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StartseiteInterview"Man wollte miteinander sprechen"07.12.2009

"Man wollte miteinander sprechen"

Frühere Oberkirchenrat in der DDR schildert die Entstehung des Runden Tisches vor 20 Jahren

Anfang Dezember 1989: Die Mauer war gerade vier Wochen geöffnet, da entstanden - unter der Leitung der Kirchen - der Runde Tisch in der ehemaligen DDR. "Die Stimmung war erstaunlich bemüht um Sachlichkeit", erinnert sich Pfarrer Martin Ziegler, damaliger Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche in der DDR und einer von drei Moderatoren.

Martin Ziegler im Gespräch mit Bettina Klein

DDR-Bürger demonstrieren am 4. November 1989 gegen ihren Staat auf dem Alexanderplatz in Berlin. (AP)
DDR-Bürger demonstrieren am 4. November 1989 gegen ihren Staat auf dem Alexanderplatz in Berlin. (AP)

Friedbert Meurer: Heute vor 20 Jahren, am 7. Dezember 1989, kam in Ost-Berlin der zentrale Runde Tisch zusammen, damals für wahr eine Sensation, denn damit verlor die SED ihre Macht. Sie musste sich mit der Opposition an einen Tisch setzen. Moderiert wurde der Runde Tisch von den Kirchen, unter anderem vom damaligen Oberkirchenrat und evangelischen Pfarrer Martin Ziegler. Bettina Klein hat ihn zu Hause besucht.

Bettina Klein: Wir befinden uns im Haus von Pfarrer Martin Ziegler, 1989 Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche in der DDR und einer von drei Moderatoren am damaligen Runden Tisch, und wir rufen uns in Erinnerung die Zeit damals, Anfang Dezember 1989. Die Mauer war gerade vier Wochen geöffnet, es war eine völlig offene, neue Situation. Wie kam es dann zur Einrichtung des Runden Tisches? Wie kam es zu dieser Idee überhaupt?

Martin Ziegler: Die Idee hatten sieben Gruppen der Bürgerrechtsbewegung. Ich nenne mal "Demokratie jetzt", "Neues Forum", "Initiative Frieden und Menschenrechte" und so weiter. Die meinten, wir könnten in dieser Krise, in der wir uns befinden, nur vorankommen, wenn alle Kräfte in einen Dialog kommen, und dazu brauchten sie eine Plattform und wandten sich deshalb an die Evangelische Kirche, besonders an den Bischof Gottfried Forck. So kam das, dass ausgemacht wurde, die Kirche solle erstens einen neutralen Raum stellen - das war wichtig. Die SED hätte ja gerne ins Politbüro eingeladen, aber die Gruppierungen wären da sicher nicht hingegangen und sie hatten selber keinen Raum. Also die Kirche sollte einen Raum stellen. Zweitens war das Thema, wer lädt denn ein. Laden die einen ein, kommen die anderen nicht. Also suchten sie einen neutralen Einlader, das sollte dann die Kirche sein. Und schließlich sollte die Sitzung eröffnet werden und die erste Sitzung geleitet werden von den Vertretern der Kirche.

Klein: Wer hat entschieden, welche Teilnehmer am Runden Tisch Platz nehmen?

Ziegler: Das ist ausgehandelt worden durch die Kontaktgruppe, die vorher bestand, in den Wochen vor dem Runden Tisch. Die legte fest: wir wollen paritätisch zusammenkommen, Vertreter der Parteien, die in der Volkskammer vertreten sind, und paritätisch dazu der Gruppierungen. Das war schon etwas schwierig, diese Parität herzustellen, denn es waren fünf Parteien, die in der Volkskammer waren, und es sollten keine sogenannten "Schleppmandate", nannten sie das, dabei sein, also FDGB, die nur die SED verstärken würde. So kam es, dass dann die fünf Parteien je drei benannten, 15, und da wurden dann 15 auch von den Gruppierungen benannt.

