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StartseiteKalenderblattLuftfahrtpionier aus Lateinamerika08.08.2009

Luftfahrtpionier aus Lateinamerika

Vor 300 Jahren zeigte der Jesuitenpater Bartolomeu de Gusmao erstmals einen Heißluftballon

Die christliche Ballonfahrt begann nicht erst mit den Gebrüdern Montgolfier, sondern 74 Jahre früher - wenn man einen Modellballon gelten lässt. Den ließ der brasilianische Jesuitenpater Bartolomeu Lourenco de Gusmao heute vor 300 Jahren am Hofe des portugiesischen Königs in Lissabon steigen, getragen von heißer Luft.

Von Mathias Schulenburg

Pater Bartolomeus Erben: Heißuftballone (AP)
Pater Bartolomeus Erben: Heißuftballone (AP)

Beim ersten Mal fing das Ding noch am Boden Feuer und rührte sich nicht. Beim zweiten Versuch - es hatte dreieinhalb Meter Höhe erreicht und stieg weiter - schlugen es Saaldiener zu Boden, die zu Recht fürchteten, es könne die Palastdecke in Brand setzen. Beim dritten Mal, am 8. August 1709, funktionierte der Versuch von Pater Bartolomeu Lourenço de Gusmão: Von Entzückensschreien begleitet, stieg zu Lissabon im Palast des portugiesischen Königs Johann des Fünften vor dessen und den Augen zahlreicher anderer Hochmögender der Welt erster Heißluftballon auf, verharrte, wie von Zauberhand gehalten, eine Weile still in der Luft und sank dann friedlich zu Boden.

Es war eigentlich nur ein Modell - um den Gebrüdern Montgolfier Gerechtigkeit widerfahren zu lassen -; ein Modell, das wenig mehr als ein Pfännchen aus Ton tragen konnte, in dem eine nicht näher benannte Masse brannte und Heißluft in die untere Öffnung eines Papierballons lenkte. Eine zeitgenössische Darstellung zeigt eine Kugel vom Durchmesser eines Bistrotisches. Gleichwohl: König Johann war so begeistert, dass er dem 23 Jahre jungen Pater eine Professur andiente und eine Kopie der Erfindung durch andere bei Todesstrafe verbot.

Bartolomeu Lourenço de Gusmão, im Dezember 1685 in Sao Paulo, Brasilien, geboren, wird - besonders im portugiesisch sprechenden Raum - als wahres Genie geschildert. Gerade 20 Jahre alt, habe er ein Gerät erfunden, das Wasser hundert Meter hoch habe pumpen können, was Mann und Tier den Transport erspart habe. Die Liste seiner Studienfächer an der Universität von Coimbra ist in der Tat beeindruckend: Mathematik, Astronomie, Mechanik, Physik, Chemie, Philosophie, Diplomatie und Kryptografie.

Denkbar, dass die Fülle der Fächer eine gewisse Verwirrung bewirkte, jedenfalls waren seine Fluggerätentwürfe vor und nach dem erfolgreichen Modellballonstart reine Fantasieprodukte: Magnete in Metallkugeln sollten ein Luftschiff in der Schwebe halten, in dessen Segel bei Windstille die Luft von Blasebälgen Kraft spendend wirbeln sollte - alles Seifenblasen.

Schöne Seifenblasen allerdings, Zeichnungen wie von Moebius alias Jean Giraud: magisch, surreal, von alten Traditionen herrührend. Denn Bartolomeu Lourenco de Gusmao hatte als Jesuitenpater Missionsreisen durch Südamerika gemacht und dabei offenbar Rauchballons gesehen, wie sie die Indios heute noch bei religiösen Festen aufsteigen lassen.

Der Ballon des Paters, mit dem er bei Hofe höchsten Ruhm erworben hatte, war auch so ein Ding gewesen, und es ist überaus wahrscheinlich, dass die Indios die Kunst des Rauchballons da schon seit Jahrhunderten beherrschten - die Chinesen kennen sie bereits seit 1400 Jahren. Und da Menschen, wenn mal etwas funktioniert, ihre Erfindungen variieren, auch größer machen, werden auch die alten Inkas immer größere Ballons erprobt haben; sie könnten ein Steinchen haben aufsteigen lassen, eine Maus, eine Katze und schließlich: sich selbst.

Auch Pater Bartolomeu soll zwei Monate nach seiner Demonstration mit einem Heißluftballon nahe Lissabon geflogen sein, einen Kilometer weit, die Quellen sind allerdings dubios. Nach seinen Zeichnungen zu urteilen, ist er am Boden geblieben.

Dass die Inkas mit einem Rauchballon leibhaftig hätten aufsteigen können, ist vom amerikanischen Ballonfahrer Jim Woodman und seinem Copiloten Julian Nott Ende 1975 sehr eindrucksvoll bewiesen worden. Die beiden stiegen, auf einer Art Schilfboot als Gondel sitzend, mit einem kräftig geräucherten, zehn Stockwerke hohen Leinensack als Ballon in der Form einer Tetrapak-Milchtüte auf. Die Räucherung hatte das Leinentuch gasdicht gemacht, und dass der Stoff von den alten Inkas hätte hergestellt werden können, hatten Leichensäcke alter Grabfelder bewiesen. Die Heißluft wurde in einer Feuergrube auf der Nazca-Ebene erzeugt, und als der Ballon schließlich auf 130 Meter Höhe kam, sahen Woodman und Nott die dort auf der Erde arrangierten Tierfiguren in aller Klarheit, was vom Boden aus nicht möglich ist. Pater Bartolomeu hätte seine helle Freude gehabt.

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