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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie nächste kurze Amtszeit?24.05.2019

Machtwechsel in GroßbritannienDie nächste kurze Amtszeit?

Die Amtszeit der britischen Premierministerin Theresa May war von Agonie geprägt, meint Friedbert Meurer. Ihr möglicher Nachfolger Boris Johnson werde gerne mit Donald Trump verglichen, aber damit tue man ihm unrecht. Dass der ehemalige Bürgermeister von London Opportunist sei, werde ihm nur helfen.

Von Friedbert Meurer

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Der ehemalige britische Außenminister Boris Johnson. (picture alliance / EPA / ANDY RAIN )
Der ehemalige britische Außenminister Boris Johnson ist einer der Kandidaten für die May-Nachfolge (picture alliance / EPA / ANDY RAIN )
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Noch vor zwei Jahren in der Nacht nach der leichtfertig ausgerufenen und am Ende verheerenden Unterhauswahl zog der damalige Schatzkanzler George Osborne einen brutalen Vergleich. "Theresa May befindet sich ab sofort auf dem Weg zu ihrer Hinrichtung." Die Agonie der Theresa May währte dann immerhin zwei Jahre.

Manche bewundern ihr Stehvermögen und werden sie als Opfer der "Eton Boys" sehen, der etablierten männlichen Abgeordneten mit privatem Internatshintergrund. Mit May als künftiger Premierministerin hatte von ihnen keiner gerechnet. Sie gehörte nie zum inneren Machtzirkel  und war in ihrer eigenen Partei eine Außenseiterin. In der Politik aber muss man Kontakte aufbauen, Helfer und Freunde haben - das wollte sie bewusst und fatalerweise nie.

May und die Hardliner

Dann sah Theresa May sich verpflichtet, weil sie ja für den Verbleib in der EU gestimmt hatte, bei den Brexiteers der Partei mit markigen Reden um Glaubwürdigkeit und Akzeptanz zu buhlen. Sie hielt auf dem ersten Parteitag nach dem Referendum eine geradezu nationalistisch gefärbte Rede, die um Lichtjahre von ihrem heutigen Appell zum Konsens entfernt war.

Heute zitierte sie Nicholas Winton, der in den 1930er-Jahren die Kindertransporte organisierte und tausende jüdischer Kinder vor dem Holocaust rettete. Kompromisse seien lebenswichtig, habe Winton ihr einmal selbst gesagt.

Davon war aber bei May auf der politischen Bühne in Westminster lange nichts zu spüren. Anstatt nach dem Referendum die Hand den unterlegenen Remainern gegenüber auszustrecken, ließ sie sich zu markigen Sprüchen hinreißen wie "Kein Vertrag mit der EU ist besser als ein schlechter Vertrag". Der Satz wurde zu ihrem Mantra, und warum sollten dann die Hardliner nicht das Recht haben, sie beim Wort zu nehmen?

Der große Favorit

Ein Kompromiss zwischen Tories und Labour, Brexiteers und Remainern, ist aber vermutlich die einzige Chance, endlich diese tiefe Spaltung der britischen Gesellschaft im Ansatz zu überbrücken. Beide Seiten sind am Ende der Amtszeit Mays davon aber weiter entfernt denn je.

Theresa Mays Nachfolger wird wahrscheinlich Boris Johnson heißen, zumindest ist er der große Favorit. Er wird außerhalb Großbritanniens gerne mit Donald Trump verglichen, aber damit tut man ihm unrecht. Johnson ist für den Klimaschutz, für die Rechte von Schwulen und Lesben, für Einwanderung und als Londoner Bürgermeister besaß er damit Strahlkraft nach beiden Seiten. Dass er Machtpolitiker und Opportunist ist, wird ihm nur helfen.

Schon wieder hat der große Zwist um Europa einen britischen Regierungschef das Amt gekostet. Auch May war damit überfordert. Johnson, wenn die Wahl auf ihn fallen sollte, könnte es auch sein. Vielleicht wird seine Amtszeit sogar von noch kürzerer Dauer sein als die der unglücklichen Theresa May. 

Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer, Jahrgang 1959, studierte Germanistik und Geschichte in Mainz und Bielefeld mit dem Abschluss Lehramt für Gymnasien. 1986/87 gehörte er zum Gründungsteam des Privatradios RPR in Koblenz und volontierte dann 1988/89 beim Deutschlandfunk. 1995 bis 1999 arbeitete Meurer als Parlamentsreporter in Bonn mit dem Schwerpunkt Außenpolitik. Bis 2015 war er Ressortleiter Zeitfunk und moderierte u. a. "Informationen am Morgen". Seit August 2015 ist er Korrespondent von Deutschlandradio in London.

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