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StartseiteKultur heuteMajakowskis Geburtsort Baghdadi wird zur Gedenkstätte18.08.2013

Majakowskis Geburtsort Baghdadi wird zur Gedenkstätte

Georgische Reise, Teil 2

Die Spuren des Dichters Wladimir Majakowski ziehen sich durch Georgien. Sein Geburtshaus in Baghdadi ist zwar restauriert worden - es bietet aber immer noch die Ästhetik einer realsozialistischen Wandzeitung.

Von Mirko Schwanitz

Grab des russischen Dichters Wladimir Wladimirowitsch Majakowski auf dem Nowodewitschi-Friedhof in Moskau. (picture alliance / dpa / Vladimir Raitman)
Grab des russischen Dichters Wladimir Wladimirowitsch Majakowski auf dem Nowodewitschi-Friedhof in Moskau. (picture alliance / dpa / Vladimir Raitman)
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Wir sind in Imeretien, einer Provinz im Westen Zentralgeorgiens. Rechts und links Wald, hinter den Biegungen tauchen unvermittelt Kühe auf – die heimlichen Herrscher georgischer Landstraßen. Unterwegs nach Bagdhati, dem Geburtsort Vladimir Majakowskis. Still ist es hier. Ein paar Frauen fegen die Rinnsteine. Die Sonne flimmert. In den Gärten reift der Wein. Und Majakowski schaut von steinernem Sockel die Straße hinunter. Da ist niemand. Nur wir mit dem Dichter Saal Ebanoidse:

"Ich werde euch jetzt das Geburtshaus von Majakowski zeigen. Hier ist schon lange nichts mehr los. Aber als ich jung war, kamen ständig Leute. Damals habe ich hier gearbeitet und Führungen gemacht."

Ein Holzhaus steht am Waldrand, die Veranda stützt sich über einem Grasabhang auf Ziegelsäulen. Ein Bach plätschert in der Nähe.

"Gleich wenn man das Haus betritt, betritt man das Büro von Majakowskis Vater. Und im Nebenzimmer wurde Majakowski geboren. Ihr seht das Bett, eine Kommode und Majakowskis Wiege. Und dort – eine Nähmaschine der deutschen Firma Singer."

Hier also hat er die ersten 13 Jahre seines Lebens verbracht - der Dichter, dessen Werk die Kunstwelt bis heute polarisiert. Als dunkel, doppelzüngig, unaufrichtig charakterisierte ihn die Dichterin Anna Achmatowa. Was sie nicht hinderte, ihn im gleichen Atemzug einen der größten Dichter des 20. Jahrhunderts zu nennen. Drüben im grauen Koloss des eigentlichen Museums riecht alles noch nach neu versiegeltem Parkett.

"Vor fünf Jahren wurde hier alles von Grund auf restauriert. Das Geld bekamen wir von der Kartu-Stiftung, eine wohltätige Stiftung des jetzigen Premiers Bidsina Iwanischwili."

… erklärt Direktor Kujukudze. Laut dem Magazin "Forbes" soll Georgiens neuer Premier zu den 153 reichsten Menschen der Erde gehören. Mit seinem Vermögen, das höher ist als der georgische Staatshaushalt, gründete er wohltätige Stiftungen, die erhebliche Mittel in die Restaurierung georgischer Kulturgüter investieren. Wie die Mittel dann allerdings verwendet werden, ist eine andere Sache. Jedenfalls versteht Direktor Kujukudze nicht, warum uns das Museum überhaupt nicht gefällt. Die Wände erinnern an eine überdimensionale sozialistische Wandzeitung - moderne Museumspädagogik Fehlanzeige. Es ist ein Ort, den man am liebsten fliehen möchte, würde nicht plötzlich Saal Ebanoidse die Stille mit der Magie von Majakowskis "Wirbelsäulenflöte" füllen …

Ein Prost allen / die mir je gefielen oder gefallen / - verewigt im Seelenschrein Bild an Bild - / heb ich als edelste von allen Schalen / hier diesen Schädel mit Versen gefüllt / … / Gedächtnis! / nun schar mir im Saal meines Hirnes / die randlose Reihe meiner Geküssten / Gieß lachenden Blick unter heitere Stirnen / Drapier die Erinnerung mit Brautnachgelüsten. / Lass Leiber volllaufen mit Wohlgefühlen / Nachklinge die Nacht im Wonnegeheule. Denn heute will ich mal Flöte spielen / auf meiner eigenen Wirbelsäule

Für einen kurzen Augenblick scheint auf, was alles möglich wäre an diesem Ort - als Begegnungsstätte für Jung und Alt oder als Deklamier- und Debattierort. Darüber, ob Majakowski nicht gar der erste Hip-Hopper seiner Zeit war? Oder der erste Slammer? Kann, wer einmal Zeilen aus seinem Poem "Wölkchen in Hosen" gelesen hat, überhaupt zu einem anderen Schluss kommen?

Baghdati muss noch einen langen Weg gehen und Georgiens Jugend das avantgardistische Erbe des Künstlers neu entdecken. Immerhin beginnen junge Künstler wie der georgische Elektropopper Nikakoi schon mal mit Majakowski-Texten zu experimentieren. Und das macht dann doch – Hoffnung.

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