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StartseiteWissenschaft im BrennpunktManuskript: Kampf den Keimen Teil 226.08.2012

Manuskript: Kampf den Keimen Teil 2

Das Goldene Zeitalter der Antibiotika dauerte rund zwei Jahrzehnte – bis zur Mitte der 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Danach lernten immer mehr Bakterien, sich gegen die Medikamente zur Wehr zu setzen. Vor allem auf den Intensivstationen der Krankenhäuser bildeten Keime in Windeseile Resistenzen aus, weil dort der Selektionsdruck am größten war.

Von Arndt Reuning

Massentierhaltung fördert Resistenzbildung (AP)
Massentierhaltung fördert Resistenzbildung (AP)

Komm, ich zeige Dir den Ort, wo das Fleisch wächst. In den endlosen Hallen ohne Tageslicht.

Hermann Focke: "In Riesenstallanlagen werden auf engstem Raum Tausende von Tieren zusammen gepfercht."

In engen Käfigen reibt sich das Fleisch aneinander.

"Hinzu kommt, dass die Tiere, dass sie auf sogenannten Betonspaltenböden gehalten werden, sich die Klauen und auch teilweise durch vieles Liegen Gliedmaßen verletzen mit bleibenden Schäden."

Sie haben dem Fleisch eine Kette aus Eisen in den Käfig gehängt, damit es spielen kann. Aber das Fleisch spielt nicht.

"Der normale Spieltrieb wird unterdrückt. Und dann fangen die Ferkelchen an, sich gegenseitig die Schwänze abzubeißen und sich zu verletzen am After und so weiter. Teilweise also mit schlimmen Folgen."

Die Luft stinkt nach Exkrementen. Und dem Fleisch beißt der Gestank im Hals und in den Lungen.

"Das führt häufig zu Atemwegserkrankungen. Zu einem nicht unerheblichen Teil sind zum Beispiel die Lungen von Mastschweinen heute derartig verändert, dass sie verworfen werden müssen. Die werden dann abgeschnitten, gehen in die Tonne und werden dann als Viehfutter, nicht?"

Und so geben sie dem Fleisch Medikamente gegen die Krankheiten im Stall. Doch je mehr sie ihm geben, desto weniger helfen sie.

"Denn wir haben es nicht mehr fünf Minuten vor zwölf, es ist schon weit nach zwölf."

Eine ländliche Idylle im Norden der Republik. Ein Flickwerk von Wiesen, Wassergräben und kleinen Wäldchen. Der Sommerwind streicht durchs Geäst der Bäume. Hier und dort ein paar Kühe auf der Weide. Ein einsames, rotes Backsteinhaus. Dahinter ein Stall und eine Koppel, auf der drei Pferde grasen.

"Das ist unser Ruby, auf der rechten Seite der braune. Und der kleine daneben, den haben wir erst ein paar mal unterm Sattel gehabt."

Die Idylle trügt: Auch hier in Ostfriesland habe jener Konzentrationsprozess stattgefunden, der die deutsche Landwirtschaft prägt, sagt der Tierarzt Hermann Focke, der mittlerweile im Ruhestand lebt.

"Früher waren hier in dem Ort Hollen 18 oder 20 landwirtschaftliche Betriebe, sprich Bauern. Und heute gibt es, glaube ich, noch drei. Die aber vor 20 Jahren 20 Kühe hatten, aber heute 80, 90."

Die intensive Viehhaltung in landwirtschaftlichen Großbetrieben setzt die Tiere außergewöhnlichen Strapazen aus. Strapazen, die sie nur deshalb überstehen, weil sie ausgiebig mit Medikamenten behandelt werden, sagt Hermann Focke. Im vergangenen Jahr hat er ein Buch veröffentlicht mit dem Titel: "Die Natur schlägt zurück – Antibiotikamissbrauch in der intensiven Nutztierhaltung". Darin bezieht er sich auch auf seine Erfahrungen, die er als Veterinärmediziner im niedersächsischen "Schweinegürtel" gesammelt hat.

"Ich war ja Leiter eines der größten Veterinärämter in Deutschland, des Veterinäramts in Cloppenburg. Da ist mir eigentlich erst bewusst geworden, was Agrarindustrie für unsere Nutztiere bedeutet: viele Tiere auf engstem Raum, nicht artgerechte Haltung, Gewinnmaximierung."

Auch Bakterien geraten bei dieser Art der Tierhaltung enorm unter Druck. Nur die fittesten überleben: eine ernst zu nehmende Gesundheitsgefährdung. Focke:

"Und dann auch nicht nur die Gesundheitsgefährdung der Tiere, sondern ich meine jetzt auch die Gesundheitsgefährdung des Menschen, die weiterhin zunimmt – Resistenzbildung und alles, was damit zusammen hängt."

Das Phänomen an sich ist nicht neu: Wo immer Bakterien mit Antibiotika zusammen kommen, setzen sich jene Stämme durch, denen diese Medikamente am wenigsten anhaben können. Unter dem Selektionsdruck bilden sich bald schon widerstandsfähige Keime. Die Ställe und Käfige sind damit zu einer potenten Brutstätte für resistente Erreger geworden. Bisher hatte man diese Tendenz vor allem in Krankenhäusern beobachten können, sagt der Bonner Mikrobiologe Hans-Georg Sahl.

"Die dramatischen Entwicklungen in der Klinik haben eigesetzt seit Mitte der 70er-, Anfang der 80er-Jahre. Wobei es im wesentlichen in der Klinik zu Resistenzen gegen die viel eingesetzten penicillinartigen Antibiotika kam. Aber auch dann spezialisierte Antibiotika, die im wesentlichen für ganz schwere Fälle reserviert worden sind, haben langsam aber sicher ihre Wirkung in der Klinik verloren. So dass wir heute – durchaus ohne in Panikmache zu verfallen – sagen müssen: Es gibt einige Infektionen mit einigen Erregern, für die wir keine geeigneten Antibiotika mehr haben."

Doch die Situation in den Käfigen und Ställen der industriellen Tiermast ähnelt in gewisser Weise den Bedingungen in den Krankenhäusern. Es wimmelt dort nur so von einer Vielzahl von Bakterien. Die Tiere erhalten über einen längeren Zeitraum Antibiotika. Und die hohe Besatzdichte und der enge körperliche Kontakt tun ein Übriges dafür, dass sich die Erreger in den Beständen ausbreiten können. Obwohl die Zusammenhänge einleuchten, ist dem Problem jedoch in der Vergangenheit wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden.

"Bekannt ist es relativ lange schon, dass es in der Viehzucht diese Erscheinungen gibt. Man hat das letztlich vielleicht gegebenenfalls nicht so als bedeutsam erachtet. Man weiß es schon eigentlich seit Mitte der 90er-Jahre, seit Anfang der 2000er-Jahre, dass es Resistenzen auch im Bereich von Tieren gibt. Nur ist man dem nicht so intensiv nachgegangen wie in der Humanmedizin."

Doch das ändert sich zur Zeit, sagt der Mikrobiologe und Umwelttechniker Peter Kämpfer, Professor an der Universität Gießen. Eine Vielzahl von Forschungsprojekten widmet sich mittlerweile den resistenten Erregern aus dem Stall und den Risiken, die von ihnen für die Umwelt und die Verbraucher ausgehen. Risiken, die erst durch den sorglosen Umgang mit diesen Tierarzneimitteln entstanden sind. Kämpfer:

"Es ist so, dass Resistenzentstehung natürlich umso wahrscheinlicher ist, umso größer der Kontakt zwischen Antibiotikum und der Bakterienpopulation ist. Das bedeutet im Umkehrschluss: Je stärker der Einsatz von Antibiotika, umso wahrscheinlicher ist es, dass die Mikroorganismen Resistenzen entwickeln."

Gerade in der Geflügelmast ist es üblich, die Arzneimittel nicht einzelnen Tieren zu verabreichen, sondern zum Beispiel über das Trinkwasser den ganzen Bestand zu behandeln. Außerdem war es bis vor wenigen Jahre noch EU-weit erlaubt, Antibiotika nicht als Medikament zu verwenden, sondern als sogenannte Leistungsförderer. Die gesunden Tiere erhielten dann Dosen, die im Krankheitsfall zu gering gewesen wären, um eine Heilung zu erreichen. Die Wirkstoffe sollten dazu beitragen, unerwünschte Bakterien im Magen und Pansen der Tiere zu bekämpfen, und eine bessere Futterverwertung gewährleisten, erklärt Hermann Focke.

