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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturNicht der Preis entscheidet über Angebot und Nachfrage02.05.2016

Macht der Matching-MärkteNicht der Preis entscheidet über Angebot und Nachfrage

Liebesbeziehung, Schulwahl oder Nierenspende – das sind alles Dinge, die in erster Linie nicht als marktwirtschaftliche Vorgänge wahrgenommen werden. Der US-amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Alvin E. Roth analysiert in seinem Buch "Wer kriegt was – und warum?" welche Schrauben an einem solchen Markt zu drehen sind, damit Angebot und Nachfrage auch ohne Preis zueinander finden.

Von Günther Kaindlstorfer

Zwei Hände. Die eine Hand gibt der andere mehrere Euroscheine. (dpa/ picture-alliance/ Franziska Kraufmann)
Der Preis spielt für Angebot und Nachfrage auf Matching-Märkten weniger eine Rolle (dpa/ picture-alliance/ Franziska Kraufmann)
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Alvin E. Roth glaubt an die Macht der Märkte. Sie können etwas, was andere Formen gesellschaftlicher Organisation nicht können: komplexe menschliche Verhaltensweisen effizient koordinieren, und zwar kraft ihrer Flexibilität. Zwei Milliarden Paar Herrensocken an den Mann oder eine Million "Brigitte"-Hefte an die Frau zu bringen – für effiziente Märkte ist das kein Problem. Es gibt aber auch Märkte – und da setzen Roth’s Forschungen an – die funktionieren nicht nach dem herkömmlichen Angebot-Nachfrage-Muster. Die Verteilung von Studienplätzen zum Beispiel, oder die Partnervermittlung im Internet. Auf diesen Märkten gelangt die Sozialtechnik des Matching zur Anwendung. Roth schreibt:

",Matching’ ist ein volkswirtschaftlicher Fachbegriff, der den Prozess bezeichnet, durch den wir die vielen Dinge im Leben bekommen, für die wir uns entschieden haben, die sich aber ihrerseits auch für uns entscheiden müssen. Es ist nicht damit getan, die Universität Yale einfach davon in Kenntnis zu setzen, dass man sich dort einschreiben will – oder seinen Arbeitgeber, sagen wir, Google, dass man zur Arbeit erscheint. Man muss auch zugelassen beziehungsweise eingestellt werden. Aber Yale und Google können ihrerseits auch nicht einfach diktieren, wer zu ihnen kommt, genauso wenig wie man einfach seinen Ehepartner auswählen kann: Jeder muss auch seinerseits ausgewählt werden." Und wie sich dieser Prozess des gegenseitigen Auswählens am besten organisieren lässt – das ist Gegenstand von Roth’ Buch. 

Angebot und Nachfrage

Im Unterschied zu herkömmlichen Märkten ist es auf Matching-Märkten nicht in erster Linie der Preis, der Angebot und Nachfrage koordiniert: "Beim Kauf von hundert At&t-Aktien an der New Yorker Börse müssen Sie sich keine Gedanken darüber machen, ob der Verkäufer Sie auswählen wird. Sie müssen keine Bewerbung einreichen oder sich sonst wie selbst anpreisen. Und auch der Verkäufer muss nicht bei Ihnen für sich werben. Der Preis erledigt das alles; er bringt Sie beide bei jenem Preis zusammen, bei dem Angebot gleich Nachfrage ist. An der Börse entscheidet der Preis darüber, wer was kriegt. Auf Matching-Märkten dagegen funktionieren Preise nicht in dieser Weise." 

Algorithmus für die effiziente Verteilung von Spendernieren

Auf dem Spendernieren-Markt zum Beispiel. In so gut wie allen Ländern der Erde ist der kommerzielle Handel mit Spenderorganen gesetzlich verboten. "Nierentransplantationen kosten eine Menge, aber Geld entscheidet nicht darüber, wer eine Niere bekommt" hält Roth fest. Zusammen mit einem Team von Forscherinnen und Forschern hat der Stanford-Professor – der früher in Harvard tätig war – einen Algorithmus entwickelt, der die effiziente Verteilung von Spendernieren in New England organisiert. Mit Roth’s Algorithmen werden in den USA auch öffentliche High-School-Plätze in zahlreichen Großstädten vergeben und Facharztstellen für Jungmediziner vermittelt. Der Ökonomie-Professor sieht sich selbst als Praktiker, als einen, der nicht-kommerzielle Märkte kreiert - auf ähnliche Weise, wie ein Ingenieur Autos oder eine Architektin Brücken kreiert. "Marktdesign" nennt sich die ökonomische Disziplin, die Roth da miterfunden hat.

In seinem Buch untersucht der 65jährige nun eine Reihe von Märkten, die sich nicht nur über Preise gestalten lassen: die Märkte für Gastroenterologen, Funkfrequenzen, Jura-Referendarinnen, orthopädische Chirurgen und potenzielle Liebespartner. Bevor er sich dem effizienten Design solcher Märkte zuwendet, analysiert Roth allerdings noch verschiedene Formen von Marktversagen. Zum Beispiel die sogenannte "Marktverstopfung". 

Wenn der "Anbietermarkt" verstopft ist

"Internet-Partnervermittlungen sind ein typisches Beispiel: Frauen mit attraktiven Bildern erhalten möglicherweise so viele Nachrichten, dass sie kaum noch entscheiden können, auf welche es sich zu antworten lohnt." Soll heißen: Der "Anbietermarkt" ist verstopft. Mit gravierenden Konsequenzen für die umschwärmte Dame sowie ihre potenziellen Dating-Partner, aber auch für das Dating-Portal im Ganzen:

 "Die Männer, die feststellen, dass viele ihrer E-Mails unbeantwortet bleiben, versenden daraufhin noch mehr E-Mails. Diese werden aber immer weniger aussagekräftig, weil die Männer die Profile der Frauen und die darin enthaltenen Informationen zunehmend weniger gründlich ansehen und sich daher auch weniger Gedanken darüber machen, wie die jeweilige Frau am besten anzusprechen wäre. Die Frauen wiederum antworten nun auf immer weniger Nachrichten, woraufhin die Männer noch mehr und noch oberflächlichere Nachrichten schicken. Ökonomen nennen solche oberflächlichen Nachrichten »cheap talk«, also »Leeres Geschwätz«. Wenn Worte nur noch Geschwätz sind, geben sie kein verlässliches Signal."

Und dann funktioniert der Markt nicht mehr richtig. Und damit sind wir bei einem grundsätzlichen Problem von Alvin E. Roth’s Buch angekommen. Der Stanford-Ökonom verrät zwar eine Menge über Marktversagen auf den verschiedensten Gebieten, aber wie diese Formen des Marktversagens konkret aufzulösen wären, erfährt man nicht so richtig. Roth verweist eher allgemein auf die effizienten Algorithmen, die er in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Wie sie ungefähr funktionieren, ob man die Rothsche Problemlösungs-Software kaufen muss, oder ob der Nobelpreisträger sie Interessierten kostenfrei in Form von Open-Source-Programmen zur Verfügung stellt, geht aus diesem flott und erfrischend süffig geschriebenen Buch nicht hervor. Müsste man die Software kaufen, wäre das auch eine Form von Marktversagen. Zumindest auf dem Buchmarkt. 

Alvin E. Roth: "Wer kriegt was – und warum? Bildung, Jobs und Partnerwahl: Wie Märkte funktionieren",
Siedler-Verlag, München 2016. 304 Seiten, EUR 24,99.

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