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StartseiteSprechstundeMangelernährung im Alter23.12.2008

Mangelernährung im Alter

Der Ernährungsbericht 2008

Falls die Eltern ins Alten- oder Pflegeheim kommen, glaubt man sie zunächst gut versorgt: Regelmäßige Mahlzeiten sind selbstverständlich im Service inbegriffen. So sollte es zumindest sein. Das Problem daran: Zwar werden Mahlzeiten angeboten, aber die alten Menschen haben manchmal keinen Hunger oder sie vergessen einfach zu essen.

Von Renate Rutta

Ein Pflegebedürftiger wird  in Euskirchen bei Köln von einer Altenpflegerin gefüttert. (AP)
Ein Pflegebedürftiger wird in Euskirchen bei Köln von einer Altenpflegerin gefüttert. (AP)

Die Mahlzeiten in Alten- und Pflegeheimen spielen eine große Rolle: sie strukturieren den Tag, sind Anlass zur Gemeinsamkeit und bringen Abwechslung ins Leben der Bewohner.
Wie gesund die Ernährung in den Heimen allerdings ist, darüber gibt es bisher nur wenige Daten. Im Ernährungsbericht wird nun eine umfassende Studie vorgestellt zur "Ernährung in stationären Einrichtungen für Senioren und Seniorinnen". Prof. Peter Stehle, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE):

"Wir haben dazu 10 Heime in Deutschland rekrutiert und haben dann fast 800 Heimbewohner untersucht. Und wir haben versucht, den Ernährungszustand mit verschiedenen Methoden zu erfassen, also das was den Menschen angeboten wurde, dann nachzuwiegen, was zurückkommt. Wir konnten also tatsächlich eine relativ exakte Bilanz machen über das, was die Menschen tatsächlich gegessen haben."

Erfragt haben die Studienleiter auch den Gesundheits- und Ernährungszustand der Bewohner, haben sie gewogen und an drei Tagen ihren Verzehr protokolliert.

"Ergebnis ist, dass wir in diesen Heimen im Schnitt 10 bis 12 Prozent Mangelernährte haben, wobei der höhere Grad der Mangelernährung festgestellt wird bei Menschen, die dement sind. Also der geistige Zustand, mentale Zustand ist sicher ein Faktor, der den Ernährungszustand beeinflusst, mehr als das Lebensalter."

Die Hälfte der Heimbewohner war laut Studienergebnis gut ernährt oder sogar übergewichtig. Es gibt allerdings noch eine Gruppe von etwa 30 bis 40 Prozent, die ein Risiko für eine Mangelernährung haben. Mangelernährung meint in diesem Fall entweder, dass das Körpergewicht im Verhältnis zur Körpergröße zu niedrig ist oder dass der Bewohner in letzter Zeit einiges an Gewicht verloren hat. Wenn nur kleine Mengen gegessen werden, fehlt es natürlich an Nährstoffen. Ernährungswissenschaftlerin Antje Gahl von der DGE:

"Es gibt dort Unterversorgung insbesondere bei Vitamin D natürlich, bei Vitamin B 12, teilweise Vitamin E und Calcium ist auch nicht besonders gut."

Mehr Fisch, Eier, pflanzliche Fette und Öle, Vollkornbrot oder Vollkorntoast, Milch und Käse, sowie frisches Obst und Gemüse sollten also in den Heimen auf den Tisch kommen. Aber noch andere Faktoren spielen eine Rolle.

"Mit dem Alter nimmt ja die Verdauungstätigkeit ab, teilweise gibt es in der Magensekretion, Magensäfte, etwas Probleme oder beim Vitamin B 12 fehlt ein bestimmter Faktor im Magen, so dass die Vitamin B 12-Aufnahme nicht mehr so gut ist, rein physiologisch. Andererseits sind es Kau- und Schluckstörungen, mit denen die Personen zu kämpfen haben, teilweise aber auch mangelnder Appetit oder eben auch der Geschmackssinn lässt nach, Geruchssinn lässt nach, man sieht dann gar nicht mehr so richtig, was vor einem auf dem Teller liegt oder die Farben nimmt man nicht mehr so wahr. Das sind alles Faktoren, die die Nahrungsaufnahme oder eben auch den Ernährungszustand mit beeinflussen können."

Außerdem dehnt sich der Magen langsamer und meldet dadurch schneller: ich bin satt und so geht der halbvolle Teller zurück. Pflegekräfte sollten sich also mehr mit dem Thema Ernährung befassen, wünscht sich Prof. Stehle:

"Und dass sie in ihrem täglichen Alltag im Umgang mit den Bewohnern auch diese Dinge angucken, das heißt gucken, was essen die Menschen, wie entwickelt sich das Körpergewicht über die letzten Wochen, gibt es Vorlieben, gibt es etwas, was die Person nicht isst. Daraus kann man schon relativ einfach Ableitungen machen, was sich möglicherweise für ein Risiko entwickelt. Das ist das, was ich mir von den Pflegekräften wünsche."

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