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StartseiteDie neue PlatteCembalo mit Referenzcharakter11.11.2018

Mahan Esfahani und Jean RondeauCembalo mit Referenzcharakter

Gleich zwei bedeutende Cembalo-Interpreten der jüngeren Generation haben wegweisende Tastenmusik früherer Epochen eingespielt: der Iraner Mahan Esfahani und der Franzose Jean Rondeau. Ihre neuen CDs haben Referenzcharakter.

Am Mikrofon: Bernd Heyder

Der iranische Cembalist Mahan Esfahani spielt bei einer Produktion im Deutschlandfunk Kammermusiksaal auf dem Cembalo (Deutschlandradio / Ellen Wilke)
Spielt englische Musik des 16. Jahrhunderts: Mahan Esfahani (Deutschlandradio / Ellen Wilke)
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Aus dem Deutschlandfunk Kammermusiksaal Mahan Esfahani spielt Bachs "Goldberg-Variationen"

Cembalo-Klassiker im Dialog Scarlatti und Ligeti

Der Franzose Jean Rondeau, Jahrgang 1991, stellt auf seiner CD beim Label Erato fünfzehn der mehr als 550 Sonaten von Domenico Scarlatti vor. Mahan Esfahani wurde 1984 in Teheran geboren und unterrichtet heute Cembalo an der Guildhall School of Music and Drama in London. Er hat sich jetzt beim Label Hyperion unter dem Titel "The Passinge Mesures" dem englischen Tastenrepertoire des Elisabethanischen Zeitalters gewidmet, mit Werken aus dem späten 16. und frühen 17. Jahrhundert.         

Musik: Thomas Tomkins, Barafostus Dreame

Lied-Variationen wie diese über die Ballade "Barafostu’s Dream" waren ein beliebtes Sujet in der Tastenmusik des Elisabethanischen Zeitalters – der Ära der englischen Virginalisten. Unter dem Begriff "Virginal" waren damals auf den britischen Inseln Cembali beliebt, bei denen die Saiten parallel zur Klaviatur, also quer zu den Tasten verlaufen.

Lied, Tanz und Kontrapunkt am Virginal

Zu Beginn präsentiert Mahan Esfahani mit der ihm eigenen klavieristischen Intensität die eingängige Musik von Thomas Tomkins, der in Wales geboren wurde und als Kathedralorganist im englischen Worchester Karriere machte sowie als Hofmusiker in London unter Jakob dem Ersten. In die Lehre ging Tomkins bei William Byrd, dem bedeutendsten der Virginalisten. Dessen Pavane und Galliarde über das aus Italien importierte Harmoniemodell des Passamezzo-Tanzes haben der CD auch ihren Titel "The Passing Measures" gegeben. Denn eine der wichtigsten Manuskriptquellen zu dieser Musik, überschrieben als "My Ladye Nevells Booke", macht aus dem italienischen "Passamezzo" eben "Passing Measures", was sich im musikalischen Kontext als "die vorbeiziehenden Takte" deuten lässt.

Musik: William Byrd, Galliarde "The Passinge Mesures"

Neben dem "Ladye Nevells Booke" gilt das "Fitzwilliam Virginal Book" als die wichtigste Quelle für das frühenglische Tastenrepertoire. Im Einführungstext zu dieser Aufnahme bekennt Mahan Esfahani, dass ihm die Stücke daraus lange rätselhaft geblieben sind in ihrem eigentümlichen Rekurs auf Lied- und Tanzvorlagen wie auf die gelehrte Kontrapunkt-Kunst der Renaissance. Mit ihrer virtuosen Spielfreude hätten sie ihn aber von Anfang an fasziniert. Eine besondere Rolle spielt da eine Fantasie von William Byrd, den Esfahani als den Johann Sebastian Bach der Virginalisten bezeichnet. Das eindrucksvolle Lehr-Stück über die auf- und absteigenden Töne eines Hexachordes – der Tonskala vom c hoch zum a und zurück zum c – steht dann wohl nicht zufällig im Zentrum der CD.

