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StartseiteKommentare und Themen der WocheFür einen Ausstieg steht zu viel auf dem Spiel 01.06.2021

Mali-Mission nach erneutem Militär-Putsch Für einen Ausstieg steht zu viel auf dem Spiel

Durch die Destabilisierung Malis könnten alle umliegenden westafrikanischen Staaten in Mitleidenschaft gezogen werden. Ein Ende der Antiterrormission könne der Westen also nicht leichtfertig hinnehmen - auch mit Blick auf mögliche Flüchtlingsströme, kommentiert Marcus Pindur.

Ein Kommentar von Marcus Pindur

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Flaggen der Bundesrepublik und der UN wehen im Wind auf dem Dach eines Transportfahrzeugs. ( picture alliance/dpa | Arne Immanuel Bänsch)
„Doch wenn es keine klaren, erkennbaren Schritte der Putschisten in Richtung Wahlen gibt, dann sollten sich Frankreich und Deutschland aus den Mali-Missionen zurückziehen.“ ( picture alliance/dpa | Arne Immanuel Bänsch)
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Das ist alles richtig. Auch der französische Präsident Macron hat deutliche Bedenken geäußert und sogar in den Raum gestellt, dass die Mission beendet werden könne, falls die Putschisten-Regierung mit den Islamisten in wie auch immer geartete Verhandlungen eintritt. Im Moment ist es tatsächlich so, dass malische Politiker und Militärs sich unter dem Schutzschirm der UNO- und EU-Missionen um die Fleischtöpfe des bitterarmen Landes streiten, während die malische Armee nach acht Jahren Ausbildung und Unterstützung immer noch nicht in der Lage ist, eigenständig Sicherheit herzustellen. Afghanistan lässt grüßen. Das malische Militär ist in der Breite schlecht ausgerüstet und ausgebildet, und an der Spitze korrupt.

Drohende Flüchtlingsströme

Soweit die ernüchternde Lage. Aber es gibt gute Gründe dafür, dass sich sowohl Macron als auch Bundeskanzlerin Merkel dafür entschieden haben, der Antiterrormission in der Sahelzone noch eine Chance zu geben. Es steht zu viel auf dem Spiel. Alle umliegenden Staaten Westafrikas könnten durch die Destabilisierung Malis in Mitleidenschaft gezogen werden. Das kann der Westen nicht leichtfertig hinnehmen, schon allein mit Blick auf die am Anfang stehende wirtschaftliche Entwicklung der Region und mit Blick auf mögliche Flüchtlingsströme.

Doch eins muss auch klar sein: Den verantwortungslosen politischen Spielchen der malischen Eliten kann man nicht ewig tatenlos zuschauen. Wenn es also keine klaren, erkennbaren Schritte der Putschisten in Richtung Wahlen gibt, dann sollten sich Frankreich und Deutschland aus den Mali-Missionen zurückziehen.

Marcus Pindur, Korrespondent in Washington (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Marcus Pindur (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Marcus Pindur hat Geschichte, Politische Wissenschaften, Nordamerikastudien und Judaistik an der Freien Universität Berlin und der Tulane University in New Orleans studiert. Er war Stipendiat der Fulbright-Stiftung, der FU Berlin sowie des German Marshall Fund. 1997 bis 1998 arbeitete er als Politischer Referent im US-Repräsentantenhaus. Pindur war ARD-Hörfunkkorrespondent in Brüssel, bevor er 2005 zum Deutschlandradio wechselte. Von 2012 bis 2016 war er Korrespondent für Deutschlandradio in Washington, D.C. Seit Anfang 2019 ist er Deutschlandfunk-Korrespondent für Sicherheitspolitik.

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