Donnerstag, 24.06.2021
 
Seit 14:35 Uhr Campus & Karriere
StartseiteEuropa heuteMänner, Frauen und Kinder in einer Zelle15.02.2011

Männer, Frauen und Kinder in einer Zelle

Notstand in griechischen Flüchtlingsgefängnissen

Die griechischen Behörden fürchten, dass auch ihre Grenze von den tunesischen Flüchtlingen gestürmt wird. Dabei ist Athen schon jetzt hoffnungslos überfordert: In den Flüchtlingslagern an der Grenze zur Türkei herrschen seit Langem menschenunwürdige Zustände.

Von Dirk Auer

Die Situation der Evros-Region hat inzwischen den Notstand erreicht.  (AP)
Die Situation der Evros-Region hat inzwischen den Notstand erreicht. (AP)

Weite Felder, sumpfige Wiesen. Ein trostloser Landstrich im äußersten Nordosten von Griechenland. Tournakis Georgios, ein hagerer Mann mit schwarzen Haaren und Grenzpolizist von Oriestiada, steigt aus seinem Geländewagen und blickt Richtung Türkei:

"Die Sicht ist heute sehr gut. Direkt vor uns ist der Fluss Evros, der die Grenze zwischen Griechenland und der Türkei bildet. An dieser Stelle kommen die meisten Flüchtlinge, denn der Fluss macht hier für zwölfeinhalb Kilometer einen Knick Richtung Edirne, kommt zurück und wird dann erneut zur Grenze zwischen den beiden Ländern."



Zwölfeinhalb Kilometer – das ist auch die exakte Länge des geplanten drei Meter hohen Zauns, der in den nächsten Monaten in diesem Grenzabschnitt errichtet werden soll. Aber schon jetzt wurden die Kontrollen massiv verstärkt, vor allem mithilfe der europäischen Grenzpolizei Frontex, die hier seit drei Monaten im Einsatz ist:

"Es gibt Tag und Nacht Patrouillen. Wir versuchen zu verhindern, dass die Migranten nach Griechenland und damit nach Europa kommen. Einfach nur durch unsere Präsenz. Denn normalerweise, wenn sie uns sehen, versuchen sie nicht, die Grenze zu übertreten. Wenn sie aber trotzdem kommen, können wir nichts anderes machen als sie zu inhaftieren."

Im Haftlager des kleinen Grenzorts Tichero. In zwei Zellen sind hinter schweren Gittern Männer, Frauen und Kinder zusammengepfercht. Jede Zelle hat nur ein kleines Fenster, nur wenig Tageslicht fällt herein. Journalisten haben hier normalerweise keinen Zutritt. Aufnahmen sind nur verdeckt möglich.

Für die katastrophalen Zustände in den Lagern der Evros-Region handelt sich Griechenland schon seit Jahren massive Kritik von Menschenrechtsorganisationen ein. Ende Januar wandte sich die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" erneut mit einem dringenden Appell an die griechischen Behörden. Die Situation in den Gefängnissen habe inzwischen den Notstand erreicht.

"Die Leute liegen aufeinander, weil in den Zellen drei oder viel Mal so viele Menschen sind, wie eigentlich vorgesehen. Die hygienischen Zustände sind untragbar. Die Zellen werden nie sauber gemacht, es gibt viel zu wenig Toiletten und nur einmal Essen am Tag. Ansonsten gibt es nichts – keine Kleider oder sonst irgendwas, mit dem sie sich gegen die Kälte schützen können."

Thanassis Spiratos hat vor ein paar Wochen seinen Einsatz in Afrika beendet. Jetzt koordiniert er das Evros-Projekt von "Ärzte ohne Grenzen", um die Inhaftierten medizinisch und psychologisch zu unterstützen:

"Wir haben Menschen getroffen, die uns erzählt haben, dass sie drei Tage barfuß gelaufen sind, weil sie ihre Schuhe im Schlamm verloren haben. Ihre Füße waren schon schwarz aufgrund von Erfrierungen. Allein in den letzten Tagen hatten wir 15 solcher Fälle."

Nach ein paar Wochen, manchmal aber auch schon nach Tagen, wenn neuer Platz geschaffen werden muss, werden die Inhaftierten entlassen. Das heißt, de facto auf die Straße gesetzt - mit einem in griechischer Sprache verfassten Dokument, das besagt, dass sie Griechenland innerhalb von 30 Tagen verlassen müssen.

Hinter dem Bahnhof von Tichero. Nur etwa 30 Meter von dem Gefängnis entfernt, kauert in einer kleinen Baracke eine Gruppe erschöpfter Menschen. Mit Plastikresten haben sie ein Feuer gemacht. Naser ist 29 Jahre alt, er kommt aus Pakistan:

"Ich bin über den Fluss gekommen. Drei Stunden bin ich zu Fuß gelaufen. Ich habe nichts gegessen. Wir sind dann zur Polizeistation, aber die haben nur gesagt: Geht weg, es ist alles voll."

Ein anderer, der seinen Namen nicht nennen will, hat sich seine Socken ausgezogen und wärmt seine Füße am Feuer:



"Ich bin letzte Nacht gekommen. Sechs Stunden bin ich durch den Wald gelaufen. Es war sehr gefährlich. Es waren sogar Kinder dabei. Und ich danke Gott, dass wir am Leben sind. Jetzt müssen wir schauen, was die Zukunft bringt. Nichts ist sicher. Wir versuchen einfach, irgendwo hinzugehen, um ein gutes Leben für uns zu finden."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk