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StartseiteForschung aktuellHumanoide Roboter können Kinder zu falschen Aussagen verleiten20.08.2018

Manipulation durch GruppenzwangHumanoide Roboter können Kinder zu falschen Aussagen verleiten

Können knuffige Plastik-Männchen mit schwarzen Kulleraugen Menschen dazu bringen, ihre Meinung zu ändern? Ein Verhaltensexperiment mit humanoiden Robotern belegt: Durch sozialen Druck können sie Kinder dazu verleiten, Dinge zu behaupten, die ihrer Überzeugung widersprechen. Das Risiko der Manipulation ist real.

Von Volkart Wildermuth

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Roboter "Emma" steht in Kiel in einer Demenz-Wohngruppe der Diakonie Altholstein (dpa/Carsten Rehder)
Menschen lassen sich am besten von sozialen Maschinen beeinflussen, wenn diese unfreundlich wirken, haben britische Forscher herausgefunden (dpa/Carsten Rehder)
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Künstliche Intelligenz Die Roboter kommen näher

Roboter in der Pflege Tanz mit dem Maschinenwesen

Manche Roboter sind bloße mechanische Arbeitssklaven, sie arbeiten in Fabriken oder saugen den Fußboden. Andere sollen demnächst soziale Funktionen übernehmen, in der Pflege, in der Therapie oder auch in Schule.

"Diese Roboter müssen sehr überzeugend sein. Sie müssen Leute dazu bringen, eine Diät einzuhalten oder etwas zu lernen."

Tony Belpaeme konstruiert an der Universität im englischen Plymouth zum Beispiel Roboter für den Fremdsprachenunterricht in der Schule oder zur Unterstützung von Kindern mit Störungen aus dem autistischen Spektrum. In seiner aktuellen Studie hat er untersucht, wieviel Einfluss Roboter auf Menschen nehmen. Dazu nutzt er ein bekanntes Experiment aus der Psychologie zur Messung von Gruppendruck.

Die Versuchsperson kommt in einen Raum und soll sagen, welche von vier Linien gleich lang sind. Kein Problem, wenn man alleine ist, aber wenn andere dazukommen und voller Überzeugung die falsche Antwort geben, dann beugen sich viele Menschen dem Gruppendruck und geben selbst die falsche Antwort, obwohl sie es besser wissen. Tony Belpaeme hat das Experiment mit kleinen humanoiden Robotern wiederholt.  

"In dem Raum sitzen drei Roboter, die Versuchsperson guckt auf die Linien und die Roboter geben die falsche Antwort. Es zeigt sich, dass sich Erwachsene nicht beeinflussen lassen. Sie gucken auf die Roboter, denken "schräge Antwort" und bleiben bei ihrer Meinung. Sie empfinden bei Robotern keinen sozialen Druck."

Kinder reagieren anders auf Roboter

Allerdings waren die Roboter auch wenig beeindruckend. Nao ist nur einen halben Meter groß und guckt sehr freundlich. Im nächsten Schritt hat Tony Belapeme das Experiment mit Grundschülern wiederholt.  

"Drei Roboter, das Kind und dieselbe Aufgabe. Aber das Ergebnis ist anders, die Kinder kopieren die falschen Antworten der Roboter. Wenn ein Kind einen Fehler macht, dann in 74 Prozent der Fälle, weil die Roboter die falsche Antwort gegeben haben.

Das zeigt: Kinder reagieren auf sozialen Druck durch Roboter. Sie wissen, die Antwort ist falsch und trotzdem kopieren sie die Roboter."

Der Effekt ist nicht besonders groß, meistens bleiben die Kinder bei ihrer Meinung, aber immer wieder lassen sich einige von der Mehrheit der Roboter umstimmen. Für die soziale Macht der Maschinen ist im Übrigen nicht das freundliche Aussehen entscheidend. Eine weitere Studie in "Science Robotics" zeigt, dass sich Erwachsene besser konzentrieren, wenn sie sich von einem unfreundlichen Roboter beobachtet fühlen.

Einen ähnlichen Effekt konnte Tony Belpaeme beobachten, als einer seiner Roboter Grundschülern die Primzahlen beibringen sollte. Eine Version sprach die Kinder mit Vornamen an und war sehr hilfsbereit. Die andere spulte einfach nur den Lerninhalt ab.

"Zu unserer Überraschung lernten die Kinder von dem mürrischen Roboter mehr, als von der freundlichen Version."

Strengere Roboter könnten also effektiver sein, wenn es darum geht ein bestimmtes Verhalten zu fördern. Die soziale Kontrolle durch Roboter ist also durchaus eine reale Möglichkeit.

"Es wäre falsch, überzureagieren und zu sagen: Roboter dürfen nicht in die Nähe von Kindern kommen. Das ist eine neue Technologie, mit der man Dinge erreichen kann, die vorher nicht möglich waren. Wenn sie abnehmen wollen und für zwei Monate einen Roboter bekommen, der sie dazu drängt, gesünder zu essen und die Schokolade wegzulassen, dann ist sozialer Druck hilfreich. Aber wir sollten mögliche negative Konsequenzen im Auge behalten."

Klare Regeln im Umgang mit Kindern gefordert

Tony Belpaeme plädiert für klare Regeln. So wie zum Beispiel Werbung Kindern keine Lust auf Alkohol oder Zigaretten machen darf, so sollten auch soziale Roboter im Umgang mit Kindern klare Vorgaben einhalten. Unter diesen Bedingungen könnten sie gerade in der Schule hilfreich sein. Nicht um menschliche Lehrer zu ersetzten, sondern um sie zu unterstützen.

"Es gibt heute kaum Zeit für Einzelbetreuung. Da können Roboter helfen und einzelnen Kindern maßgeschneiderte Lerneinheiten vermitteln. Darin, denke ich, liegt die Zukunft der Roboter im Klassenzimmer. "

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