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StartseiteForschung aktuellMagnet im Meer19.06.2009

Magnet im Meer

US-Forscher stellt Geodynamo-Konzept in Frage

Geophysik. - Das irdische Magnetfeld soll durch Fließbewegungen im flüssigen äußeren Erdkern entstehen, die auch für seine Veränderungen verantwortlich sind. Ein US-Physiker widerspricht jetzt der herrschenden Lehrmeinung und macht die Ozeanströme für die Magnetfeldvariationen verantwortlich.

Von Frank Grotelüschen

Im Supercomputer sehen die Linien des Erdmagnetfelds wie ein Bündel gekochter Spaghetti aus. (PSU)
Im Supercomputer sehen die Linien des Erdmagnetfelds wie ein Bündel gekochter Spaghetti aus. (PSU)

Anno 1635. Der englische Astronom Henry Gellibrand macht eine interessante Entdeckung: Das Erdmagnetfeld ist nicht konstant wie zuvor angenommen. Nein, es verändert sich, und zwar im Laufe von Jahrzehnten. Die magnetischen Pole scheinen regelrecht zu wandern. Auf eine halbwegs plausible Erklärung stößt die Wissenschaft erst im 20. Jahrhundert: Und zwar stellt man sich vor, dass die Erde eine Art riesiger Dynamo ist, ein regelrechter Geodynamo. Vereinfacht gesagt bewegt sich im Erdinneren eine Schicht aus flüssigem Eisen um einen Kern aus festem Eisen. Dabei entstehen elektrische Ströme, und die erzeugen das Erdmagnetfeld. Und da der Fluss des Eisens im Erdinneren im Laufe der Zeit variiert, ändert sich auch das Erdmagnetfeld – deshalb die Beobachtung von Gellibrand anno 1635. Doch nun meldet sich einer zu Wort, der von dieser Theorie rein gar nichts hält: Gregory Ryskin, Forscher an der Northwestern Universität im US-Bundesstaat Illinois. Er hat eine ganz andere Hypothese im Sinn.

"Meiner Meinung nach haben die Schwankungen des Erdmagnetfelds rein gar nichts mit dem Erdkern zu tun. Ich glaube, sie werden ganz einfach durch die Meeresströmungen verursacht."

Das Meer als Magnet? Wie soll das funktionieren? Nun, sagt Ryskin, Meerwasser enthält bekanntlich Salz. Und deshalb ist es elektrisch leitend.

"Wenn sich dieses leitfähige Meerwasser mit der Strömung im Erdmagnetfeld bewegt, werden beträchtliche elektrische Ströme erzeugt. Diese elektrischen Ströme wiederum rufen schwache Magnetfelder hervor. Und genau diese Felder interpretieren wir als Langzeitschwankung des Erdmagnetfelds."

Also ebenfalls ein Dynamo-Effekt – nur eben nicht mit Eisen im Erdkern, sondern mit Meerwasser an der Oberfläche. Doch hat Ryskin auch Belege dafür, dass etwas dran sein könnte an seiner Hypothese?

"Aber ja! Ich habe ausgerechnet, wie groß das Magnetfeld ungefähr ist, das durch die weltweiten Meeresströmungen hervorgerufen wird. Außerdem verändern sich diese Meeresströmungen ja im Laufe der Zeit, und dadurch verändert sich auch ihr Magnetfeld. Und diese Schwankungen passen recht gut überein mit den tatsächlich beobachteten Schwankungen des Erdmagnetfelds."

Dennoch – eine gewagte Theorie. Die Fachwelt jedenfalls reagiert bislang ziemlich skeptisch. Gregory Ryskin überrascht das nicht.

"Ich habe nichts anderes erwartet. Doch ich rechne damit, dass einige Leute meine Ergebnisse nachrechnen werden. Dafür braucht man keinen Supercomputer, es reicht ein normaler PC. Ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Ergebnisse dabei bestätigt werden. Und wenn meine Theorie stimmt, werden wir dieses ganze Geodynamo-Konzept in Frage stellen müssen."

Ryskin vermutet offenbar, dass das Meer sogar für das komplette Erdmagnetfeld verantwortlich ist und nicht nur für seine Schwankungen. "Warten Sie meine nächste Veröffentlichung ab", sagt er zum Schluss am Telefon. Die Gemeinde der Geophysiker darf sich also auf einen weiteren, einen noch gravierenderen Umsturzversuch aus Illinois gefasst machen.

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