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StartseiteTag für TagMuseum ohne Gäste22.08.2019

Luther-Ausstellung in MansfeldMuseum ohne Gäste

Sachsen-Anhalt ist Luther-Land. Besonders auch das Mansfelder Land. 2014 wurde in Mansfeld – direkt gegenüber Luthers Elternhaus - ein Museum gebaut. Nicht billig. Ein 3,5 Millionen Bau. Die Ausstellung begeistert die, die sie besuchen. Aber es sind wenige – gerade mal 4.500 im vergangenen Jahr.

Von Christoph Richter

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Museum Luthers Elternhaus, moderner Museumsneubau von 2014, Luthers Elternhaus in der Spiegelung, Martin Luther lebte hier 1484-1497, Mansfeld-Lutherstadt, Sachsen-Anhalt, (imago stock&people / imagebroker / Harald Wenzel-Orf)
Luther Museum in Mansfeld: Anwohner empfinden es als ein Ufo mitten in der Stadt. Architektur-Interessierte sind begeistert. (imago stock&people / imagebroker / Harald Wenzel-Orf)
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"Mansfeld ist der Ort an dem Martin Luther die zweitlängste Zeit seines Lebens verbracht hat. In Mansfeld hat er Kindheit und Jugend verbracht, prägende Jahre. Mansfeld war immer seine Heimat."

Unterstreicht der 61-jährige Stefan Rhein, Direktor der Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt. Wer sich für Luther interessiere, dürfe an Mansfeld nicht vorbeifahren, ergänzt der Philologe noch. Seine Dissertation hat er über "Melanchthons griechische Gedichte" geschrieben. Und Rhein ist ein ausgewiesener Kenner der Protagonisten der Reformation, insbesondere Martin Luthers.

"Luther hat sich in Wittenberg nie wohlgefühlt"

"Ganz offen gesagt: Er hat sich in Wittenberg nie wohlgefühlt. Hier in Mansfeld sind die Freunde, die Familie, hier ist auch das Essen gut. Der Wein schmeckt besser als in Wittenberg. Um Luther verstehen zu wollen, kann man Mansfeld nicht ausblenden."

Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, betrachtet am 12.06.2014 im Luther-Museum in Mansfeld, Sachsen-Anhalt, eine Büste von Martin Luther als Junker Jörg. (imago stock&people / epd)Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, im Luther-Museum (imago stock&people / epd)

Die ersten 13 Lebensjahre hat Luther in Mansfeld verbracht. Eine kleine Stadt, eingebettet in eine leicht hügelige Landschaft am Südharz, geprägt seit Jahrhunderten vom Abbau von Kupferschiefer. Eine Gegend, die so vor etwa 500 Jahren einen rasanten Aufstieg erlebte. Binnen kürzester Zeit kamen hier viele Menschen zu Wohlstand. Auch die Luders, wie die Luthers damals noch hießen.

Und Luther habe sich immer als ein Kind des Mansfeldischen verstanden. Ein Grund auch, warum das 2014 eröffnete Luther-Museum in Mansfeld die Besucher mit den Worten: "Ich bin ein Mansfeldisch Kind" begrüßt.

Lehrer: Martin, dekliniere ‚rex‘!
Martin: Rex, regis, rege …
Lehrer: Regi! Hast du in der letzten Stunde nicht aufgepasst?

Eine Medienstation im Mansfelder Museum macht deutlich, wie Luther aufwuchs – in einem strengen, autoritären, kargen, gottesfürchtigen und sparsamen Umfeld.

Lehrer: Hast Du nicht gelernt? Nach vorne mit dir. 15 Hiebe! Los! Beug dich nach vorne.

Luther als Figur der Zeitgeschichte

Hier gehe es nicht um Heldenverehrung, auch wolle man nicht missionieren, unterstreicht Philologe Stefan Rhein. Der Schwerpunkt liege in der kulturellen Bildung, in sogenannten niedrigschwelligen Angeboten.

