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StartseiteDlf-MagazinHelmut Kohls Kampf fortsetzen13.06.2019

Maike Kohl-RichterHelmut Kohls Kampf fortsetzen

Erneut jährt sich der Todestag des langjährigen Bundeskanzlers Helmut Kohl. Die Witwe Maike Kohl-Richter erklärt gegenüber dem Deutschlandfunk, warum sie die Prozesse ihres verstorbenen Mannes fortsetzt - und was ihr für sein Grab am Herzen liegt.

Von Moritz Küpper

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Grabstätte von Helmut Kohl (Deutschlandradio / Moritz Küpper)
Noch ist das Grab von Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl nicht fertig gestaltet. Am Ende "muss es einen Denkmal-Charakter haben, ohne protzig zu sein", sagt die Witwe Kohl-Richter. (Deutschlandradio / Moritz Küpper)
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Die Witwe des Altkanzlers sitzt an dem neugestalteten Grab ihres Mannes Helmut Kohl in Speyer. Die Rosen, die sie vor einigen Tagen aufgestellt hat, sind noch frisch. Maike Kohl-Richter schaut sich um:

"Ach, das ist ganz wunderbar, Sie hören die Vögel, Sie hören immer wieder Kinderstimmen, weil da drüben ein Spielplatz ist, auf dem fast immer jemand ist, was ich sehr beruhigend finde. Jetzt hören wir die Kirchenglocken, wenn Gottesdienste sind, dann hören Sie Musik. Sie hören die Menschen. Mein Mann ist hier unter den Menschen, aber doch geschützt."

Die Grabgestaltung braucht Zeit

Die Abendsonne verschwindet hinter den Bäumen. Es ist ein friedlicher Moment am Grab, um das es – genauso wie um das übrige Erbe des Altkanzlers – sehr viel Streit gab und gibt. Erst kürzlich hatten die Söhne Kohls Kritik geübt, gesagt, der Vater wäre entsetzt, wenn er den Zustand des Grabes sehen würde. Kohl-Richter kennt all dies. Sie hat die Zeit vor Pfingsten genutzt, um das Grab weiter zu gestalten, vor dem nun anstehenden zweiten Todestag am kommenden Sonntag.

"Der wichtigste Gedanke war, dass es meinem Mann gerecht wird."

Sie schaut auf den hellen Sandstein, der die Grabstätte nun umfasst.

"Es ist der klassische Pfälzer Buntsandstein und mir war immer klar, es muss was aus seiner Region sein."

Mehrfach war sie selbst im Steinbruch. Ein Grabstein fehlt jedoch, stattdessen steht dort ein massives, aber schlichtes Holz mit dem Namen ihres Mannes. Kohl-Richter nickt:

"Weil ich noch gar nicht weiß, wie es endgültig aussehen wird. Ich taste mich heran und dafür braucht es Zeit. Das Grab hat sich auch noch nicht gesenkt, das können Sie unschwer sehen. Ich mag dieses Kreuz, ich finde es schlicht, ich finde, dass diese Wucht der Schlichtheit so viel von Helmut Kohl sagt und so viel erzählt. Ich bin auch der Meinung, es muss am Ende eine monumentale Lösung sein. Es muss einen Denkmal-Charakter haben, ohne protzig zu sein."

"Ich setze die Prozesse nur fort"

Immer wieder kommen Menschen durch kleinen Park: Jogger, Familien mit Kindern, Spaziergängerinnen. Manche platzieren abfällige Bemerkungen, andere bleiben stehen, schauen interessiert, respektvoll. Kohl-Richter kennt das Spektrum, weiß, dass die Person Ihres Mann, dass sie, dass der Umgang mit dem Erbe polarisiert.

"Ich hätte meinen Mann nicht heiraten dürfen, wenn ich diesen Kampf für ihn nicht fortführen würde."

