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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie CDU braucht eine neue Generation31.10.2020

Machtkampf in CoronazeitenDie CDU braucht eine neue Generation

Ausgerechnet jetzt, wo der Zusammenhalt wichtiger sei denn je, veranstalte die CDU eine Ego-Show, meint Gastkommentator Georg Löwisch. Es sei gut, dass der Parteitag verschoben wurde, denn die CDU sei noch nicht so weit. Sie brauche neue Themen und neue Leute, sprich: eine Zukunftsvision.

Von Georg Löwisch, Chefredakteur von "ZEIT Christ & Welt"

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Armin Laschet, Friedrich Merz und Norbert Röttgen stehen zusammen. (dpa/Michael Kappeler)
Die Kandidaten für die CDU-Parteiführung: Norbert Röttgen, Friedrich Merz und Armin Laschet (dpa/Michael Kappeler)
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Ach, du liebe Zeit! Der CDU-Vorstand verschiebt einen Parteitag auf nächstes Jahr - da schimpft Friedrich Merz gleich über eine "volle Breitseite des Establishments". Und dieser Friedrich Merz, eben weil er die Verschiebung kritisiert, wird von Journalisten prompt zum Trump gekürt. Der Gescholtene wiederum sagt martialisch: Er lasse sich nicht "zermürben". Da kommt Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier und weist Merz' These empört zurück, dass der durch die Verschiebung als Vorsitzender verhindert werden soll. Dies sei, sagt Bouffier: "wirklich albern, falsch und widersinnig."

Das alles mag großes Politkino sein, auf fast sozialdemokratischem Niveau. Aber es ist auch seltsam: Die CDU hat in der Geschichte der Bundesrepublik immer stark integriert von rechts bis weit in die Mitte. Sie war in einem breiten Spektrum Partei des Zusammenhalts, eine Union. Und ausgerechnet jetzt, wo angesichts von Corona Zusammenhalt wichtiger wird denn je, kommt von genau dieser Partei ein Ego-Getöse sondergleichen.

Die Kandidaten für den CDU-Vorsitz: Armin Laschet, Norbert Röttgen und Friedrich Merz (v.l.) (dpa / picture alliance / Federico Gambarini /Eventpress Staufenberg / Kay Nietfeld) (dpa / picture alliance / Federico Gambarini /Eventpress Staufenberg / Kay Nietfeld)Wer wird neuer CDU-Parteivorsitzender?
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Die CDU braucht neue Köpfe

Eine CDU in diesem Zustand bedeutet nichts Gutes für die Republik. Hier streiten die Falschen über das Falsche. Eigentlich geht es darum, was aus der Christdemokratie wird, wenn die Zeit von Angela Merkel endgültig vorbei ist. Die CDU braucht eine neue Generation von Talenten, die ein genauso großes Spektrum bedienen wie Merkel es geschafft hat. Aber auf eine neue Weise, mit neuen Themen und neuen Leuten, die diese Themen verkörpern.

Die neuen Themen sind zuallererst die zwei Entwicklungen, die die Welt verändern: Klimakrise und Digitalisierung. Wenn man an Digitales denkt, welcher CDU-Politiker fällt einem eigentlich ein? Und welche CDU-Politikerin steht noch gleich für die Vision einer klimagerechten Wirtschaft?

Jetzt nicht als schwarz-grüne Verlegenheitsformel, sondern als Zukunftsvision, bei der das Geld fließt und das Co2 weniger wird. Klima und digitale Welt - beide Themen kann man nach der christdemokratischen Idee durchbuchstabieren. Ein digitale Welt, die die Menschen nicht voneinander entfremdet. Und eine Zukunft, in der nicht die Klimakatastrophe Menschen von Geburt an in Not bringt.

Herr Hätteschonlängst gegen Herrn Möchtemalgern

Es ist schon richtig, dass die CDU nicht nur fragt, was sie ist, sondern vor allem wer sie ist. Sie war noch nie eine Programmpartei, sondern eine vielfältige Versammlung, die den Gestaltungswillen sehr unterschiedlicher Konfessionen, Professionen und Denkschulen organisiert, austariert und integriert.

Die CDU ist ein großes Zelt, das man immer neu aufspannen muss. Jemand muss sagen, wo dieses Zelt steht und wie weit es gespannt werden soll. Das kann aber nicht eine Person allein. Ein Chef oder eine Chefin muss Talente sehen, aufbauen und binden. Die Frage lautet nicht nur, wer die CDU ist, sondern: wer noch?

Helmut Kohl brachte echte Typen nach vorn: Heiner Geißler oder Bernhard Vogel. Angela Merkel zog Leute wie Annette Schavan, Volker Kauder oder Peter Altmaier mit. Damals waren das neue Gesichter einer neuen CDU. Dagegen glänzen heute Friedrich Merz und Norbert Röttgen vor allem in eigener Sache. Sie sind Solisten. Welche Teams haben sie aufgebaut? Armin Laschet hat als stärkste Minister in seinem Kabinett in Nordrhein-Westfalen Routiniers, die älter sind als er selbst. Wen würde er mitbringen? Jens Spahn ist ein erfolgreicher Netzwerker. Aber kann er auch andere wachsen lassen?

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"Ich bin groß" - das ist eine kleine Kunst gegen die Fertigkeit einem anderen zu sagen: "Du bist groß." Nein, die nächste Generation der CDU an den Start zu bringen, ist keine Ego-Show. Herr Hätteschonlängst gegen Herrn Möchtemalgern, so sieht kein Generationenwechsel aus. Zumal, wenn den stärksten Kanzlerkandidaten nach heutigem Stand aus der Schwesterpartei von nebenan bietet: den CSU-Chef Markus Söder.

Gut, dass der Parteitag verschoben wurde. Die CDU ist noch nicht so weit. Vielleicht besinnt sie sich. Solange kommt erst mal der Kampf gegen Corona. Solange handelt noch Angela Merkel.

Georg Löwisch (Anja Weber)Georg Löwisch (Anja Weber)Georg Löwisch wurde 1974 in Freiburg geboren. In Leipzig studierte er Journalistik und Afrikanistik. Schon vor dem Abschluss arbeitete er als freier Reporter für Zeitungen, verschiedene ARD-Radios und den Deutschlandfunk. Als Korrespondent berichtete er für den Fachdienst epd medien. Bei der "taz" in Berlin absolvierte er sein Volontariat und arbeitete dort gut zehn Jahre als Redakteur, Reporter und Ressortleiter. Von 2012 an Textchef des Magazins "Cicero". 2015 bis 2020 war er Chefredakteur der "taz". Seit Juli 2020 Chefredakteur von "ZEIT Christ & Welt" und Autor der "ZEIT".

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