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StartseiteDie neue PlatteNeue Musik - weltoffen und aus Deutschland03.10.2016

Mamlok / Dinescu / StahmerNeue Musik - weltoffen und aus Deutschland

Die Sprache der Neuen Musik ist vielgestaltig und international. Wie überall lebt sie auch in Deutschland von Offenheit, verbunden mit Toleranz, Neugier, Augenhöhe und Wertschätzung des Anderen. Drei aktuelle CD-Produktionen von Ursula Mamlok, Violeta Dinescu und Klaus Hinrich Stahmer belegen dies eindrucksvoll.

Von Frank Kämpfer

Die Komponistin Ursula Mamlok (Deutschlandradio Kultur - Bettina Straub)
Die Komponistin Ursula Mamlok (Deutschlandradio Kultur - Bettina Straub)

Was in zeitgenössischem Komponieren ist heute "deutsch"? Angenommen, dies wäre eine Frage von Relevanz, woran machte dieses musikalische "Deutsch-Sein" sich fest? An der Sprache verwendeter Texte, an Traditionen des Musizierens, an der Herkunft der Komponierenden? Und wäre dieses "deutsch" dann monochrom oder ausdifferenziert, beispielsweise von regionalen Faktoren bestimmt? Also unterscheidbar nach West oder Ost, Nord oder Süd? Wäre es biografisch geprägt, das heißt generationen-bedingt – wäre es hermetisch in sich verschlossen, oder wäre es offen, empfangsbereit, vernetzt mit viel Welt?

Am Mikrofon Frank Kämpfer – ich möchte Ihnen im Folgenden drei aktuelle CD-Produktionen mit Neuer Musik vorstellen, die drei Komponierende auch porträtieren. Für die Urheber und Urheberinnen ist "deutsch" persönlich ein recht wichtiges Stichwort – sie sind mehr oder weniger stark geprägt von bi-kultureller Erfahrung, und sie stehen für einen kulturell weithin offenen Horizont.

(Musik: Ursula Mamlok, "With fluctuating tension", aus: "Sonata for Violin and Piano", Kolja Lessing, Violine; Holger Groschopp, Klavier  - Ausschnitt)

Zwei Stimmen, die sich markant formulieren – nicht vertieft ins Gespräch mit-einander, vielmehr autonom, und doch aufeinander bezogen, sodass aus gestrichenen und aus geschlagenen Saiten ein Ganzes entsteht. "With fluctuating tension" ist diese Miniatur überschrieben, permanent wechseln die Metren darin, die Energie schwankt. Das eigentümliche Duett bildet den Kopfsatz einer Sonata für Violine und für Klavier, die 1989 im Auftrag der amerikanischen Eastman School of Music entstand. Urheberin Ursula Mamlok wählte hier den Namen einer musikalischen Form, die sie in ihrer Frühzeit, in Studienjahren vielfach beschäftigte, und die sie nun hier, fast ein halbes Jahrhundert danach, aufgreift, aber nicht im traditionellen Sinne bedient. Mamlok (1923–2016), komponierte vielmehr – so Bookletautor Habakuk Traber – "aus ihrer Erfahrung der Moderne auf die klassische Sonatenform zu". Ihre musikalische Prägung erhielt sie in den Vereinigten Staaten; Ernst Krenek, Roger Sessions, Jerzy Fitelberg, Stefan Wolpe und Ralph Shapey waren ihre wichtigsten Lehrer; zentraler Bezugspunkt für ihr gemäßigt modernes Komponieren war und blieb der europäische Formenkanon. Fünf Veröffentlichungen beim Label BRIDGE in New York, die etwa zwei Drittel der 75 Kompositionen Mamloks enthalten, belegen derlei.

