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StartseiteInterview"Man musste den Monty Python überzeugen, mitzumachen"05.10.2009

"Man musste den Monty Python überzeugen, mitzumachen"

Alfred Biolek über 40 Jahre Anarchohumor und die Herkunft des Wortes Spammail

Ein Monty-Python-Sketch prägte das Wort Spammail, sagt Alfred Biolek. Der Talkmaster, Koch und Produzent muss es wissen, er holte die britischen Fernsehcomedians nach Deutschland - mit anfänglich äußerst bescheidenen Publikumsreaktionen.

Alfred Biolek  (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Alfred Biolek (Deutschlandradio / Bettina Straub)
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Gerwald Herter: Sie hatten viel schwarzen Humor im Angebot, vor allem im Kino, zunächst jedoch in den Programmen der BBC und dann auch in denen anderer Fernsehsender, darunter deutsche. Vor 40 Jahren, am 5. Oktober 1969, startete "Monty Python's Flying Circus" im britischen Fernsehen. Höchst absurde Sketche, oft ohne Pointe, manchmal auch an der Schmerzgrenze, nicht gerade deutscher Humor also, den es – so wenigstens das britische Vorurteil – ja ohnehin nicht gibt. Dass "Monty Python's Flying Circus" trotzdem auch in Deutschland berühmt geworden ist, darum hat sich nicht zuletzt, sondern zuallererst, nämlich schon in den 70er-Jahren, Alfred Biolek verdient gemacht. Und mit ihm bin ich nun verbunden. Guten Morgen, Herr Biolek!

Alfred Biolek: Guten Morgen!

Herter: Wie schwierig war es denn, den "Flying Circus" ins deutsche Fernsehen zu bringen?

Biolek: Na ja, es gab ja zwei Dinge: Erstens Mal musste ich einen Sender überzeugen, dass wir das produzieren dürfen, und da hatte ich eben großes Glück. Zu der Zeit war beim WDR Hannes Hoff Unterhaltungschef, und das war ein ganz mutiger, experimentierfreudiger, aufgeschlossener Mann. Ohne diese Eigenschaften von ihm hätte ich nie das Ja bekommen, dass ich das machen darf für die ARD. Das war damals etwas sehr Ungewöhnliches. Und die zweite Sache war, man musste den Monty Python überzeugen mitzumachen, herzukommen. Das war sehr schwer, die wollten nicht. Die wollten überhaupt nicht raus aus England und schon gar nicht nach Deutschland. Und ich hab's dann geschafft bei einem Abend in der Bar der BBC, sie mit vielen Argumenten und noch mehr Gin Tonics zu überzeugen. Und es war dann so ein bisschen so eine Art Freundschaft, also so eine gute Chemie zwischen uns entstanden. Und sie haben dann gesagt, na ja, also nach Deutschland wollten wir eigentlich nie, aber zu dir kommen wir jetzt. Allerdings erst mal nur, um sich Deutschland anzusehen, eine Woche bezahlt, und erst nach der Woche wollten sie endgültig zusagen, ob sie die Sendung machen. Aber schon nach ein paar Tagen hat's ihnen so gefallen, wir hatten so viel Spaß zusammen, dass sie gesagt haben, ja ja, das machen wir.

Herter: Und ihr habt ja zwei deutsche Episoden produziert, ja?

Biolek: Wir haben 1971 eine und 1972 eine, ja. Und das war für die so etwas ganz Besonderes. Sie haben mir auch später gesagt, dass das eigentlich fast auch so ein bisschen der Beginn der Filmkarriere dann war, weil das eben ein Special war und nicht wie bei der BBC jede Woche so eine Serie, sondern das war eine einmalige Sache, und ein Film ist auch eine einmalige Sache.

Herter: Aber britischer Humor ist eben doch so ganz anders als deutscher Humor. Übersetzungsprobleme gab's ja wahrscheinlich auch. Trotzdem sind die Sketche in Deutschland angekommen, haben Kultstatus erreicht. Wie ist das zu erklären?

Biolek: Also damals kamen sie nicht sehr gut an. Es gab ja damals noch nicht diese Quote, die durch Apparate gemessen wurde, sondern da wurden, ich weiß nicht, ein paar Hundert oder ein paar Tausend, aber ich glaube eher ein paar Hundert Leute angerufen, und sie haben dann gesagt, ob sie eine Sendung gesehen haben, und sie konnten eine Note geben, plus zehn bis minus zehn. Monty Python minus sieben. Also daraus sieht man, das war kein Riesenerfolg, aber es war halt doch etwas Neues, und dieser Unterhaltungschef, dieser mutige, hat mir erlaubt, im nächsten Jahr noch mal eine zu machen. Und heute haben die Kultstatus, klar, aber damals war das sehr schwer.