Klein: Wir müssen uns ja vorstellen: es saßen ja am Tisch nebeneinander SED-Mitglieder, Vertreter der sogenannten Blockparteien, Vertreter der Bürgerbewegungen, der Kirchen und auch Leute, die im buchstäblichen Sinne teilweise, aber in jedem Falle im übertragenen Sinne die Wochen und Monate vorher, ich sage mal, auf verschiedenen Seiten der Barrikaden gestanden haben. Wie muss man sich die Stimmung bei diesen ersten Begegnungen vorstellen?

Ziegler: Sie war erstaunlich bemüht um Sachlichkeit. Man wollte miteinander sprechen und darum wurde das, was da früher an Gegnerschaft war, möglichst zurückgehalten. Es gab natürlich die scharfen Auseinandersetzungen nachher, besonders bei der Auflösung des Amtes für nationale Sicherheit. Da kam noch mal die ganze Wut auch hoch, die mit im Spiele war. Aber sonst, muss ich sagen, war eigentlich das Bestreben nach Sachlichkeit auf beiden Seiten da.

Klein: Welche ersten Entscheidungen hatten sie zu treffen oder überhaupt erst mal zu diskutieren?

Ziegler: Sie hatten zuerst - damit fing das an und das war ziemlich chaotisch - zu entscheiden, wer überhaupt noch weiter am Runden Tisch mitmachen sollte, denn es waren nun, nachdem die benannt worden waren, plötzlich noch andere Gruppierungen da, die auch an den Runden Tisch wollten. Das war eine ziemlich chaotische Sache, aber die ist zum Glück überwunden worden. Dann war das sogenannte Selbstverständnis der Hauptbeschluss dieser ersten Sitzung, und da ging es - das wird manchmal jetzt vergessen - nicht um die Einheit Deutschlands, sondern da ging es um die Erneuerung der DDR im demokratischen Sinne. Dazu wurden dann konkrete Entscheidungen gefällt. Es wurde als erstes ein Wahlgesetz angefordert und eine Arbeitsgruppe für ein Wahlgesetz eingesetzt. Zweitens: ein Parteien- und Vereinigungsgesetz sollte erarbeitet werden und global die Gruppe für die neue Verfassung der DDR, die ja nicht mehr zu Ende gekommen ist. Und dann war der Beschluss zur Rechtslage und da war der Hauptpunkt Auflösung des Amtes für nationale Sicherheit unter ziviler Kontrolle.

Klein: Rückblickend betrachtet, Pfarrer Ziegler, denken Sie, dass der Runde Tisch in der Zeit damals das geleistet hat, was er realistisch betrachtet leisten konnte, und auch, was Sie sich gewünscht haben in dieser Zeit?

Ziegler: Ich denke, es hat der Runde Tisch erreicht, was er sich selbst als Ziel gesetzt hatte. Er wollte eine demokratische Wahl, dafür hat er die Voraussetzungen angeregt und in Gang gebracht. zweitens hat er auch dafür gesorgt, dass es nicht in Endlosdiskussionen ausmündete, indem er gleich in der ersten Sitzung den 6. Mai 1990 als Wahltermin setzte und erklärte, nur bis dahin wird der Runde Tisch arbeiten.

Klein: Gibt es Situationen, wo Sie heute sagen würden, da könnten wir so etwas wie einen Runden Tisch gut gebrauchen?

Ziegler: Ich denke, heute sind Einzelprobleme an der Reihe. Dafür gibt es Runde Tische. Das ist gut, dass es die gibt, aber so umfassend, wie die Kompetenzen des Runden Tisches zuletzt waren, sollte es nicht sein, denn dann haben wir ein Nebenparlament, eine Nebenregierung.

Meurer: Bettina Klein mit dem evangelischen Oberkirchenrat Martin Ziegler über den ersten zentralen Runden Tisch in der DDR vor exakt 20 Jahren.

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