Musik: William Byrd, Fantasia Ut, re, mi, fa, sol, la

Dass die englischen Virginalisten fast allesamt auch versierte Motettenkomponisten und Kirchenorganisten waren, schwingt in Byrds Fantasia deutlich mit – vor allem, wenn sie auf einem solch sonor singenden Cembalo zu hören ist. Die Aufnahmetechnik führt den Hörer unmittelbar neben das Instrument, das hier im Musiksaal eines walisischen Landhauses steht. Die mitteltönige Stimmung legt so manches harmonische Wagnis in irisierenden Intervallfärbungen offen.

Hamburger Cembalo mit flämischem Klang

Mahan Esfahani spielt die überwiegende Zahl der neunzehn Kompositionen auf der modernen Kopie eines zweimanualigen Hamburger Cembalos von 1710. Das ist nicht gerade das Instrument, das man sofort mit dieser hundert Jahre älteren englischen Musik in Verbindung bringt. Und doch steht es mit seiner leicht "topfigen" Tiefe den flämischen Cembali klanglich erstaunlich nahe, wie man sie um 1600 auch jenseits des Ärmelkanals schätzte. 

Töne aus den Gassen und Tavernen

Vier Stücke sind auf der neuen CD dann aber doch auf der Kopie eines Londoner Virginals von 1642 zu hören; darunter jene anonymen volkstümlichen "Romanesca"-Variationen, mit denen Esfahani seinen ebenso kurzweiligen wie erhellenden Gang durch die englische Tastenwelt um 1600 nach mehr als 75 Minuten beschließt. Die Töne aus den Gassen und Tavernen, sie fanden damals genauso ihren Weg in die Musikkammern der gehobenen Gesellschaft wie die kunstvoll-komplexen Werke von Tomkins und Byrd, von Orlando Gibbons, John Bull oder Richard Farnaby .

Musik: Anonymus, Variations on the Romanesca

Im Beihefttext von Mahan Esfahani findet sich eine deutliche Spitze gegen allzu puristische Ansichten zur historischen Aufführungspraxis: Die Musik aus der frühen englischen Blütezeit des Cembalospiels eigne sich durchaus auch zur Interpretation auf dem modernen Klavier, wozu er die Pianisten auch einlade.

Thomas Albert vom Musikfest Bremen, der Cembalist Jean Rondeau, der die Urkunde des Deutschlandfunk-Förderpreises in den Händen hält, und der ehemalige Intendant des Deutschlandradios Willi Steul, v.l.n.r.  (Deutschlandradio / Jochen Hubmacher)Thomas Albert vom Musikfest Bremen, der Cembalist Jean Rondeau, der die Urkunde des Deutschlandfunk-Förderpreises in den Händen hält, und der ehemalige Intendant des Deutschlandradios Willi Steul, v.l.n.r. (Deutschlandradio / Jochen Hubmacher)

So etwas muss Jean Rondeau nicht eigens betonen, wenn es um das Repertoire geht, das er auf seiner neuen Aufnahme präsentiert. Die 555 Sonaten, in denen es Domenico Scarlatti gelingt, sich und die Tastenkunst scheinbar immer wieder neu zu erfinden, gehören längst zum Standardrepertoire der Konzertpianisten. Bezeichnenderweise kann man bis heute kaum sagen, welche dieser spieltechnisch oft extrem anspruchsvollen Werke Scarlatti noch in Rom im Bannkreis des Vaters Alessandro komponiert hat, was ab 1719 am portugiesischen Königshof von Lissabon und was in Madrid. Dort lebte er von 1729 bis zu seinem Tod 1757.

Helles und doch warm klingendes Instrument

Manche der Sonaten mag Scarlatti sogar selbst noch auf frühen Fortepiano-Instrumenten mit Hammermechanik gespielt oder gehört haben. Aber selbstverständlich sind sie in erster Line Cembalomusik, und so spielt sie Jean Rondeau auch auf einem zweimanualigen Cembalo nach deutschen Modellen des 18. Jahrhunderts. Die Aufnahme im Konzertsaal von La Chaux de Fonds im Schweizer Jura bildet das helle und doch warm klingende Instrument sehr direkt, aber mit leichtem Nachhall ab. Rondeau beginnt sein Scarlatti-Recital empfindsam-versonnen mit der Sonate in A-Dur, die im Werk-Verzeichnis von Ralph Kirkpatrick die Nummer 208 erhalten hat. Ganz im Sinne des Komponisten schließt sich mit der Sonate 175 ein Stück mit kontrastierendem Charakter an: auf das kantable "Adagio" folgt ein dramatisches "Allegro".

