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StartseiteKommentare und Themen der WocheDer Loveparade-Prozess als Extremfall19.01.2019

Mammutverfahren vor EinstellungDer Loveparade-Prozess als Extremfall

Wenn Staatsanwaltschaft und Verteidigung zustimmen, könnte der Loveparade-Prozess Anfang Februar eingestellt werden. Ein Vorschlag, der Empörung auslöste - letztlich aber folgerichtig sei, kommentiert Moritz Küpper. In diesem Extremfall komme das System an seine Grenzen.

Von Moritz Küpper

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Tunnel mit Kerzen zum Gedenken der Opfer, Ort der Massenpanik auf der Loveparade 2010, Duisburg, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, Europa | Verwendung weltweit, Keine Weitergabe an Wiederverkäufer. (imageBROKER)
Viele Menschen, viele Fehler - so lasse sich die Love-Parade-Katastrophe zusammenfassen, meint Moritz Küpper im Dlf (imageBROKER)
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Nun geht es also erst einmal weiter, als sei nichts geschehen: Für Ende Januar ist Verhandlungstag 98 terminiert - im Strafprozess um die Loveparade-Katastrophe. Es wird ein weiterer Tag in einem beispiellosen Mammutverfahren – dessen Ausgang aber seit dieser Woche wohl feststeht. Wenn Staatsanwaltschaft und Verteidigung zustimmen, dann wir das Verfahren Anfang Februar eingestellt werden, so der Vorschlag des Gerichts. Ein Vorschlag, der vielerorts Empörung auslöste, letztlich aber folgerichtig ist.

Die Begründung der Richter lässt sich kurz und prägnant so zusammenfassen: Weil so viele Menschen so viele Fehler gemacht haben, lässt sich die individuelle Schuld der Angeklagten kaum feststellen. Auf dieser Grundlage kann niemand in einem Strafprozess verurteilt werden. Kurzum: Das System kommt in einem solchen Extremfall an seine Grenzen.

Viele Menschen, viele Fehler

Daneben gibt es wohl noch einen weiteren – vermutlich wichtigeren – Grund, der sich durch eine einfache Rechnung herausarbeiten lässt. Seit gut einem Jahr läuft der Prozess, knapp 60 Zeugen wurden bisher darin befragt. Knapp 600 aber stehen noch auf einer Liste und der Zeitrahmen für deren Befragung ist äußerst knapp, denn in anderthalb Jahren werden die Vorwürfe verjährt sein. Daher also nun dieses Ende – und irgendwie passt es auch.

Denn: viele Menschen, viele Fehler. Das ist eine Zusammenfassung, die nicht nur für die Ausrichtung und Planung der Veranstaltung gilt, nicht nur für diesen Strafprozess, sondern auch für die gesamte Zeit der Aufarbeitung. Längst hat sich dafür, für diesen nunmehr achteinhalb Jahre andauernden Zeitraum, eine Formulierung gefunden, die sich ständig wiederholen ließ: die, von der Katastrophe nach der Katastrophe.

Ein nicht endenwollender Albtraum

Die Belege für diese Aussage - sie sind so zahlreich, wie schmerzhaft, sodass man nur erahnen kann, wie es den Angehörigen und auch den Betroffen gehen muss. Ohnehin ja schon schwerstmöglich gebeutelt, drängt sich der Eindruck eines nicht enden wollenden Albtraums geradezu auf.

Es begann damit, dass sich der damalige NRW-Innenminister Ralf Jäger nach der Katastrophe rasch vor die Polizei stellte. Deren Einsatz und Fehler jedoch, das gilt heute als gesichert, sind mit-ursächlich für die Tragödie. Hinzu kamen weitere Punkte: Ein Wechsel der Landesregierung unmittelbar zuvor, der eine parlamentarische Aufarbeitung verhinderte, da so alle Parteien daran beteiligt waren.

Besucher versuchen dem Gedränge bei der Loveparade am 24. Juli 2010 in Duisburg zu entkommen. (dpa / picture-alliance / Erik Wiffers)2010 starben bei der Loveparade-Katastrophe in Duisburg 21 Menschen - mehr als 500 wurden verletzt (dpa / picture-alliance / Erik Wiffers)

Ein Duisburger Oberbürgermeister, der sich weigerte, Verantwortung zu übernehmen und in einem wohl beispiellosen Vorgang von seiner eigenen Bevölkerung per Bürgerbegehren abgewählt wurde. Eine Staatsanwaltschaft, die sich bei der Auswahl der Gutachter verhedderte und so viel wertvolle Zeit verstreichen ließ. Eine Strafkammer beim Landgericht Duisburg, die eine Prozesseröffnung erst ablehnte und dann nachträglich vom Oberlandesgericht Düsseldorf dazu verdonnert werden musste.

All das ließ sich letztendlich durch diesen Strafprozess nicht mehr heilen. Trotzdem hat dieser Prozess gezeigt, dass Gerichte funktionieren können: Die vielen Verhandlungstage, haben für Aufklärung gesorgt. Die Richter haben Antworten gefunden. Antworten auf die Fragen, warum Menschen gestorben sind, warum Menschen verletzt wurden, warum es zu dieser Katastrophe kam. Es sind viele Antworten. Und sie sind mitunter komplex. Aber die geforderte Aufklärung hat stattgefunden, zumindest teilweise.

Mit Aufarbeitung auf anderer Ebene fortsetzen

Und daher sollte man – nach all den Katastrophen nach der Katastrophe – und unabhängig von den weiteren, wohl folgenden zivilrechtlichen Schritten ernsthaft darüber nachdenken, ob es nicht sinnvoll wäre, diese gute Aufarbeitung auf anderer Ebene fortzusetzen. Zum Beispiel durch eine Untersuchungskommission,  vergleichbar mit der, die die Hillsborough-Katastrophe in Großbritannien aufgearbeitet hat.  

Bei einem Fußballspiel im englischen Sheffield waren im April 1989 96 Fans ums Leben gekommen, mehr als 700 Zuschauer wurden verletzt. Jahrzehnte später arbeitete die Untersuchungskommission wichtige Ursachen heraus, die bis dahin nicht bekannt waren. Es war ein Akt der gesellschaftlichen Befriedung und Versöhnung – trotz fehlender rechtlicher Konsequenzen.

Die Forderung nach einem solchen Gremium, die von vielen Betroffenen begrüßt wurde, ist nicht neu. Politisch wurde sie bislang immer abgelehnt, mit dem Hinweis auf die juristische Aufarbeitung. Dieser Grund wird nun entfallen, die Forderung ist damit aktueller denn je. Es wäre ein Zeichen – erst recht, nach all den vielen Fehlern.

Moritz Küpper (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Moritz Küpper (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Moritz Küpper, Jahrgang 1980, studierte Politik- und Kommunikationswissenschaften und Volkswirtschaftslehre in München und Washington, D.C. und besuchte die Deutsche Journalistenschule. Er promovierte an der Universität Bonn und arbeitete als Redakteur bei Capital, in der Online-Redaktion des Deutschlandradios sowie der Deutschlandfunk-Sportredaktion. Seit 2015 ist er als Deutschlandradio-Landeskorrespondent in Nordrhein-Westfalen tätig.

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