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Startseite@mediasresWarum vor allem Männer uns das Virus erklären04.06.2020

Mangel an Corona-Expertinnen?Warum vor allem Männer uns das Virus erklären

In den Chefetagen nicht nur der deutschen Medienhäuser sind Männer noch immer in der Überzahl. Auch in Zeitungen, Fernsehen und Radio kommen sie weitaus häufiger zu Wort als Frauen. In der Corona-Pandemie fällt das besonders auf: Interviewt werden fast immer männliche Experten.

Von Annika Schneider

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Woman in protective wear putting a swab into a tube model released Symbolfoto property released SNF00064  (www.imago-images.de)
Fachfrauen werden selten gefragt (www.imago-images.de)
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Virologe Christian Drosten. "Wir erwarten jetzt natürlich nach all den Lockerungen rein intuitiv, dass direkt wieder die Fälle zunehmen müssten."

Virologe Alexander Kekulé: "Das geht ja schon mal so los, dass man in vielen Gebäuden jetzt die Masken nicht mehr aufhaben muss."

Virologe Hendrik Streeck: "Da haben Sie meine Rolle noch nicht verstanden: Ich bin Virologe. Ich will nicht die Politik von Herrn Ramelow beurteilen und übrigens auch nicht die Politik von den anderen 15 Ministerpräsidenten."

Christian Drosten, Alexander Kekulé, Hendrik Streeck: Es waren vor allem diese Männer, die uns das neuartige Corona-Virus erklärt haben. In einer Auswertung des Spiegels zu den in der Krise meistzitierten Virologen haben es nur zwei Frauen in die Top Ten geschafft: Melanie Brinkmann und Marylin Addo. Nun gut, könnte man sagen: Es gibt eben mehr Männer in dem Bereich - und für die Chefetagen stimmt das auch.

Selbst Männer ohne Leitungsposten öfter zitiert

Zwei Studien der von Maria Furtwängler gegründeten MaLisa-Stiftung zeigen allerdings: Dahinter steckt ein strukturelles Problem. Die Studien haben die Corona-Berichterstattung im April in Fernsehen und Online-Medien untersucht. Das Ergebnis: Bei den Fachleuten in TV-Formaten war nur eine von fünf Personen weiblich. In der Online-Berichterstattung lag der Expertinnenanteil bei sieben Prozent. Selbst bei den interviewten Ärzten ohne Leitungsposten kamen auf jede Frau vier Männer - obwohl fast die Hälfte der deutschen Ärzteschaft weiblich ist.

Das ist nichts Neues: Seit Jahren zeigen Auswertungen, dass weibliche Stimmen in den Medien zu kurz kommen. Weil Redaktionen in einem ewigen Kreislauf auf etablierte Experten zurückgreifen. Und weil manche Frauen ihre Fachkompetenz unterschätzen. Durch die Corona-Krise könnte sich das Problem aber noch einmal zugespitzt haben, meint Karin Heisecke, Leiterin der MaLisa-Stiftung:

"In einem Fall war es zum Beispiel so, da war eine Nachrichtenredaktion, die da sehr stark darauf geachtet hat, die aber in der Corona-Zeit, weil da überall das Personal reduziert wurde, mit einer anderen Redaktion zusammengelegt wurde, die nicht darauf geachtet hat. Und dadurch hat sich dann der Anteil der Frauen wieder sehr stark verringert."

Top-Expertin wird kaum befragt

Hinzu kam: Als die Kitas dicht machten, übernahmen Frauen einen Großteil der Kinderbetreuung. Die Infektiologin Marylin Addo sagte dem BR, sie müsse aus Zeitgründen 90 Prozent der Presseanfragen absagen. Als alleiniges Argument taugt das aber nicht. Denn es gibt Frauen, die gerne mehr Interviews gegeben hätten. Zum Beispiel Sylvia Thun. Die Professorin an der Berliner Charité verantwortet einen bundesweiten Forschungsdatensatz zum Corona-Virus, berät das Robert-Koch-Institut – und war in den Medien bislang kaum präsent:

"Selbst in den großen Talkshows, denke ich, wäre ich durchaus wohlplatziert gewesen, weil ich eine absolute Expertin bin für den Bereich Digitalisierung, IT, aber auch Biomedizintechnik - und Ärztin bin. Also so eine Kombination gibt es eigentlich gar nicht in Deutschland, auch nicht von einem Mann. Und da hat es mich schon gewundert, dass immer wieder eher die Politiker angefragt worden sind oder reine Virologen. Und ich spreche jetzt nicht nur für mich, sondern tatsächlich für alle Frauen hier in dem Bereich, die Fantastisches leisten gerade."

Liste soll Gesprächspartnerinnen auffindbar machen

Damit Frauen wie Sylvia Thun öfter in die Medien kommen, hat der Verein ProQuote vor kurzem dazu aufgerufen, Expertinnen zur Coronakrise vorzuschlagen. Die Liste soll dabei helfen, Interviewpartnerinnen zu finden. Denn die seien oft nicht so sichtbar, sagt Edith Heitkämper, Vorsitzende von ProQuote und Medizinjournalistin:

"Man muss ein zweites Mal vielleicht noch nachfragen, aber es gibt sie, und da möchten wir helfen, dass diese Hürde einfach kleiner wird, Expertinnen zu finden. Damit einfach mehr Frauen zu Wort kommen, und nicht nur die Männer die Krise und die Welt erklären. Vorbilder werden jetzt geschaffen, auch für die nächsten Generationen, und von allein verändert sich das nicht."

Frankreich: Politik gegen männliche Expertendominanz 

Auch Karin Heisecke von der MaLisa-Stiftung wünscht sich mehr Ausgeglichenheit in den Medien: "Gerade in dieser Krisenzeit können wir es uns ja auch gar nicht erlauben, auf die Expertise und das Wissen von den gut ausgebildeten Frauen, die es gibt in Deutschland, zu verzichten. Also nicht nur in der Darstellung der Medien, sondern insgesamt auch in der Lösung dieser Krisensituation im Moment."

Unsere französischen Nachbarn gehen anders vor: In Frankreich gab es im April so entrüstete Diskussionen über die männliche Expertendominanz, dass die Politik eingriff. Die Staatssekretärin für Gleichstellung beauftragte eine Abgeordnete damit, für mehr weibliche Stimmen in der Berichterstattung zu sorgen. Die Parlamentarierin ist nun im Gespräch mit den großen Medienhäusern.

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