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StartseiteKultur heuteManga und mehr24.05.2008

Manga und mehr

Eine Bilanz des Internationalen Comic-Salons von Erlangen

"Manga", das ist Japanisch und heißt so viel wie Bildergeschichte, Comic, Karikatur. Entwickelt hat sich das Genre aus der Zeichenkunst buddhistischer Mönche, die seit dem achten Jahrhundert Geschichten in Bildern erzählten, in denen sie etwa über das Leben im Jenseits sinnierten. Heute geht es in dieser Bildersprache deutlicher irdischer zu. Sex, Konsum, Popkultur und Großstadtneurosen aller Art. Deutlich zurückhaltender geht es in China zu, das ebenfalls eine alte Zeichentradition kennt, diese aber erst in den letzten Jahren an die Gegenwart anschließt. "Manhua" heißen die Bildergeschichten dort. Auf dem gerade zu Ende gegangenen Comic-Salon von Erlangen hat man den Künstlern einen eigenen Saal eingerichtet.

Von Bernd Noack

Japanische "Mangas", wie hier zu sehen, sind international bekannt, die chinesischen "Manhuas" werben noch für sich. (AP Archiv)
Japanische "Mangas", wie hier zu sehen, sind international bekannt, die chinesischen "Manhuas" werben noch für sich. (AP Archiv)

Sicherlich hat China derzeit andere Probleme als die Invasion der Manga-Comics. Und dennoch sind die Endlos-Bildgeschichten aus Japan mit den großäugigen und spitznasigen Figuren, die längst meterweise auch in Buchhandlungen und an Kiosken im Reich der Mitte zu finden sind, dort ein nicht zu unterschätzendes Thema: Es gilt, sich gegen die Marktbeherrschung durch die japanischen Strichmännchen und -weibchen zu wehren. Das gebietet einmal die festgeschriebene Konkurrenz zwischen den beiden Ländern, zum anderen aber auch die Besinnung der modernen chinesischen Künstler auf die jahrhundertealte Tradition des Erzählens in Bildern und Zeichnungen. Und wie groß die Unterschiede im fernen Osten selbst noch im bunten Comic-Alltag sind, das wird gerade beim Comic-Salon in Erlangen augenfällig.

Während die etablierten Manga-Verlage etwa ihre Waren fließbandartig und stapelweise präsentieren, taucht man in die chinesische Comicwelt ein wie in einen Traum: Einem fernöstlichen Garten gleicht die Halle, in der 17 Künstler einen Querschnitt ihrer Werke zeigen. Über Holzstege, vorbei an einem richtigen Teich, begleitet von sphärischen Tönen, führt der verschlungene Weg zu den Zeichnungen, Bilderserien und Geschichten.

"Die Chinesen haben immer gezeichnet, das kennt man. Wenn man in China ist, kennt man diese Kunstbücher, die gerollten Papiere. Die haben sowieso eine Tradition, sie erzählen auch gerne Märchen und alles. Das mit den Manhua, wie man jetzt die Comics dort nennt, ist eben diese neue Generation, die mit Manga und Comic zu tun hat."

Der Franzose Paul Derouet ist Kurator dieser Sonderschau, die wie ein edler Solitär präsentiert wird inmitten eines Salons, der kühn einmal mehr den Spagat zwischen Massenware und künstlerischem Anspruch wagt. In Erlangen hat man da keine Berührungsängste: Auf der Comicmesse und -börse geht es zu wie in Entenhausen zur Rushhour, auf dem Boden hocken die Fans und kleben die gesammelten Comicbildchen in ihre Alben, in der feinen Galerie feiert man den 100. Geburtstag des feinsinnigen Wilhelm Busch und auf dem Schlossplatz die auch schon halb so alten Schlümpfe.

Und in diesen, nicht selten von handfesten Problemen und westlichen Neurosen, von Fantasy-Banalitäten und praller sexueller Freizügigkeit beherrschten Bilderkosmos stoßen nun noch etwas schüchtern die hierzulande völlig unbekannten chinesischen Zeichner vor: eine junge Generation, die ihren Platz sucht auf dem überbordenden Comicmarkt; belächelte zahme Exoten bei uns, zu Hause aber schon lange anerkannt, beliebt.

"Das sind Leute, die ein bisschen wie Rockstars aussehen. Wir haben da einen gesehen mit roten Haaren, also wirklich der Rocker. Er beschäftigt sich mit seinem Alter, mit den Problemen des 20-Jährigen, ein bisschen wie in der ganzen Welt die Rockgeneration, mit Computer, mit Internet, er macht Musik, er malt auch große Gemälde, macht seine Comicgeschichten, die oft mit seinem Leben zu tun haben. Da gibt es ein Buch über 16- bis 20-Jährige, mit Band-Phänomen, da sind die Mädchen, da spürt man, dass China sehr prüde ist: Wie kann ich die anmachen, sie hat mich nicht angeguckt - ein bisschen postpubertär, ziemlich naiv, zurückhaltend und prüde."

Ein wenig sei die chinesische Comicszene vergleichbar mit der deutschen vor 20 Jahren: Auch bei uns hätte man sich erst sehr langsam etwas getraut und zugetraut, meint Paul Derouet. Vielleicht aber kommt in China, wo sich der Stilmix noch erstreckt von ganz zarten, märchenhaften Illustrationen bis hin zu kraftvollen, direkten Blitzlichtern aus dem Großstadtalltag, von fantastischen Träumen in der Manier alter Meister bis zu ganz vorsichtigen Provokationen - vielleicht kommt in China noch ein anderes, sehr wesentliches Motiv dazu: die Zeichensprache, hier durchaus verstanden als eine geheime Kommunikationsform.

"Mit Bildern kann man einiges ausdrücken, was sonst nicht so klar und deutlich ist. Ein Satz ist ein Satz, wenn man ihn schreibt, und da kann man eventuell Ärger kriegen, wenn die Behörde das sehen will. Ein Bild kann man immer interpretieren, man kann sagen, so hab ich das nicht gemeint. Ich denke, das hat ein bisschen mehr Freiheit."

Letztlich aber kennen die chinesischen Zeichner ihre Grenzen, in denen und mit denen sie aufgewachsen sind. Tabubrüche sind - noch? - selten, die Verbundenheit mit der Nation, mit Tradition und System gleichermaßen, bestimmt die Inhalte der Storys. Für die Regierung stellen diese jungen Wilden auf jeden Fall kein Problem dar; für den westlichen Comicmarkt könnten sie jedoch bald eines werden:

"Sie wollen auch diesen Markt erobern, mit Unterstützung von der chinesischen Behörde. Das wird sehr unterstützt von China momentan: alle Versuche, ins Ausland zu kommen mit chinesischen Produkten - das gilt für alles, nicht nur für Fälschung von Cartier, auch für Comics oder Trickfilm."

Delouret empfiehlt daher, dieser unbekannten Szene nicht mit Mitleid oder Arroganz zu begegnen, sondern mit Neugierde und Aufgeschlossenheit. Man könnte von ihr lernen:

"Man merkt einen Enthusiasmus da, wie sie zeichnen, richtig fasziniert, im Rausch, schnell, nervös, sie nehmen ein Blatt, und es geht los. Das ist wie eine Leidenschaft. Und das fällt mir auf bei allen. Sie sind nicht so blasiert, sie arbeiten einfach. Enthusiasmus, das könnte ein gutes Ding für europäische Zeichner sein, statt immer zu meckern. Einfach ein Blatt nehmen, einen Stift und zeichnen, schöne Dinge machen."

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