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StartseiteCampus & KarriereMit Zuwanderung den Fachkräftemangel abfedern 09.10.2015

Mangelware Azubis Mit Zuwanderung den Fachkräftemangel abfedern

Volle Hörsäle, leere Werkbänke - eine Studie der Bertelsmann-Stiftung prognostiziert, dass sich jenes Ungleichgewicht in 15 Jahren stark verstärkt haben wird. Die Ausbildungsbetriebe sollten diese Entwicklung kompensieren, indem sie sich Zuwanderern und Flüchtlingen stärker öffnen, sagte Stiftungs-Mitarbeiter Clemens Wieland im Deutschlandfunk.

Clemens Wieland im Gespräch mit Sandra Pfister

Ein Zettel mit der Aufschrift "Ausbildung" liegt am 16.07.2015 in einem Klassenzimmer auf einem Tisch vor einer Schülerin einer zehnten Klasse des Eugen-Bolz-Gymnasium in Rottenburg (Baden-Württemberg). (picture-alliance/ dpa / Wolfram Kastl)
Neben den Betrieben müsse auch der Staat Zuwanderer fit für eine Ausbildung auf dem deutschen Arbeitsmarkt machen - zum Beispiel durch Sprachförderung. (picture-alliance/ dpa / Wolfram Kastl)
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Sandra Pfister: Deutschlands Hochschulen melden Rekorde. Handwerker und andere Ausbildungsbetriebe hingegen bekommen nicht mehr genügend Lehrlinge. Kürzlich hat Sigmar Gabriel als Wirtschaftsminister versucht, gegenzusteuern. Es gebe eine Fehlwahrnehmung, dass man nur mit Abitur und Studium ein anständiger Mensch sei in Deutschland. Es sieht aber so aus, als ob der Trend, volle Hörsäle, leere Werkbänke, so schnell nicht zu stoppen sei. Wo sollen in 15 Jahren noch genügend Lehrlinge herkommen? Genau diese Frage stellt man sich, wenn man eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung liest. Mitverfasst hat sie Clemens Wieland, und der ist jetzt bei uns am Telefon. Herr Wieland, fangen wir kurz von vorne an: Noch nie war Studieren so beliebt wie jetzt, haben wir gehört. Sie sagen voraus, dass das in 15 Jahren in Deutschland immer noch so sein wird. Was macht Sie da so sicher?

Clemens Wieland: Was wir getan haben in dieser Untersuchung, ist, wir haben die Trends der letzten Jahre einfach mal fortgeschrieben, um zu schauen, wie sich das in 15 Jahren darstellen wird, wenn sich die Entwicklung, die bisherige, so fortsetzt. Und wir hatten ja nun 2013 das erste Mal die Situation, dass wir mehr Studienanfänger als Azubis im ersten Lehrjahr hatten. Und wenn das so weitergeht, dann werden wir im Jahr 2030 einen deutlichen Rückgang an Auszubildenden in der dualen Ausbildung haben.

Pfister: Aber es könnte sich ja wieder drehen, wenn zum Beispiel die Akademikerarbeitslosigkeit steigt, sagen wir mal.

Wieland: Das kann man natürlich nie vorhersagen. So ein Trend, wie gesagt, das ist eine Fortschreibung der Entwicklung der letzten Jahre. Wir haben unterschiedliche Szenarien berechnet. Da sind auch Annahmen drin, wie es sein könnte, wenn die Akademikerquote ein bisschen zurückgeht und wenn es gelingt, mehr Jugendliche in die Ausbildung zu integrieren. Aber der Korridor, der bei den drei Szenarien zu sehen ist, ist, dass die Schere größer wird zwischen Studium und Ausbildung.

Pfister: Wird der Trend gefährlich für die Ausbildungsbetriebe nach Ihrer Prognose, weil ihnen wirklich Fachkräfte fehlen, oder können sie das kompensieren durch beispielsweise Zuwanderer?

Wieland: Sie sollten das kompensieren durch Zuwanderung. Unsere Empfehlung ist, dass die Ausbildungsbetriebe sich einfach stärker öffnen sollten auch für Jugendliche mit, ich sage mal, schwierigeren Ausgangsbedingungen, Jugendliche mit Benachteiligungen, Ausländer, vielleicht auch Flüchtlinge. Da sind aber nicht nur die Betriebe gefragt, sondern auch der Staat, der Unterstützungsleistungen anbieten sollte, zum Beispiel eine individuelle Begleitung, Übergangsbegleitung, Sprachförderung, damit diese Jugendlichen auch in der Ausbildung Fuß fassen können.

Junge Leute wollen akademische Ausbildung mit starker Praxisorientierung

Pfister: Umgekehrt ist es so: Die Ambitionen der Schulabgänger, die ja unbedingt studieren wollen, die lassen sich ja nicht so einfach vom Tisch wischen. Sehen Sie da eine Lösung, die ihre Bedürfnisse nach einem akademischen Abschluss ernst nimmt, aber trotzdem auch den Betrieben hilft?

Wieland: Ein interessantes Ergebnis dieser Untersuchung ist, den stärksten Zuwachs oder den einzig absoluten Zuwachs haben die Studiengänge, die Theorie und Praxis miteinander verbinden, also zum Beispiel die Fachhochschulen oder die sogenannten Dualen Studiengänge. Das heißt, die jungen Leute wollen zwar immer stärker in eine akademische Laufbahn, aber sie wollen gleichzeitig Praxisorientierung. Und das ist natürlich auch eine Lösung. Wir sollten künftig nicht mehr das Ausbildungssystem und das Studium so gegeneinander ausspielen, sondern eher gucken, wo sind auch verbindende, was haben die auch Verbindendes. Und sehr praktisch orientierte Studienwege, die können natürlich auch den Fachkräftebedarf abfedern.

Pfister: Bedeutet das, nur die Fachhochschulen ausbauen, oder verlangen Sie den Universitäten da einfach auch mehr ab?

Wieland: Das kommt immer auf die Fachrichtungen an. Aber je – Betriebspraktika bewähren sich immer, in jeder Form von Ausbildung. Die kann man grundsätzlich empfehlen. Es ist einfach die Beobachtung, dass die Jugendlichen am stärksten – also die stärksten Zuwachsraten da verzeichnet werden, wo eben solche Studienangebote erbracht werden mit hohen Praxisanteilen. Das sind, wenn Sie so wollen, die Gewinner dieser Entwicklung.

Pfister: Clemens Wieland hat für die Bertelsmann-Stiftung eine Prognose erstellt, nach der der Zulauf an den Hochschulen bis 2030 ungebrochen anhalten wird.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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