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StartseiteKultur heuteBeethovens Werk als Spiegel seiner Epoche22.08.2020

Malte Boecker, Beethovenhaus BonnBeethovens Werk als Spiegel seiner Epoche

Es sei ein Trugschluss, dass man Beethoven kenne, sagte Malte Boecker, Direktor des Bonner Beethoven-Hauses, im Dlf. Im Jubiläumsjahr will er unter anderem zeigen, "dass Beethoven sich in sehr starkem Maße mit der Politik seiner Zeit auseinandergesetzt hat".

Malte Boecker im Gespräch mit Katja Lückert

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Während der Corona-Pandemie trägt auch die Beethoven-Statue in Bonn einen Mundschutz, 28.04.2020 (Imago / Rainer Unkel)
Ludwig vermummt: Das Beethovendenkmal von 1845 auf dem Bonner Münsterplatz. (Imago / Rainer Unkel)
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Die Erfahrung von Isolation unter Corona-Bedingungen verbinde die Menschen von heute mit Beethoven, der unter seiner Isolation aufgrund von Schwerhörigkeit und letztlich Taubheit litt - das meint Malte Boecker, Direktor des Bonner Beethoven-Hauses im Jubiläumsjahr. Zum 250. Geburtstag des Komponisten können rund 90 Prozent der geplanten Veranstaltungen stattfinden, weil sie "inhaltlich angepasst" oder einfach terminlich nach hinten geschoben worden seien, erklärt der Kulturmanager.

Bonn gehört zu Beethoven

"Das Jubiläumsjahr nimmt jetzt gerade wieder richtig Fahrt auf", so Boecker. Auf die Frage, ob Wien oder Bonn näher an Beethoven ist, sagt der Beethoven-Experte: "In Bonn machen wir überhaupt nicht den Versuch, Wien da irgendwas streitig zu machen. Das Einzige, worauf wir mit diesem Jubiläumsjahr und unseren Feierlichkeiten hinweisen wollen, ist, dass eben Bonn zu Beethoven genauso gehört wie Wien. Beethoven hat 56 Jahre gelebt, und das erste Lebensdrittel tatsächlich in Bonn verbracht. Das sind prägende Jahre gewesen."

Ludwig van Beethoven wurde 1770 in Bonn geboren. Insbesondere im Beethoven-Haus können der Besucher und die Besucherin eine "Zeitreise tatsächlich in diese Beethoven-Epoche machen". Gewissermaßen Stationen seines Lebens zum Anfassen seien unter anderem das ehemalige Kurfürstliche Schloss, in dem heute die Bonner Universität ist. "Hier geht es um den jungen Beethoven, der eben zu einem der führenden Musiker seiner Zeit aufwächst."

Multiperspektivische Annäherung

Im 19. Jahrhundert habe man den Heros in ihm gesehen und ihn im 20. Jahrhundert vom Sockel geholt. "Und ich glaube, der heutige Umgang mit Beethoven ist ein ganz anderer. Das ist nämlich der, der ganz viele Facetten auf eine schillernde Gestalt ermöglicht. Also ich spreche gern von einer multiperspektivischen Annäherung." Boecker wolle "sehr unterschiedliche Zugänge eröffnen".

In einer Glaskugel spiegelt sich die Adriaküste, die im Hintergrund nur unscharf zu sehen ist. (imago images / Shotshop) (imago images / Shotshop)Gesprächsreihe – nah und fern
Nähe und Distanz sind keine feststehenden Größen. Wo das eine aufhört und das andere beginnt, empfindet jeder anders. Und jede Disziplin, jede Kunstgattung geht auf ihre Weise damit um.

Malte Boecker gibt zu: "Obwohl ich mich ja mit Beethoven beruflich beschäftige, kann ich noch immer nicht behaupten, Beethovens Werke in Gänze zu kennen. Und dass man vermeintlich den Eindruck hat, man kenne Beethoven, ist eben ein Trugschluss im Kanon der immer gespielten Werke."

Über die Aufführung der sämtlichen Kammermusik Anfang des Jahres sagt Boecker: "Also, das ist die eine Entdeckung. Beethoven hat vielmehr geschrieben als nur irgendwie eine 'Eroica' und eine Neunte Sinfonie. Die andere Entdeckung ist, dass Beethoven sich in sehr starkem Maße mit der Politik seiner Zeit auseinandergesetzt hat, und sein Werk eigentlich ein Spiegel ist dieses Epoche machenden Wandels vom Feudalismus über die französische Revolution hin zu einer bürgerlichen, emanzipierten Gesellschaft. Und das finde ich spannend."

Josephine, die unsterbliche Geliebte

Zur "Fernen Geliebten" Beethovens sagte Boecker: "Es ist eben das Thema, das unheimlich viele Menschen bewegt. Und es gibt einen berühmten Brief, den Beethoven wohl nicht abgeschickt hat, weil man ihn im Nachlass gefunden hat, an die unsterbliche Geliebte. Und es gibt eine Komposition an die ferne Geliebte, dass ist eine ganz berühmte Komposition, ein Liederkreis. Die beiden Sachen haben eigentlich erst mal nicht so viel miteinander zu tun auf jeden Fall. Die Kernfrage geht darum, wer van Beethovens unsterbliche Geliebte war. Neue Beweise gibt es nicht. Aber wenn man die Literatur aufmerksam liest, setzt sich das Bild zusammen, und immer mehr Wissenschaftler vertreten auch diese These, dass eine Josephine von Stackelberg (geb. Brunswick) diese unsterbliche Geliebte gewesen sein könnte und viel dafür spricht, dass sie das war." 

Malte Boecker, Geschäftsführender Vorstand des Beethoven-Hauses, steht am 20. Februar 2019 vor dem Haus in Bonn. (picture alliance / Henning Kaiser) (picture alliance / Henning Kaiser)Malte Boecker ist seit 2012 Direktor des Beethoven-Haus Bonn und künstlerischer Direktor der Beethoven Jubiläums GmbH. Der 49-jährige Jurist und Kulturmanager studierte Rechtswissenschaften an der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Hinzu kamen Studien in Musikwissenschaft und Kunstgeschichte. Im Goethe-Jahr 1999 war er Justiziar der Europäischen Kulturhauptstadt Weimar. Danach führte sein Weg zur Bertelsmann-Stiftung.

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