Sie sitzt nun im Bungalow im Ludwigshafener Stadtteil Oggersheim. Kohl-Richter, 55 Jahre alt, promovierte Volkswirtin, die einst als Journalistin, später dann im Bundeskanzleramt arbeitete, heiratete den Altkanzler im Jahr 2008. Der Kampf, den sie nun anspricht, ist die juristische Auseinandersetzung mit den Journalisten Heribert Schwan und Tilmann Jens sowie einem Buchverlag. Im Jahr 2014 - noch zu Lebzeiten Helmut Kohls - veröffentlichen diese das Buch "Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle", in dem sie sich aufgezeichneter Gespräche bedienten, die der Altkanzler zur Niederschrift seiner Memoiren führte. Kohl sah in der Veröffentlichung einen Vertrauensbruch sowie eine Persönlichkeitsverletzung - und klagte.

"Es ist natürlich richtig, dass ich klage, aber tatsächlich klage ja nicht ich, sondern setze ich die Prozesse, die mein Mann begonnen hat im Jahr 2012 und dann im Jahr 2014, nur fort. Das macht einen kleinen, aber wie ich finde, doch elementaren Unterschied."

Gleich mehrere Verfahren liefen oder laufen noch. Vor dem Landgericht oder Oberlandesgericht Köln sowie dem Bundesgerichtshof. Juristisch geht es um die Herausgabe der Tonbänder, darum, dass die Veröffentlichungen verboten werden sollen, um Entschädigung. Alle bisher damit befassten Gerichte urteilten, dass die unautorisierten Zitate niemals hätten veröffentlicht werden dürfen, doch – so der aktuelle Stand – ist die Pflicht zur Millionenentschädigung für Kohl mit dessen Tod erloschen. Aber die Witwe, Maike Kohl-Richter, gibt nicht auf:

"Also, ich habe großes Vertrauen in den Rechtsstaat. Das auch für einen Menschen, der in der Öffentlichkeit steht, am Ende siegen wird, dass er ein Recht auf eine Privatsphäre hat."

"Sein Wort muss sein Wort bleiben"

"Warum ich klage", über diese Frage hat sie in den letzten Tagen und Wochen viel nachgedacht. Nun nimmt sie sich Zeit, will ausführlich über Ihre Motive, über Ihren Antrieb sprechen, darüber, warum sie diese Prozesse führt. Denn: Natürlich geht es um eine juristische Frage, aber letztendlich um das Ansehen des früheren Bundeskanzlers, um dessen Bild in der Geschichte:

"Auf den Tonbändern, müssen Sie wissen, sind ja keine Geheimnisse. Auf den Tonbändern ist nur ein Helmut Kohl, der sein Leben erzählt, mit Nebenbemerkungen, mit vielen Anekdoten, mit viel Hintergrundwissen oder mit viel Hintergrundinformation, ganz vieles ist ganz offenkundig nicht für die Veröffentlichung bestimmt und nicht weil er, wie man jetzt glauben könnte, weil es was Geheimnisvolles ist oder drastisch, sondern einfach nur, weil man es verschriftlicht gar nicht so darstellen kann."

Ursprünglich, so hatte es Kohl selbst auch immer wieder öffentlich gesagt, wollte Helmut Kohl keine Memoiren schreiben. Doch dann, so Kohl-Richter, habe er feststellen müssen, dass die Geschichte von anderen anders erzählt wurde.

Maike Kohl-Richter, Witwe von Altbundeskanzler Helmut Kohl, steht neben einem Porträt ihres Mannes, das sie an das Historische Museum Speyer übergeben hat (picture alliance/ dpa/ Andreas Arnold)Maike Kohl-Richter, Witwe von Altbundeskanzler Helmut Kohl, steht neben einem Porträt ihres Mannes, das sie an das Historische Museum Speyer übergeben hat. Es handelt sich um das letzte offizielle Foto des Staatsmannes. (picture alliance/ dpa/ Andreas Arnold)
"Um der Geschichtsklitterung, also um der Darstellung von Geschichte, die er selbst erlebt hat, die er selbst gestaltet hat, seine Sicht der Dinge entgegenzusetzen."