Herter: In den Sketchen tauchen immer wieder Klischees auf, ausgerechnet über Ausländer, Deutsche, Skandinavier, und für die Briten ist es natürlich besonders, auch Franzosen. Warum konnten Sie darüber lachen?

Biolek: Na ja, also ich weiß es nicht. Ich war damals jemand, der schon in viel London war, ich war in Paris, ich hatte schon einen internationalen Radius, ich war nicht so der typische Deutsche. Das kommt auch aus meiner Herkunft, ich bin in Österreich-Schlesien geboren, da haben ein Drittel der Menschen polnisch, ein Drittel tschechisch und ein Drittel deutsch gesprochen. Also dieses über den Tellerrand hinweg schauen und sich auch mit anderen identifizieren zu können, das galt eben auch für den britischen Humor. Ich konnte den gut verkraften.

Herter: Ja, und rassistisch waren diese Witze aber trotzdem nicht. Monty Python hat viele Grenzen verletzt, aber bestimmte auch nicht überschritten.

Biolek: Nein, aber man wusste, selbst wenn sie eine Grenze überschritten hatten, dass es eben Comedy war und dass es nicht irgendwie bös gemeint war. Also sie haben ja auch gegen sich selbst, sie haben sich ja selbst, was ja typisch englisch ist, immer wieder auf den Arm genommen.

Herter: Und die BBC auch.

Biolek: Ja.

Herter: Herr Biolek, soweit ich weiß, verfügen Sie über keine eigene E-Mail-Adresse, Sie wissen trotzdem aber natürlich, was Spammails sind, oder?

Biolek: Ja, ja, natürlich, ja, ja, das ist klar.

Herter: Stimmt es, dass dieses Wort Spam zuerst in einem Monty-Python-Sketch auftauchte?

Biolek: Ja, absolut, ja, ja, das ist keine Frage. Das war ein Sketch in einem Restaurant, und da wurde alles Mögliche bestellt, aber es kommt immer wieder Spam. Und das ist eben diese Beliebigkeit, was ja auch dieses Spammails bedeutet.

Herter: Ja, typischer Sketch. Es gibt auch den Begriff pythonesk, in Anlehnung an kafkaesk. Gibt es irgendeinen deutschen Comedian, Kabarettisten, Komiker, den Sie mit diesem Attribut pythonesk adeln würden?

Biolek: Nein. Also ich muss dazusagen, dass ich nicht sehr viel Fernsehen gucke und kaum so Comedyshows, sodass ich die alle gar nicht so kenne. Ich kenne nur so die Alten noch, den Dieter Hildebrandt und ... also mehr Kabarettisten. Und die sind nicht so pythonesk.

Herter: Ja, vielleicht gibt es auch gar niemand, der heranreicht, oder?

Biolek: Ja, sozusagen heranreicht, klingt so, dass sie alle schlechter sind – die sind halt anders.

Herter: Also stimmt es doch, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen deutschem und britischem Humor?

Biolek: Ja, wobei ja die Pythons auch für britische Comedians etwas sehr Hervorragendes und Besonderes sind. Und ich glaube, was Vergleichbares mit den Pythons gibt's nicht. Ich glaube, auch in anderen Ländern nicht, also nicht nur in Deutschland.

Herter: Was ist Ihr Monty-Python-Lieblingssketch?

Biolek: Ich habe auf keinem Gebiet der Welt Lieblings. Ich konnte diesen wunderbaren Fragebogen von Marcel Proust, den die "FAZ" viele Jahre in ihrem Magazin hatte, konnte ich nie ausfüllen. Ich habe kein Lieblingsgericht, keine Lieblingsfarbe und ich habe auch keinen Lieblingssketch.

Herter: Aber, was hat Sie an Monty Python gestört? Da könnte es ja was geben.

Biolek: Nein, es hat mich nichts gestört. Eins ist klar, aber das war ja bei meinen Sendungen genauso: Manchmal ist es grandios und manchmal ist es nicht so ganz gelungen, das galt ja auch für die Sketche. Es waren nicht alle gleich gut, das ist aber überall so – bei meinen Sendungen auch und bei meinen Gästen und bei dem, was ich koche. Aber wirklich gestört hat mich nichts, weil sowohl in der Zusammenarbeit war es so wunderbar als auch im Ergebnis der Sendungen.

Herter: Alfred Biolek, Talkmaster und Produzent im Deutschlandfunk-Interview. Herr Biolek, vielen Dank und schönen Tag!

Biolek: Ihnen auch einen schönen Tag, alles Gute!

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