"Ja, so kann man sagen: Wir wollen gerade, wenn wir mit Schulklassen arbeiten, mit Kindergärten, mit Kindergeburtstagen - dann ist das erstmal eine niedrigschwellige Einladung, sich mit dieser Zeit zu beschäftigen, aber gleichzeitig auch, einen authentischen Luther-Ort kennen zu lernen."

Man will Luther als Figur der Zeitgeschichte nahebringen, weniger als den Theologen. 

"Wir haben einen großen Bestand an archäologischen Funden von Luthers Elternhaus. Dort wurde 2003 eine Abfallgrube gefunden, die ganz genau zeigt, wie Luthers gelebt haben", so Rhein.

Blick in die Ausstellung "Ich bin ein Mansfeldisch Kind" im Luther-Museum in Mansfeld, Sachsen-Anhalt (Foto vom 12.06.2014). Der Neubau wurde direkt gegenüber dem früheren Elternhaus von Martin Luther (1483-1546) errichtet. Die Ausstellung bildet den Mittelpunkt des Museums.  (imago stock&people /epd)Blick in die Ausstellung "Ich bin ein Mansfeldisch Kind" (imago stock&people /epd)

Erstaunlich gut erhaltene Speisereste der Luthers habe man in der Abfallgrube gefunden, erzählt der aus Kassel stammende Kirchenhistoriker und Ausstellungskurator Christian Philipsen. Einmalige Belege, die zeigen, wie die Luthers wirklich gelebt haben.

"Die Luthers konnten sich frischen Fisch in der Fastenzeit leisten. Und eben nicht, wie sonst üblich, bei den ärmeren Familien, Stockfisch oder Salzhering. Sondern frischen Fisch, zum Beispiel den sehr beliebten Karpfen."

Als besondere Delikatesse kamen bei den Luthers gebratene Singvögel auf den Tisch. Davon zeugen zentimeterkleine Knochen. Diese Fundstücke eines wohlhabenden Lebens werden im Museum unprätentiös, wenig akademisch, dafür aber sehr sinnlich präsentiert.

Luther ohne Protestantismus?

Aber: Ohne große Besucher-Resonanz. 2017 im Jahr des Reformationsjubiläums kamen etwa 18.000 Besucher. Ein absoluter Ausreißer. Ein Jahr später kamen nur noch 4.500 Besucher. Dieses Jahr ist man froh, wenn 3.000 bis 4.000 Gäste kommen.

Bange machen gilt nicht, sagt Stefan Rhein, der Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten.

"Wir haben hier auch die Aufgabe, für den Ort, für die Region Identität zu schaffen", sagt Rhein. "Lutherstadt Mansfeld ist ja auch ein Teil des Lokalstolzes. Für diesen Stolz, den noch zu verbreitern, den noch zu verstärken, dafür arbeiten wir."

Kritiker halten entgegen, man habe im Luther-Museum den Protestantismus aufgegeben und wolle Luther lediglich als Teil der Landesgeschichte vermarkten. Was das Protestantische ausmache, gerate in Vergessenheit.

So würden – in Mansfeld, Eisleben oder Wittenberg - lieber Luther-Volksfeste gefeiert, anstatt auf protestantische Traditionen hinzuweisen, die bis in die späten 1970er-Jahre durchaus noch lebendig waren. Denn in Luthers Vaterhaus, wie das Mansfelder Elternhaus heißt – und das auf der anderen Straßenseite des 2014 eröffneten Luther-Museums steht – haben Diakonissen gelebt. Zuletzt Berta Israel, erzählt Matthias Paul. Er ist der Pfarrer der St. Georgs-Kirche, dort wo der Knabe Martin Luther erstmals eine Kirche besuchte, wo er auch im Chor sang.

