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StartseiteEuropa heuteMalen als Kommunikationsmittel26.08.2005

Malen als Kommunikationsmittel

Kunstprojekt mit geistig Behinderten in Oberösterreich

Schloss Hartheim war eine der berüchtigten "Euthanasie"-Vernichtungsanstalten der Nazi-Diktatur. Heute gibt es dort eine Gedenkstätte für die Opfer und mit dem Institut Hartheim eines der größten Behindertenzentren Oberösterreichs. In einem Atelierhaus in der Nähe des Schlosses trifft sich regelmäßig eine kleine Gruppe von behinderten Menschen, um zu malen.

Von Antonia Kreppel

Wichtiger als das Werk ist meist der schöpferische Prozess. (Stock.XCHNG / Martin Walls)
Wichtiger als das Werk ist meist der schöpferische Prozess. (Stock.XCHNG / Martin Walls)

Das Atelierhaus liegt am Rande des Dorfes in unmittelbarer Nähe von Schloss Hartheim. In der umgebauten lichten Scheune trifft sich einmal pro Woche eine kleine Gruppe von geistig und mehrfach behinderten Menschen, um zu malen.

Der 26-jährige Christian schreibt mit Bleistift ununterbrochen Zahlen und Buchstaben auf das Zeichenblatt, die er dann mit Buntstiften übermalt.

Heindl:
"Der Christian der kommt schon her und weiß ganz genau, was er macht. Also das sind immer Autokennzeichen, das ist sein Lieblingsthema. Die Kennzeichen die er reinschreibt, das sind die Zivildienerbusse mit denen er fährt. Auto das ist für ihn recht was Bedeutendes, die Kennzeichen und er weiß viel auswendig."

Der oberösterreichische Metallbildhauer Alfred Heindl leitet das Atelierhaus seit dreizehn Jahren. Christian kennt er schon elf Jahre als kommunikativen ausdauernden Bildwerker.

Heindl:
"Der kommt direkt vom Schafstall ins Atelier her. Die zweieinhalb Stunden, die er jetzt hier ist, da geht’s nur dahin, der hat so ne Ausdauer."

Christian:
"Das wird eine Ausstellung für Herrn Chef, Herrn Weixelbaumer."

Günther Weixelbaumer, Direktor des Instituts Hartheim, legt großen Wert auf die Entfaltung kreativer Fähigkeiten der Betreuten. Regelmäßig arbeiten im Atelier Stipendiaten, Absolventen von Kunsthochschulen. Bildnerisches Gestalten erweist sich als wesentliches Kommunikationsmittel.

Heindl:
"Da waren wir auch in Oberösterreich so ziemlich die ersten. Da waren wir eigentlich die Vorreiter für andere Institutionen."

An der Wand stehen viele gerahmte Bilder. Die Werke die hier entstehen sind unverkäuflich, hängen aber in den Gängen und Büroräumen der Institutsgebäude. Wichtig für die öffentliche Präsenz ist die Teilnahme an Ausstellungen, zum Beispiel an der REHA-Messe in Düsseldorf. Ein Bewohner des Instituts Hartheim - Heliodor Doblinger - ist zweiter Preisträger des EUWARD, ein Preis für bildnerisches Arbeiten geistig behinderter Menschen.

Heindl:
"Da sind wir natürlich sehr stolz dann, ja freilich. Das ist fürs Selbstvertrauen von den Menschen irrsinnig wichtig, das ist ja ein Fest für die wenn sie im Mittelpunkt stehen, des geht uns ja genauso."

Behutsam erspürt Alfred Heindl die künstlerischen Qualitäten seiner Ateliergäste; beiläufig stellt er Christian ein zweites Set Malstifte auf den Arbeitstisch.

"Ich würd mich nicht als Therapeut eigentlich bezeichnen. Ich hör mir die Sorgen von denen an und freue mich wenn sie was zum Erzählen haben und schöne Erlebnisse gehabt haben."

Wichtiger als das Werk ist meist der schöpferische Prozess. Der 30-jährige Wolfgang, ein gelernter Tischler, sitzt ruhig am Mal-Tisch und schraffiert Flächen. Vor ihm liegt - als Modell - ein Winkelschleifer.

Wolfgang:
"Das Gerät, da sind die vielen Farben der Arbeit, wie lange dass man arbeitet."

Heindl:
"Wie lange hast du jetzt gearbeitet dran?"

Wolfgang :
"Ja, 10,15 Minuten. Ich mein, es geht schnell wenn man ein Wenig eine Idee hat und alles."

Alltagserfahrungen stehen meist im Zentrum der Bildwerke.

"Ein Drittel von den Bewohnern da haben immer die selben Motive. Drum schau ich ja, dass er wenigstens die Formate oder die Farben wechselt, dass sie wieder eine andere Qualität kriegen die Bilder; also Häuser, Autos und Menschen, Krankenhaus meistens und Rettung, Rettungsautos."

Andrea ist tief über ihr Zeichenblatt gebeugt, das mit wilden Bleistiftlinien bedeckt ist. Alfred Heindl holt ihr ein neues Blatt Papier. "Soll ich dir's wieder anpicken?"

Das Atelierhaus ist ein Haus der offenen Türe. Zuweilen spazieren auch Dorfbewohner herein; Christian, Andrea und Wolfgang freuen sich darüber.

Heindl:
"Es hat jeder seine Persönlichkeit, das ist das Schöne. Ich beneide sie oft sogar weil sie so unbeschwert an die Arbeit gehen. Das hab ich verlernt und das find ich schade. Unsereins überlegt so lang und da geht’s einfach gleich los und das fasziniert mich so."

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