Also kam einst der Journalist Heribert Schwan ins Spiel, mit dem Kohl lange, auf Tonbänder aufgezeichnete Gespräche führte, drei Bänder seiner Memoiren erschienen, bevor Schwan dann gekündigt wurde. Aus seiner Sicht war das der Einfluss von Kohl-Richter. Schwan nahm die Bänder, veröffentlichte ein eigenes Buch – und sagte, dass die Witwe die Oberhand über diese Texte hätte haben wollen. Maike Kohl-Richter schüttelt den Kopf. Es gehe doch darum, Kohls autorisierte Sicht auf die Geschichte zu veröffentlichen:

"Was wir aber nicht dürfen, wir dürfen nicht Dinge, die er, wie hier auf diesen Tonbändern, im privaten Raum, in die Vertraulichkeit hinein gesagt hat, die er noch nicht zu Ende formuliert hatte, von denen er auch noch gar nicht wusste, ob er das überhaupt jemals öffentlich sagen will. Wir können doch nicht Dritte sein Wort interpretieren, glätten und verbreiten lassen, als sein Wort. Das ist der zentrale Punkt. Sein Wort muss sein Wort bleiben."

Stimmen, die daran zweifeln, ob sie es sei, die wirklich im Sinne des Altkanzlers gehandelt habe oder handele, tritt sie gelassen entgegen:

"Also, dazu kann ich immer wieder nur sagen, dass der deutsche Rechtsstaat die Selbstbestimmung des Menschen vorsieht und dass mein Mann selbstbestimmt vorgesehen hat, dass ich einmal sein persönliches, historisches Erbe vertreten soll. Die Geschichte, dass mein Mann nicht selbstbestimmt agiert, ist eine Erfindung von Menschen, die meinen Mann fremdbestimmen wollen."

In der Öffentlichkeit, so Kohl-Richter, dringe dieses Bild aber durch: "Ich empfinde, dass zunehmend ich in die Kritik gerate und dass ich mich rechtfertigen muss und nicht die Gegenseite, die den Schaden angerichtet hat."

"Das Risiko sehr, sehr hoch"

Finanzielle Gründe jedenfalls, wie es zuletzt Peter Kohl, einer der Söhne, behauptet hatte, seien es nicht. Im Gegenteil: Kohl-Richter geht ein hohes Risiko ein. Die Prozesskosten könnten sich auf geschätzte ein bis zwei Millionen Euro auftürmen. Zahlen nennt Kohls Witwe selbst nicht, dennoch:

"Ich gebe schon zu, dass ich Nächte da sitze und mich frage, ob ich mir das leisten kann. Aber, dazu muss ich auch sagen: Mein Mann hat nicht gelebt dafür, dass ich das jetzt einfach beende. Die Gründe sind gut, dass wir es tun, das Risiko ist in der Tat sehr, sehr hoch. Das Geld würde mir sehr, sehr fehlen, aber mit dem Geld, das ich geerbt habe, fröhlich zu leben und zu wissen, ich hätte nicht alles versucht im Interesse meines Mannes, damit könnte ich keine ruhige Nacht mehr verbringen."

"Ich brauche die Rechtsklarheit"

Für Kohl-Richter steht fest: Sie wird nicht aufhören, sie kann nicht aufhören, denn letztendlich geht es natürlich auch um künftige Projekte, um den abschließenden vierten Band der Memoiren, um eine Helmut-Kohl-Stiftung:

"Ich kann die Prozesse gar nicht beenden und dann sagen, ich stürze mich auf das Lebenswerk. Ich brauche das Material und ich brauche auch die Rechtsklarheit, das heißt, was hier geschehen ist, das durfte nicht passieren und das darf nicht wiederholt werden, ansonsten würde ich den Rest meines Lebens damit verbringen müssen, einem immer wieder erneut in die Welt getragenen Schaden hinterher zu laufen."

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