"Gerade wenn ich geringe Mengen Antibiotika, so subtherapeutische Dosen, anwende, dann kommt es zwar zu einer Verbesserung des Stoffwechsels im Magen-Darm-Trakt des Tieres und es kommt zu schnellerem Wachstum."

Doch der Entstehung von Resistenzen wird damit natürlich Vorschub geleistet. Um dem entgegen zu wirken, trat im Jahr 2006 europaweit eine Verordnung in Kraft, die solch eine pharmazeutische Leistungsförderung verbot. Hermann Focke glaubt jedoch nicht daran, dass sich die Praxis in den Tierställen dadurch substanziell geändert hat. Dabei stützt er sich auf Umsatzdaten der Branche für Tierarzneimittel, welche er für sein Buch zusammen getragen hat.

"Tatsache ist, dass ab dem 1.1.2006, wo jetzt die EU-Verordnung griff, im Jahr 2006 die Umsätze sogar angestiegen sind, nicht 20 oder 25 Prozent weniger, sondern noch um sieben Prozent zugenommen haben. Und für 2007 dann noch einmal wieder um 9,2."

Rund 900 Tonnen Antibiotika wurden im Jahr 2010 in deutschen Tierställen eingesetzt. Das ist eine Angabe, die der Bundesverband für Tiergesundheit gemacht hat, also jene Organisation, welche die Hersteller von Tierarzneimitteln in Deutschland vertritt. Detailliertere Informationen liegen zur Zeit jedoch nicht vor. Eine bundesweite Verordnung soll das nun ändern. In diesem Jahr mussten die Pharmaunternehmen erstmals ihre Antibiotika-Lieferungen aus 2011 melden. Das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information, kurz DIMDI, erfasste die Daten: die Wirkstoffe, die Mengen und die ersten beiden Ziffern der Postleitzahl der Tierarztpraxis, welche die Medikamente erhalten hat. Die Daten hatten ursprünglich im Sommer veröffentlicht werden sollen, werden jetzt aber voraussichtlich erst im Herbst vorgelegt. Fest steht jedoch: Das Spektrum der Wirkstoffe überschneidet sich durchaus mit Medikamenten, die auch menschlichen Patienten verschrieben werden, bestätigt der Lebensmitteltoxikologe Gerd Hamscher, der an der Universität Gießen mit Peter Kämpfer kooperiert.

"Zum Teil werden die gleichen Wirkstoffe eingesetzt, aber wie gesagt nur zum Teil. Bestimmte Antibiotika hat man ausdrücklich für den Menschen reserviert. Und so haben wir zur Zeit in der Tiermedizin diese Situation, dass vor allem ältere Substanzen eingesetzt werden, die aber durchaus die gleichen Wirkmechanismen haben wie modernere Antibiotika, die in der Humanmedizin eingesetzt werden. Aber es gibt auch einige Substanzen, die können sie 1:1 im Einsatz übertragen."

Es ist nicht auszuschließen, dass im Viehstall resistente Keime entstehen, die auch für Menschen eine Bedrohung darstellen. Am Bundesinstitut für Risikobewertung, BfR, in Berlin beschäftigt sich der Veterinärmediziner Bernd-Alois Tenhagen mit dieser Problematik. Er hat die Resistenzsituation bei solchen Bakterien im Blick, die zu den natürlichen Bewohnern von Tier und Mensch gehören – und erst einmal keine direkte Gefahr darstellen.

"Wir haben im Moment die Situation, dass bei den Keimen, die für die Tiere erst einmal unproblematisch sind, wir eine Zunahme von Antibiotikaresistenzen sehen gegen Antibiotika, die für die Humanmedizin besonders wichtig sind. Und das ist natürlich etwas, was uns beunruhigt."

Zu diesen Bakterien gehören zum Beispiel die Darmbewohner Escherichia coli. Sie finden sich bei Mensch und Tier im Verdauungstrakt, ohne irgendeinen Schaden anzurichten. Trotzdem bergen sie zunehmend in ihrem Erbgut Gene, die sie unempfindlich gegen eine bestimmte Klasse von Breitband-Antibiotika aus der Humanmedizin machen.

