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StartseiteSprechstundeMagenband und Co.27.07.2010

Magenband und Co.

Magenoperationen gegen krankhaftes Übergewicht

Operationen gegen Übergewicht - das ist kein Modetrend, sondern kann ein Baustein zur Behandlung der krankhaften Fettleibigkeit sein. Um das Thema "Metabolische Chirurgie" ging es in der vergangenen Woche bei der Jahrestagung der Vereinigung der Bayerischen Chirurgen in Würzburg.

Von Hellmuth Nordwig

Einer von 70 Deutschen ist nicht nur dick, sondern krankhaft übergewichtig. (AP)
Einer von 70 Deutschen ist nicht nur dick, sondern krankhaft übergewichtig. (AP)

Einer von 70 Deutschen ist nicht nur dick, sondern krankhaft übergewichtig, mit einem Körpermassenindex von 40 oder mehr.

"Das sind etwa 150 bis 155 Kilogramm bei einer 1,70 Meter großen Frau. Dann ist die Waage zugunsten der Operation verschoben."

Sagt Adipositas-Spezialist Dr. Thomas Hüttl von der Chirurgischen Klinik München-Bogenhausen:

"Die Wahrscheinlichkeit, an Diabetes, an Herzerkrankungen, an Lungenkrankheiten und so weiter zu erkranken ist so hoch und die Lebenszeit so verkürzt, dass die Operation per se gerechtfertigt ist."

Wer zu Thomas Hüttl kommt, hat alles probiert: Diäten, Ernährungsumstellung, Sport. Doch der Drang zu essen bleibt. Er kommt aus dem Magen – ist der nicht voll, stellt sich Hunger ein, verstärkt durch das appetitanregende Hormon Ghrelin, das in der Magenschleimhaut gebildet wird. Es geht also darum, den Magen zu verkleinern. Und dafür gibt es drei Methoden.

"Beim Schlauchmagen – dem Verfahren, das momentan die stärksten Zuwachsraten hat und sehr beliebt ist bei den Patienten – wird unumkehrbar der Magen verkleinert: von einem Ausgangsvolumen von 1,5 bis 2,5 Litern auf die Größe einer kleinen Banane. Das sind etwa 100 Milliliter, die da maximal reinpassen. Und die zweite Sache, meines Erachtens die entscheidende, ist das, was die Patienten erleben, dass nämlich mit dem Tag der Operation bei einem sehr hohen Anteil der Patienten das Hungergefühl weg ist, dass eine rasche Sättigung da ist."

Auch eine zweite Art des Eingriffs ist nicht rückgängig zu machen: der Magen-Bypass. Dabei wird der Mageneingang direkt mit dem unteren Dünndarm verbunden. Nicht nur der Magen ist dadurch kleiner, sondern der Verdauungstrakt ist insgesamt kürzer und kann dadurch weniger Energie aus der Nahrung herausholen. So fehlen den Patienten jedoch Vitamine und Mineralien, die sie zusätzlich einnehmen müssen. Wer es nicht ganz so radikal will, für den gibt es auch eine umkehrbare Methode.

"Bei der Magenbandoperation, technisch das Einfachste, wird ein elastischer Ring, der verstellbar ist über einen Schlauch, den der Chirurg später auch nachstellen kann, im Mageneingang platziert. Er teilt den Magen in einen 'Mini-Magen', in den etwa ein kleines Schnapsgläschen voll Flüssigkeit hereinpasst, und den Restmagen, der ist davon funktionell abgetrennt. Und wenn jemand etwas zu sich nimmt, wird erst der 'Mini-Magen' gefüllt, er dehnt sich und vermittelt Sättigungsgefühl. Und man hat damit eine verringerte Essensmenge, die man aufnehmen kann."

Alle Operationstechniken werden minimalinvasiv durchgeführt. Die Fettleibigen verlieren mindestens die Hälfte des überflüssigen Gewichts, und das dauerhaft. Vorausgesetzt, sie ändern zusätzlich ihren Lebensstil: gesündere Ernährung, mehr Bewegung. Thomas Hüttl:

"Die Übergewichtserkrankung ist heute nicht heilbar. Die Chirurgie ist eine Hilfestellung, danach kommt eine Diät. Der Unterschied ist nur: Die funktioniert, weil das Hungergefühl nicht mehr da ist. Aber der Körper wird ein Leben lang versuchen, wieder zuzunehmen, und das hormonell mit allen Tricks."

Eine Nachsorge wird allerdings nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Sie sind auch bei der Erstattung der Operationen selbst sehr zurückhaltend. In Deutschland werden deshalb – verglichen mit seinen Nachbarländern – nur wenige Adipositas-Eingriffe durchgeführt.

"In Wirklichkeit operieren wir in Deutschland momentan so spät, dass der durchschnittliche Körpermassenindex bei etwa 54, 55 liegt. Das sind die Patienten, die wir zurzeit operieren – ein echtes Problem, denn die Patienten sind zum Zeitpunkt der Op schon todkrank."

Früher zu operieren, wäre für manche der Betroffenen hilfreich. Doch auch der Chirurg Thomas Hüttl meint: Eigentlich sollte das Ziel sein, dem Übergewicht vorzubeugen – in Kindergärten, Schulen und zu Hause gesunde Ernährung und Bewegung vorzuleben.


87. Jahrestagung der Vereinigung der Bayerischen Chirurgen e.V.

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