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StartseiteKultur heute"Mala Zementbaum"10.02.2007

"Mala Zementbaum"

Armin Petras und Thomas Lawinky haben ein Stück zusammen geschrieben

Die einen begegneten sich im KZ, sie heißen Mala Zementbaum und Edek Galinski. Die anderen sind Kevin und Homer, ein Stasi-Offizier und sein IM. Das ist die Anordnung in Mala Zementbaum, dem neuen Stück von Armin Petras, Intendant am Maxim Gorki-Theater, und Thomas Lawinky, Schauspieler. Premiere war am Maxim Gorki Theater in Berlin.

Von Eberhard Spreng

Armin Petras, Intendant des Berliner Maxim-Gorki-Theaters (AP)
Armin Petras, Intendant des Berliner Maxim-Gorki-Theaters (AP)
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Maxim Gorki Theater

Ein etwa boxringgroßes Spielfeld ist in der Mitte des Zuschauerraums im Gorki-Theater errichtet. Nur eine nackte Tür ragt auf über den großen Holzplatten, die den Boden bilden. Das ist keine Bühne für gewöhnliches Theater, das ist eine Fläche für Exekutionen, oder Schauprozesse, ein Raum fürs Exemplarische. Für das Stück der Autoren Thomas Lawinky und Armin Petras soll er zum Austragungsort werden für ein psychologisch-ideologisches Experiment: Ist dem informellen Stasi-Mitarbeiter die Bereitschaft zur Bespitzelung und zum Verrat der Mitmenschen fest eingeschrieben, oder kann er sein Verhalten, in anderen gesellschaftlichen und historischen Verhältnissen, verändern? Dazu soll hier der ehemalige IM Homer mit seinem ehemaligen Führungsoffizier Kevin in einem schäbigen, heruntergekommenen Hotelzimmer zusammentreffen.

Was Homer nicht weiß: Die zwei weiteren Personen, ein Mann und eine Frau, die in das Experiment im Huis-Clos dieses doch szenisch offenen Spielraums hineingeraten, sind selbst auch Teil der Versuchsanordnung. Erst spät begreift der Probant und der Zuschauer: Kevin, der Chef von früher entpuppt sich später seinerseits als Untergebener eines modernen, eher soft operierenden Wissenschaftlers, der sich allgemeine Fragen stellt über Wirkungsmacht von Regeln in geschlossenen Systemen.

Warum war aus einem Regimekritiker, den man ohne Haftbefehl zusammen mit anderen in einer Turnhalle zusammengepfercht hatte, später ein Stasi-Mitarbeiter geworden? Und ist er nun, Jahre später, gegen die autoritären Konditionierungen nachhaltig immun? Welche Drucksituationen führen eigentlich in den Verrat der zivilen Immunität und dazu, dass man bereit ist, die Privatsphäre anderer im Dienst einer abstrakten Macht zu verletzen? Da diese Fragen nun im Rahmen eines Theaterstückes von einem Thomas Lawinky gestellt werden, der nicht nur bei der Volksarmee 1987- 88 in der militärischen Aufklärung selbst zum Instrument des Ministerium für Sicherheit geworden war, sondern danach Schauspieler wurde, schließlich im letzten Jahr in Frankfurt zu einem kuriosen Feuilletonskandal sorgte, als er dem FAZ-Kritiker Gerhard Stadelmeier seinen Notizblock entriss, und sich dann außerdem noch als Stasi-Mitarbeiter outete, stand diese Uraufführung unter einen erhöhte Erkenntnisdruck, zumal Lawinky hier selbst die Figur des Verbindungsoffiziers spielt.

Aber die Inszenierung eines Milan Peschel, den man von Volksbühnenaufführungen als Schauspieler von agilen Bösewichten kennt, findet für die Wirkungsmacht der demonstrativen Einschüchterung, der Gewalt und Unterdrückung nur banale theatralische Mittel: Eine drohend-stampfende Musikeinspielung, ein üppig in Theaterblut getränktes Gesicht, im ganzen Theaterraum verstreute monologische Passagen. Die Situation der Gefangenschaft in einem maroden Hotelzimmer ist so nicht nachvollziehbar. Da hier keine Situationen gebaut und erzählt werden, bleibt auch der exemplarische Erkenntnisgewinn, den sie befördern sollen, weitgehend unverständlich.

Denn nur aus den Machtstrukturen, die sich zwischen den Figuren ergeben, wären Rückschlüsse möglich über deren tiefere Persönlichkeitsstrukturen und deren Verhaftung in ideologischen Systemen: Diese Art Vater-Sohn-Beziehung zum Beispiel, die das Verhältnis von informellen Mitarbeitern und ihren Verbindungsoffizieren prägte. Letztlich bekommen Stück und Uraufführung etwas antiquiertes, da ihr Terror noch von der feindlichen Dualität zweier auch ideologisch trennscharf voneinander abgegrenzter Deutschlands ausgehen musste, und von der Unüberwindlichkeit territorialer Grenzen. Die heutige Konditionierungen der Seelen, ihre Bereitschaft zur Unterwerfung unter nun viel abstraktere Herrschaftsinstanzen, folgt anderen Gesetzen, ökonomischen vor allem. So führen denn die gewünschten Verwischungen der Zeitebenen des Stücks nicht in die Nöte der Gegenwart, sondern wenn auch dramaturgisch unvermittelt, zur Erzählung einer Geschichte, aus der das Stück den Titel bezieht: Die Geschichte der Rettung der Jüdin Mala Zementbaum aus einem Konzentrationslager.

Warum bleibt das Theater, dieser Verdichtungsraum für die menschliche Erfahrung und Emotionalität, so weit hinter den Erregungen der Wirklichkeit zurück, selbst dann, wenn es ein skandalumwitterter Thomas Lawinky zur Bühne der eigenen Erfahrung macht? Diese Frage drängt sich nach der trägen, kreuzbraven Aufführung im Gorki-Theater auf.

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