"Und diese Keime haben Resistenzen gegen Cephalosporine erworben im Lauf der letzten Jahre. Das hat sehr stark zugenommen in den Mastbetrieben. Und wir sehen eben mit Sorge, dass über diese harmlosen Keime, die auch im Lebensmittel zu finden sind, die Keime auch zum Menschen gelangen, und dort die Resistenzen auf andere Keime übertragen werden können."

Solch ein Gentransfer ist für Bakterien nichts Ungewöhnliches. Sie verfügen über ein äußerst flexibles Erbgut. Gerade viele Resistenzgene liegen auf kleinen, ringförmigen DNA-Molekülen. Diese Plasmide sind äußerst mobil und können leicht von Zelle zu Zelle weitergegeben werden. Tenhagen:

"Die Keime nehmen dann Kontakt auf und tauschen sozusagen Genmaterial aus. Und das geht nicht nur zwischen Keimen derselben Art, so wie wir es aus der Säugetierbiologie kennen, sondern das geht auch sehr gut zwischen Keimen unterschiedlicher Arten. Also diese Gene können beispielsweise von Escherichia coli, also dem klassischen Darmbewohner, auch auf Salmonella übertragen werden oder auf Klebsiella, also andere Keime einer ähnlichen Keimgruppe. Da besteht ein reger – in Anführungsstrichen – Austausch. Und von daher sehen wir das mit Sorge und drängen darauf, dass diese Keime in der landwirtschaftlichen Produktion zurück gedrängt werden."

Die Antibiotika-Behandlungen der Schweine, Hühner und Rinder bringen solche resistenten Bakterien im Stall hervor. Doch haben sich die Keime dort erst einmal durchgesetzt, können sie auch zum Verbraucher gelangen – zum Beispiel über das rohe Fleisch der Schlachttiere. Und gelangen die widerstandsfähigen Keime in den menschlichen Körper, tauschen sie dort möglicherweise ihre Erbinformation mit Krankheitserregern aus, die dem Menschen gefährlich werden können – unter Umständen.

Neben den eigentlich harmlosen Darmbewohnern gewinnt besonders in der Schweinemast aber zunehmend auch ein Bakterium an Bedeutung, das man eigentlich aus einer anderen Umgebung kennt: Staphylococcus aureus. Es galt bisher als typischer Vertreter resistenter Krankenhauskeime. Das Bakterium ist ein häufiger Gast bei menschlichen Trägern. Bei rund vierzig Prozent der Bevölkerung besiedelt es die Haut oder die Nasenschleimhäute, ohne Beschwerden auszulösen. Gefährlich wird es, wenn der Erreger in den Körper gelangt. Dann kann er zu schweren Wundinfektionen führen, außerdem zu Blutvergiftung, Lungenentzündung oder zu einer Entzündung der Herzinnenhaut. MRSA ist eine resistente Variante, die unempfindlich ist gegen das Antibiotikum Methicillin – und meistens auch gegen eine ganze Reihe weiterer Wirkstoffe. Die Relevanz von MRSA in der Tierzucht ist seit rund zehn Jahren bekannt, sagt Robin Köck vom Universitätsklinikum Münster.

"Wir wissen, dass insbesondere in der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung, das heißt wo man Schweine hält, wo Rinder gehalten werden, wo Geflügel gehalten wird, dass diese Tiere sehr häufig mit MRSA besiedelt sind. Am besten untersucht ist das im Moment für schweinehaltende Betriebe in Deutschland, wo wir wissen, dass man MRSA in 50 bis 70 Prozent der Betriebe finden kann in Tieren."

Der Mediziner koordiniert einen Forschungsverbund, im dem die MRSA-Keime, die in der Viehzucht vorkommen, näher charakterisiert werden sollen. Ob sich die Tier-MRSA von den resistenten Staphylokokken aus dem Krankenhaus in ihrer Aggressivität und Übertragbarkeit unterscheiden, soll das Forschungsvorhaben noch ergründen. Genetisch lassen sich beide Stämme eindeutig voneinander unterscheiden – mit Hilfe eines genetischen Fingerabdrucks. Und so können die Experten auch nachvollziehen, ob die resistenten Keime den Stall bereits verlassen haben. Finden sie die Signatur des Tier-MRSA auch bei den Keimen am Menschen, hat eine Übertragung über die Artgrenze hinaus stattgefunden. Köck:

"Was man sagen kann zu der Bedeutung für die Allgemeinbevölkerung ist, dass wir im Moment sehen, dass dieser Keim natürlich übertragen wird von den Tieren auf Menschen, die direkten Tierkontakt haben. Das heißt in der Regel die Landwirte. Da wissen wir, dass 70 bis 80 Prozent der Landwirte, die Schweinehaltung betreiben, immer mal wieder oder auch dauerhaft mit diesem Tier-MRSA in ihrer Nase besiedelt sind. Oder auch andere Berufsgruppen wie Tierärzte beispielsweise oder Schlachthofpersonal tragen sehr viel häufiger als die Allgemeinbevölkerung solche tierassoziierten MRSA auf der Haut oder in der Nase."

Menschen, die nicht in direkten Kontakt mit den Schweinen, Rindern, Hühnern und Puten kommen, könnten die resistenten Keime ebenfalls frei Haus geliefert bekommen – auf dem Fleisch der geschlachteten Tiere. Robin Köck allerdings glaubt nicht, dass das Risiko hierfür besonders groß ist.

"Wir wissen, dass dieser Tier-MRSA auch in Fleisch nachgewiesen werden kann. Allerdings ist es so, dass die bisherigen Untersuchungen eigentlich zeigen, dass diese Kontaminationen nur recht geringgradig sind, also es sind keine hohen Keimmengen, die in dem Fleisch nachweisbar sind. Und man hat bislang auch nicht beobachtet, dass es Lebensmittelinfektionen durch diesen Erreger gegeben hätte."

Die Ausbreitung von MRSA aus dem Tierstall auf Menschen außerhalb ist auf alle Fälle ein regionales Phänomen. Auf Deutschland insgesamt bezogen ist die Zahl der Besiedelungen von Menschen mit Tier-MRSA bisher noch gering. Aber in landwirtschaftlich ausgerichteten Gegenden kann das schon anders aussehen. Robin Köck:

"Wenn man beispielsweise hier im Münsterland, einer Region, wo eine hohe Nutztierhaltungsdichte vorherrscht – man kann ganz grob sagen, dass auf einen Münsteraner zwei Schweine kommen, die hier in der Region gehalten werden – das heißt, wenn man irgendwo diesen Erreger vermuten würde, auch bei Menschen, dann ist das wohl hier und im niedersächsischen Raum. Und da konnten wir zeigen, dass es durchaus ein relevanter Erreger ist, den wir auch hier in Krankenhäusern finden. Das heißt, bei Aufnahme dann ist es so, dass hier in der Region dieser Tier-MRSA etwa dreißig Prozent aller MRSA, die wir hier in den Krankenhäusern finden, ausmacht."

Ein Austausch der Erreger zwischen den beiden bedeutenden Reservoirs für resistente Bakterien, zwischen Klinik und Stall, kommt also durchaus vor – höchstwahrscheinlich über besiedelte Menschen, die in der Viehzucht arbeiten. Daneben kann man sich aber auch noch weitere Ausbreitungswege vorstellen, auf denen die Keime den Stall verlassen können – als so genannter Wirtschaftsdünger. Unter dieser Bezeichnung fasst man Gülle, Dung, Mist und Trockenkot aus der Geflügelhaltung zusammen. Dieser Dünger wird auf dem Acker ausgebracht, befrachtet möglicherweise mit resistenten Bakterien und Antibiotika, die im Körper der Tiere nicht abgebaut worden sind.

Gerade hat Joost Groeneweg sich einen weißen Kittel übergestreift und ein Dosimeter ans Revers geheftet. Ein Schild an der Tür weist darauf hin, dass er sich nun im Kontrollbereich befindet, wo mit radioaktiven Stoffen hantiert wird. Am Forschungszentrum Jülich arbeitet der Biologe an einem Verbundprojekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit. Er möchte das Schicksal der Gülle verfolgen, die als so genannter Wirtschaftsdünger auf Äcker und Felder gebracht wird. Als Werkzeug dafür dienen radioaktiv markierte Antibiotika.