Musik: Domenico Scarlatti, Sonate A-Dur K. 208 / Sonate a-Moll K. 175

Jean Rondeau ist ein Allrounder, der auch Orgel und Klavier spielt, komponiert und ebenso im Jazz zuhause ist. Trotz seiner erst 27 Jahre wurde er schon vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2016 beim Bremer Musikfest mit dem Förderpreis Deutschlandfunk. Auch er äußert sich hier im Beiheft zu seinem Programm, aber er tut dies unter dem Namen Scarlattis in einem fiktiven Brief des Jahres 1734 an dessen königliche Schülerin, die portugiesische Infantin Maria Barbara.

"Lassen Sie sich mit offenen Armen empfangen!"

Wer sich etwas alleine gelassen fühlt mit diesem essayhaften Schreiben, seiner aphoristischen Sprache und seinen kunstphilosophischen Betrachtungen, der folge einer Aufforderung aus der Mitte des Briefes: "Lassen Sie die Musik zu etwas Unfassbarem werden, lassen Sie sich von ihr mit offenen Armen empfangen!"

Musik: Domenico Scarlatti, Sonate D-Dur K. 119

Essentiell für den Klang der Musik sei die Stille davor und danach, erfahren wir noch aus dem Brief von Scarlatti alias Jean Rondeau. Der spielt in den mehrgliedrigen Stücken mit überraschend langen Generalpausen zwischen den einzelnen Abschnitten. Rubati und spontan wirkende melodische Verzierungen machen aus den Sonaten intensive, manchmal auch bizarre Erzählungen. Für die Hörerinnen und Hörer, die sich die 80 Minuten Zeit nehmen, alle 15 Sonaten der CD nacheinander zu hören, empfiehlt Rondeau in der Mitte eine kurze Pause. Und die markiert er, ganz "Jazzer", mit einem kecken atonalen Zwischenspiel. Das dürfte alle für eine knappe halbe Minute aus der Welt Scarlattis herausreißen.

Musik: Jean Rondeau, Interlude

Wer Domenico Scarlatti, den Jahrgangsgenossen von Händel und Bach, bislang noch in die Schublade des Barockkomponisten stecken wollte, kann ihn durch Jean Rondeaus Interpretation nicht nur als Vertreter des empfindsamen Stils und des musikalischen Sturm und Drang kennenlernen. Hier begegnet Scarlatti uns sogar als wesentlicher Wegbereiter für die Klavier-Poesie eines Frédéric Chopin. In einem entsprechend lyrischen "Cantabile" endet diese bemerkenswerte Aufnahme dann auch ähnlich, wie sie begonnen hat, allerdings melancholischer: mit der f-Moll-Sonate Nummer 481.

Musik: Domenico Scarlatti, Sonate f-Moll K. 481

Mahan Esfahani - The Passinge Mesures
Thomas Tomkins (1572-1656), John Dowland (1562-1626), Orlando Gibbons (1583-1625),
Giles Farnaby (1560-1620), William Byrd (1543-1623), Richard Farnaby (ca. 1594-1623), John Bull (1562-1628),
William Inglot (1554-1621), Anonymus
Mitwirkende: Mahan Esfahani, Cembalo
Hyperion, LC-7533 //  CDA68249

Domenico Scarlatti (1685-1757)
Cembalosonaten
Jean Rondeau
Cembalosonaten K. 6, 30, 69, 119, 132, 141, 162, 175, 180, 208, 213, 216, 460, 481
+Anonymus: Interlude
Künstler: Jean Rondeau (Cembalo)
Erato,  0190295633684

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