert. Die Todesspirale dort unten dreht sich eben auch, weil der palästinensische Terror zwar mit der Besatzungspolitik erklärbar ist, aber die fürchterliche Vergeltungsmaschine ebenfalls weiter antreibt. Das letzte Kapitel rückt einen Teil der innerisraelischen Diskussion um jüdische Demokratie, religiöse Fundamentalisten und ethno-zentrische Verwerfungen in den Blickpunkt. Das ganze leidet darunter, dass sich der Autor überwiegend auf die sogenannten "neuen Historiker" und Politikwissenschaftler um Ben Morris, Ilan Pappe, Israel Shahak und Moshe Zimmerman stützt, die aber in Israel nur Außenseiterpositionen einnehmen, allerdings viel Verständnis bei europäischen Intellektuellen finden. Schließen wir mit einem Zitat aus Watzals mehrseitigem "Ausblick". Diese Seiten enthalten viel Richtiges, aber auch manches Kuriose, so wenn der Autor von "hegemonialen Interessen" Israels schreibt, die es auch bei größter Dehnung des Begriffes "Hegemonie" nicht gibt. Falsch ist auch, Bill Clinton als den am meisten pro-israelischen US-Präsidenten aller Zeiten zu kennzeichnen. Fast ist das Gegenteil richtig: Clinton war, wie viele Demokraten, ziemlich pro-palästinensisch eingestellt. Vollkommen richtig aber ist, wenn Watzal jetzt, wo die Schaffung eines souveränen Palästinenserstaates erneut in weite Ferne gerückt ist, schreibt:

Ein souveräner Palästinenserstaat läge aus mehreren Gründen auch im Interesse Israels. Er wäre weder ökonomisch und politisch noch militärisch eine Bedrohung für das Land. Im Gegenteil: Die verspätete Staatsgründung aufgrund der UNO-Resolution würde die Existenz Israels in den international anerkannten Grenzen legitimieren. Ein zu schaffendes regionales Sicherheitssystem und die daraus resultierende Kooperation kämen dem Sicherheitsbedürfnis Israels entgegen. Durch die Rückgabe der besetzten Gebiete wäre dem Terror die Grundlage entzogen.

Fast alles richtig. Außer: Die Existenz Israels ist auch ohne einen Palästinenserstaat legitimiert. Zu fürchten bleibt allerdings, dass gute Ratschläge von außerhalb heute in Israel weniger denn je ernstgenommen werden.

Johannes Kuppe besprach das Buch von Ludwig Watzal: Feinde des Friedens. Der endlose Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Aufbau-Verlag, Berlin. 341 Seiten kosten 8 Euro 95.

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