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StartseiteKultur heuteLumpen im Zwielicht18.04.2007

Lumpen im Zwielicht

Igor Strawinskys Oper "The Rake's Progress" an der Brüsseler Oper La Monnaie

Die Oper "The Rake's Progress" oder "Die Laufbahn eines Wüstlings" von Igor Strawinsky basiert auf dem (fast) gleichnamigen Londoner Sittengemälde-Zyklus des englischen Malers William Hogarth. Gemeinsam mit seinen Librettisten W.H. Auden und Chester Kallman arbeitete der russische Komponist weitere Literaturmotive von Faust bis Don Juan in den Text ein. Jetzt hatte eine Neuinszenierung in Brüssel Premiere.

Von Christoph Schmitz

Der in Russland geborene Komponist Igor Strawinsky. (AP)
Der in Russland geborene Komponist Igor Strawinsky. (AP)

"Wahre Liebe kann nicht wanken", singt Anne. Wahre Liebe gibt nicht auf, auch nicht, wenn sie verletzt und geschmäht wird. Nur mal so für eine Nacht, Liebe auf Zeit, Lebensabschnittspartnerschaft und wenn's zu kompliziert ist, einfach weg - das ist nicht Annes Sache. Auch wenn ihr Freund es genau so macht. Tom Rakewell heißt der. Sein Name ist Programm. Das englische "rake" bedeutet Wüstling. Auch Annes Familienname ist Programm. Truelove heißt sie, und als wirklich Liebende macht sich auf die Suche nach dem Freund. Der hat sich in die Stadt davon gemacht, um es mittels Erbschaft, wenig Arbeit und viel Spaß im Bordell zu Bekanntheit und Reichtum zu bringen. Ein zwielichtiger Typ namens Nick Shadow hilft ihm dabei, obwohl sich Tom Rakewell seiner eigenen Lumperei bewusst ist: Liebe, mein Schmerz und meine Schmach.

Sehr leise und zart kann Andrew Kennedy werden, der den schwächlichen Tom singt. Und seine Partnerin Laura Claycomb verleiht ihrer Anne mit einem makellosen, warmen und biegsamen Sopran die Schönheit eines unbeirrt liebenden Menschen. Mit großer Intensität spielt sie auch diese Rolle, wie auch Andrew Kennedy mit Leichtigkeit den Leichtfuß Tom darstellt, seine Hybris und seinen späteren Zusammenbruch. Und William Shimell als Nick Shadow, Toms übler Schatten, zeigt brillant die Winkelzüge einer bösen Macht. Mit bizarren Auswüchsen. Wenn Nick seinem Tom eine bärtige Jahrmarktssensation als Gattin unterjubelt, die Türken-Baba: Wer das Hässliche wählt, ist wirklich frei.

Dagma Peckova lässt die Türken-Baba herrlich toben. Baba merkt, dass Tom immer noch Anne liebt. Und die Handlung wird immer toller. Nick lässt Tom in eine Maschine investieren, die aus Steinen Brot macht. Bei Toms finanziellem Bankrott, der ja zu erwarten war, will Nick plötzlich seinen Lohn - Toms Seele, denn Nick Shadow entpuppt sich als leibhaftiger Teufel, mit dem Tom einen Pakt geschlossen hatte. Doch der Teufel fährt zur Hölle, bannt aber den armen Mann in rettungslosen Wahnsinn. Strawinsky hatte zusammen mit seinen Librettisten Auden und Kallman ein Konglomerat europäischer Literaturmotive- und Stoffe geschaffen: Faust- und Don Juan-Element eingearbeitet in einen Londoner Sittengemälde-Zyklus des englischen Malers William Hogarth. Ein Zyklus, der der Oper auch ihren Namen gab: Die Laufbahn eines Wüstlings, The Rake's Progress. Dem literarisch-künstlerischen Konglomerat entspricht Strawinskys musikalisches Verfahren - die neoklassizistische Anverwandlung der barocken Seria-Oper. Und der Regisseur der Brüsseler Inszenierung, der Kanadier Robert Lepage, treibt das Spiel kongenial weiter. Er belässt die Geschichte nicht im London des 18. Jahrhunderts, treibt sie aber auch nicht in die Gegenwart, sondern kleidet sie ins Milieu der US-amerikanischen Öl- und Hollywood-Magnaten der 1950er Jahre. Der Teufel Nick Shadow ist Filmregisseur. Tom ein Schauspieler. Anne Tochter eines reichen Texaners. Im Wirbel der Stile und Zeiten erhält die Fabel so ihre Zeitlosigkeit und die Moral der Geschichte ihre zeitlose Gültigkeit. Es geht darum, wie der Mensch gefährdet ist durch Hybris, Ehrgeiz, Eitelkeit und vor allem Trägheit. Strawinsky verkündet es als Vermächtnis in Form der Moritat. Am Schluss stehen die toten und lebenden Helden vor dem Vorhang und verkünden ihre Lehre: "Für faule Hände, Herzen und Köpfe, findet der Teufel eine Beschäftigung". Dem Applaus des Publikums schließt sich der Autor gerne an.

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