Begonnen wurde diese CD-Dokumentation übrigens 2007, ein Jahr nach der Rückkehr der damals 83-jährigen aus dem Exilland in ihre Geburtsstadt Berlin. Die aktuelle CD, posthum erschienen, kontrastiert ganz frühes Schaffen aus den 1940er-Jahren mit vier kammermusikalischen Titeln des Spätwerks. Habakuk Traber verweist auf das Gedrängte, Knappe der letzten Arbeiten, auf deren Rückblick-Charakter inklusive mancher Selbstreferenz. "Rückblick" nannte Mamlok in 2002 auch vier Miniaturen für Saxofon und Klavier, die eine Sonderstellung in ihrem Gesamtwerk einnehmen: Nur hier, also nur ein einziges Mal, hat die Urheberin die Shoa, den Holocaust als Bezugspunkt gewählt, dem ein Teil ihrer Familie zum Opfer fiel und dem sie selbst dank der Flucht ihrer Eltern nach Ekuador 1939 entkam. Frank Lunte, Altsaxofon und Tatjana Blome, Klavier, sind die Ausführenden.

(Musik: Ursula Mamlok: "Hurried / Elegy. Calm", aus: "Rückblick", Frank Lunte, Altsaxophon; Tatjana Blome, Klavier)

Die Sätze "Hurried" und "Energy". "Calm" aus: "Rückblick" von Ursula Mamlok. Zehn Titel insgesamt enthält die mit Deutschlandradio Kultur und mit Swiss Radio SRF 2 Kultur koproduzierte CD. Ein hoher Repertoirewert zeichnet die Produktion aus – es dürfte sich hier weitgehend um Ersteinspielungen handeln.

Die Komponistin und Oldenburger Hochschulprofessorin Violeta Dinescu (uni-oldenburg.de)Die Komponistin und Oldenburger Hochschulprofessorin Violeta Dinescu (uni-oldenburg.de)Die nächste CD gibt Einblick in das Schaffen der 1953 in Rumänien geborenen, heute in Oldenburg ansässigen und lehrenden Komponistin Violeta Dinescu. Im Zentrum der Produktion steht ein Instrument, das die Urheberin oftmals verwendet. Gleich mehrere solistische Querflötenalben, die der rumänische Solist Ion Bogdan Stefanescu für das Label gutingi eingespielt hat, belegen diese Präferenz eindrucksvoll. Bei diesen früheren Platten wird deutlich, wie Violeta Dinescu die Flöte mit ihrem Klangspektrum für künstlerische Exkursionen ins Innere, ins Seelische verwendet – zugleich verweist ihre Musik auf das Physische des Instrumentalspiels und dessen Metaphorik.

Vorliegende Veröffentlichung indes ist beim Label Wergo erschienen. Die Platte verschränkt zwei je fünfteilige kleinere Zyklen der Komponistin aus letzter Zeit - "Blicke" und "Aus dem Tagebuch" - mit vier älteren Arbeiten. Eingespielt hat sie alle die Amerikanerin Carin Levine, gleichfalls eine namhafte Spezialistin neuer Musik, mit je nach Werk wechselnden Partnern. Die aparteste Besetzung bietet "Die Glocke im Meer". Der Titel ist für Flöte mit Hornquartett komponiert. Das Holzblasinstrument – so Bookletautor Egbert Hiller – symbolisiere dabei die breite Assoziationskraft der Glocke, die von "spirituellen Belangen über unterbewusste Lockrufe bis zur Signalwirkung der Schiffsglocke" reicht. Die Hörner entfalten hingegen ein "Meer der Klänge" samt tosender Naturgewalten. Ist hier, versteckt, Richard Wagner im Spiel? Unüberhörbar begegnen experimentellere Spielweisen, heterophone Satztechnik, sowie Idiome balkanischer Volksmusik, die die seit 1982 in Deutschland ansässige Urheberin seit ihrer Jugend in Bukarest kennt und in sich trägt.

(Musik: Violeta Dinescu: "Die Glocke im Meer", Carin Levine, Flöten; Dauprat Hornquartett - Ausschnitt)

Carin Levine, Flöte, und das Dauprat Hornquartett mit "Die Glocke im Meer" von Violeta Dinescu – eine Koproduktion mit Radio Berlin-Brandenburg und ein solides Label-Debüt der Komponistin bei Wergo.

