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StartseiteKommentare und Themen der WocheVision und Wirklichkeit12.05.2018

Macron und Merkel beim KarlspreisVision und Wirklichkeit

Wenn es um ein gemeinsames Europa gehe, seien Visionen und Pragmatismus vereinbar - das hätten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron gezeigt, meint Günter Bannas. Bei der Verleihung des Karlspreises hätten beide gezeigt, was Europa ausmache.

Von Günter Bannas, Frankfurter Allgemeine Zeitung

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), und der französische Staatspräsident Emmanuel Macron stehen nach der Verleihung des Karlspreises auf einer Tribüne. (dpa-Bildfunk / Ina Fassbender)
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), und der französische Staatspräsident Emmanuel Macron nach der Verleihung des Karlspreises (dpa-Bildfunk / Ina Fassbender)
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Sind Visionen und Pragmatismus, wenn es um ein gemeinsames Europa geht, miteinander vereinbar? Ein Europa, das angesichts der internationalen Herausforderungen und vor allem wegen der amerikanischen Unwägbarkeiten des Donald Trump unabhängig, das heißt, stark sein muss. Angela Merkel und Emmanuel Macron haben in dieser Woche bewiesen, dass es gehen kann.

Europäische Begeisterung und auf Erfahrung gestützte Skepsis sind für sie zwei Seiten einer Medaille. In ihren Ansprachen zur Verleihung des Internationalen Karlspreises der Stadt Aachen an Macron beschrieben die seit fast dreizehn Jahre amtierende deutsche Bundeskanzlerin und der jugendliche französische Präsident, was die Europäische Union seit ihren Gründungszeiten kennzeichnet: Utopien und Zwänge des Regierungsalltages; Meinungsverschiedenheiten und die Fähigkeit zum Kompromiss; nicht zuletzt die Bedeutung des französisch-deutschen Motors für den Fortgang der Dinge in Europa.

Macron entwickelte Ideen

Macron trat ganz im Sinne des Bonmots "Der einzig wahre Realist ist der Visionär" auf. Ideen für die nächsten 30 Jahre entwickelte er. Auf das Reich Karls des Großen, das karolingische Reich, berief er sich, jenes Reich freilich, das im Kern nur die alte Sechser-EWG aus Frankreich, Bundesrepublik Deutschland, Italien und den Benelux-Staaten umfasste. Vier Imperative nannte er, dieses Europa gegen nationalistische Aufwallungen zu verteidigen, vier Aufforderungen, international seinen Selbstbehauptungswillen zu stärken. "Seien wir nicht schwach". Und: "Lassen wir uns nicht spalten." Und: "Keine Angst haben." Schließlich: "Hic et nunc!", also nicht auf morgen warten, sondern heute handeln.

Merkel wollte dem nicht widersprechen. Macron sprühe von Ideen, sagte sie. Und: "Ich freue mich, auf diesem Weg gemeinsam weiterzugehen." Es war der wichtigste Satz ihrer Laudatio. Die Bundeskanzlerin hatte, wenn man so will, kein Glück mit den Vorgängern Macrons: Dem sprunghaften Nicolas Sarkozy und dem glücklos agierenden Francois Hollande, die beide daheim nichts zustande brachten und die die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Frankreichs zu verantworten haben. Vielleicht bewundert Merkel sogar den jugendlichen Macron für seinen Elan und seine Fähigkeit, die Leute zu begeistern.

Merkel blieb Merkel

Doch Merkel blieb Merkel und bei ihren Leisten und Stärken: der Kleinteiligkeit der Politik. Sie redete einer Innovationstrategie Europas das Wort. Abermals plädierte sie für eine gemeinsame Asyl- und Migrationspolitik und für Afrika-Politik. Dem würde Macron nicht widersprechen. Doch er will mehr als das. Zitat: "Wir müssen für etwas kämpfen, das größer ist als wir."

Dass die Differenzen zwischen Merkel und Macron in Sachen Wirtschafts- und Währungspolitik blieben, war zu erwarten. Macron drückte es drastisch aus, als er - so wörtlich - den Berliner Fetischismus für Haushalt- und Handelsüberschüsse kritisierte, der freilich zur politischen Lebenswirklichkeit Merkels gehört. Ihr Hinweis, bei den bevorstehenden EU-Gipfeln werde es Fortschritte geben, ließ abermals vieles offen. Entscheidend aber waren ihre Gemeinsamkeiten angesichts der Krisen in und um Syrien und angesichts der Politik des amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Dass Amerika Europa schütze, sei nicht mehr selbstverständlich, sagte Merkel. "Europa muss sein Schicksal selbst in die Hand nehmen."

Für Macron ist das eine Frage der europäischen Souveränität. Der französische Präsident sandte Warnungen nach Washington: Nicht einmal befreundete Großmächte dürften für und über Europa entscheiden. Kaum verhüllt warf er der amerikanischen Führung Erpressung vor. Schon bald wird sich erweisen, ob sich dahinter die Vision europäischer Zukunft verbirgt. Was heute noch Utopie ist, kann morgen schon Wirklichkeit sein.

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