Das Elternhaus von Martin Luther(1483-1546), aufgenommen am 12.06.2014 in Mansfeld (Sachsen-Anhalt) während der Pressevorbesichtigung zur Lutherausstellung "Ich bin ein Mansfeldisch Kind". (picture alliance / dpa / Jens Schlueter)Das Elternhaus von Martin Luther (picture alliance / dpa / Jens Schlueter)

"Wir hatten darüber viele Diskussionen. Das Alt-Gebäude, Luthers Vaterhaus hatte ja tatsächlich protestantische Traditionen. Wurde im 19. Jahrhundert gerettet. Um dort natürlich auf den Reformator hinzuweisen. Na klar. Aber vor allen Dingen in der Umsetzung als Diakonissen-Station. Und das blieb bis in die 1970er-Jahre so, so lange hat hier eine Diakonisse gewohnt und gewirkt. Auch danach hat noch eine Frau, die ich noch kennengelernt habe – weit über 90 Jahre alt war sie damals – hat dort gearbeitet. Sie hat zwar geheiratet, war dann keine Diakonisse mehr, hat aber den Geist noch lange gelebt. Den haben wir versucht einzubringen. Es ist damals der Kirchengemeinde nicht gelungen, einen eigenen Weg zu gehen, der es als kirchliche Einrichtung weiter bestehen lassen würde."

Nur wenige Touristen

Gegenüber das Mansfelder Luther-Museum. Auch wenn es einen Kontrast bildet zum städtebaulichen Umfeld - hat es seinen Reiz für Architektur-Interessierte. Ein Entwurf des Berliner Büros Anderhalten. Die Außenhaut besteht aus grauem Sichtbeton, in die Steine aus der Region mit eingearbeitet sind. Noch heute ist es für Anwohner gewöhnungsbedürftig. Sie sprechen von einem UFO in Mansfeld. Immer wieder bekämen sie auch von Touristen ungläubige Fragen gestellt.

"Horchen Sie mal: Sind Sie aus dem Ort hier? Ich sage: Ja, warum? Sagen Sie mal, was ist das denn da? Ist das ein Krematorium? Ich sage: Das ist das Luther-Museum. Was? - Gefällt Ihnen nicht? - Furchtbar! Furchtbar!"

Nachbarin Petra Honigmann runzelt die Stirn. Sie wohnt genau gegenüber vom Museum, in einem Teil des ehemaligen Luther-Elternhauses.

3,5 Millionen Euro hat der Bau des Luther-Museums in Mansfeld gekostet. Umstritten ist die Investition bis heute. Die Frage nach dem Verhältnis von Aufwand und Besucherinteresse eines Luther-Museums, in Mansfeld steht sie nach wie vor im Raum.

Stadtansicht von Mansfeld, Sachsen-Anhalt (dpa / picture alliance)Die Stadt Mansfeld hat mit dem Strukturwandel zu kämpfen (dpa / picture alliance)

Denn das Haus steht in einer von der Welt vergessenen Stadt. Seit dem Ende des Kupferschieferbergbaus Anfang der 1990er-Jahre hat Mansfeld einen radikalen Niedergang erlebt. Viele Häuser sind grau, stehen leer und sind verfallen. Die Rollläden sind runtergelassen, man sieht verblasste Mauer-Inschriften vergangener Zeiten. Menschen sieht man wenige in den Straßen. Restaurants oder Cafés gibt es kaum. Touristen verirren sich nur selten nach Mansfeld.

Luther als regionale Rettungsmaßnahme?

Er wolle Mansfeld mit seinen 3.000 Einwohnern nicht einfach so aufgeben, sagt Stefan Rhein, der Direktor der Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt. Mit den Kritikern des Luther-Museums kann er wenig anfangen. Ganz im Gegenteil: Luther müsse zurück ins Bewusstsein der Menschen. Ohne Luther, so der Reformations-Experte, wäre doch Mansfeld ganz und gar verloren.

"Um es salopp zu sagen: Ich bin Sohn eines Wirtschaftsprüfers und Steuerberaters und komme aus Süddeutschland und Schwabe. Mir ist schon klar, dass Luther nicht die Welt rettet. Luther wird allein auch nicht Mansfeld retten, dazu braucht es viele Anstrengungen. Meine Aufgabe ist es, dass Luther ein Bestandteil, ein Teil der Rettungsmaßnahmen ist. Wir dürfen Mansfeld nicht vergessen. Mansfeld ist ein wichtiger Ort im Leben Luthers. Und es wäre schön und daran arbeiten wir, dass Mansfeld ein wichtiger Ort im Luther-Tourismus wird."

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