Klaus Hinrich Stahmer stammt aus Stettin, 1945 floh seine Familie vor der Sowjetarmee in den Westen; Lüneburg, Trossingen, Hamburg und Kiel waren die Stationen seiner Ausbildung als Cellist, Musikologe und Komponist. Stahmer ist der musikalische Urheber der dritten CD, die ich Ihnen heute Morgen anspielen will.

(Musik: Klaus Hinrich Stahmer: "Aschenglut", Vivi Vassileva, Klavier; Maruan Sakas, Rahmentrommel - Ausschnitt)

Ein europäisches und ein orientalisches Instrument – die Rahmentrommel und das Klavier – begegnen einander in dieser "Ascheglut" betitelten Komposition. Komponist Stahmer hat sie Fuad Rifka gewidmet, dem libanesischen Lyriker und Philosophen, der in den 1960ern in Tübingen über Heidegger promoviert hat. Genauer gesagt, Stahmer spiegelt auf diese Art Rifkas Verankert-Sein in zwei Kulturen. Selbst blieb ihm diese Erfahrung verwehrt, das heißt, er, Stahmer, suchte sie nicht biografisch. Indes, seit Mitte der 1990er-Jahre interessiert sich der Komponist für nicht-europäische Instrumente, Klangwelten und Formen des Musizierens und legt sie eigenem Schaffen zugrunde. Entsprechend finden sich auf seiner neuen CD neben orientalischen, auch afrikanische und fernöstliche Spuren. So assoziiert man in den von Pi-Hsien Chen gespielten "Four Poemes" für Klavier beispielsweise die Mbira, das südafrikanische Daumenklavier.

(Musik: Klaus Hinrich Stahmer: "Night with Stars – A Prayer", aus: "Four Poemes", Pi-Hsien Chen, Klavier - Ausschnitt)

Deutlicher und direkter ist der Ostasienbezug, der die zweite Hälfte der Platte ausmacht. Wu Wei aus Berlin spielt hier die Mundorgel Sheng, die Stahmer solistisch und in Kombination mit Klarinette und Cello als auch mit Akkordeon und Cello verbindet. Hier zum Abschluss ein Ausschnitt aus dem Triostück "Wu", was chinesisch für Begreifen, im Sinne von "Sich-darauf-einlassen" bedeutet. Ein Gespräch im Booklet erläutert: Der Bläser attestiert dem musikalischen Urheber, einen Weg in jene Einfachheit gefunden zu haben, in der die einzelnen Töne in östlichem Sinn frei zum Klingen kommen.      

(Musik: Klaus Hinrich Stahmer: Wu", Wu Wei, Sheng, Oliver Klenk, Klarinette, Wenn-Sinn Yang, Violoncello - Ausschnitt)

Soweit ein Ausschnitt aus "Wu" von Klaus Hinrich Stahmer. Wu Wei, Sheng, Oliver Klenk, Klarinette, Wenn-Sinn Yang, Violoncello, sind die Ausführenden. Diese Privataufnahme und weitere, mit dem BR-Studio Franken koproduzierte Titel sind unter dem Motto "Licht" beim Berliner Label "kreuzberg records erschienen. Zuvor habe ich Ihnen Violeta Dinescus neueste, bei Wergo editierte CD "Tagebuch" und ein bei Bridge veröffentlichtes Album mit Werken von Ursula Mamlok angespielt.

Die Sprache der Neuen Musik ist vielgestaltig und international – wie überall so auch in Deutschland lebt sie von Offenheit verbunden mit Toleranz, Neugier, Augenhöhe und Wertschätzung des Anderen. Soweit für heute Die neue Platte – vorgestellt von Frank Kämpfer.

Ursula Mamlok: "Volume 5", CD BRIDGE 9457

Violeta Dinescu: "diary", CD WERGI 7324 2, LC 00846

Klaus Hinrich Stahmer: "Licht", CD  kreuzberg Rekords, kr 10122, LC 02555

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