"Wir sind jetzt im Freigelände, wo wir die Versuche mit Radioaktivität durchführen können. Und Sie sehen hier Mais, kleine Parzellen. Und wir werden jetzt mal zu einem Lysimeter hier links um die Ecke gehen."

Hinter einem Glashaus steht ein großer, quaderförmiger Behälter aus Edelstahl – ein Lysimeter. In ihm kann unter kontrollierten Versuchsbedingungen nachgestellt werden, welche Prozesse im natürlichen Erdboden ablaufen.

"Ein Ein-Quadratmeter-Lysimeter. Diese Lysimeter haben wir auch benutzt für die Durchführung der Versuche mit der Gülle. Und zwar ist das ungefähr 1,1 Meter tief, ein Edelstahlbehälter. Der wird auf dem Acker aufgesetzt und dann eingepresst in den Boden, dann unten abgeschnitten und nach Jülich transportiert, dann in eine zweite Wanne gepackt. Und unten wird ein Sieb angebracht, und dann können wir hier das Sickerwasser praktisch auffangen aus diesem Lysimeter."

Auf den Erdboden in dem Behälter brachten die Forscher Gülle auf, in der sowohl Bakterien als auch Medikamente schwammen. Die Gülle stammte von Schweinen, die zuvor mit dem Arzneimittel Sulfadiazin behandelt worden waren. Dieser Wirkstoff gehört zur Klasse der Sulfonamid-Antibiotika und wird häufig in der Schweinemast verwendet. Das Sulfadiazin, das die Schweine erhielten, war radioaktiv markiert, so dass die Jülicher Wissenschaftler seine Spur im Erdboden und im Wasser verfolgen konnten. Groeneweg:

"Der Versuch lief dann über drei Jahre, wo wir drei Jahre lang das Sickerwasser aufgefangen haben. Und danach wurde dieser Lysimeter schichtchenweise beprobt, so dass wir über die gesamte Tiefe von 1,1 Meter sehen konnten, wo die Radioaktivität stecken geblieben ist."

Zwei Bodentypen haben die Biologen untersucht: einen lehmhaltigen und einen eher sandigen Boden.

"In beiden Fällen ungefähr ein halbes bis ein Prozent der Radioaktivität, die wir oben aufgegeben hatten, wurde im Sickerwasser gefunden."

Ein gewisser Anteil des Antibiotikums blieb in den oberen Bodenschichten gebunden und konnte dort auf die Bakterien einwirken. Das waren zum einen die Keime, die aus dem Stall stammten. Und zum anderen die natürlichen Bodenbakterien. Beide standen nun unter einem Selektionsdruck durch die Anwesenheit des Antibiotikums. Der Bodenkundler Jan Siemens von der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn war ebenfalls an dem Projekt beteiligt:

"Ein Ergebnis, was sich relativ konsistent gezeigt hat, ist, dass wenn Sulfadiazin in dem Wirtschaftsdünger drin ist, dann hat es einen – ich sag mal – synergistischen Effekt. Die Anwesenheit von dem Sulfadiazin sorgt dafür, dass über längere Zeit ein erhöhter Level von Resistenzgenen, die die Resistenz gegen dieses Sulfadiazin bewirken, im Boden beobachtet werden kann. Hält sich länger auf einem höheren Level als wie wenn kein Sulfadiazin in der Gülle drin gewesen wäre. Das ist eine Sache, die relativ konsistent in den Arbeiten rausgekommen ist."

Die Wirkung des Medikaments auf die Bakterien hängt davon ab, wie lange es mit ihnen in Kontakt steht. Bei dem Sulfadiazin konnten die Forscher zeigen, dass der Wirkstoff zunächst einmal nicht aktiv ist, weil er ans Erdreich gebunden wird, in einer Art Zwischenspeicher. Siemens:

"Und aus diesem Speicher läuft es dann aber eine Zeit lang sehr langsam dann wieder raus, so dass es einen sehr niedrigen Level an gelöstem oder nur leicht gebundenem Sulfadiazin über lange Zeit aufrecht erhält."

Möglicherweise ist diese niedrige Konzentration ausreichend, um den Fortbestand der Resistenzgene zu gewährleisten. Einen einfachen Zusammenhang zwischen der Dosis des Antibiotikums und seiner Wirkung zu finden, bleibe aber noch immer eine Herausforderung, sagt Jan Siemens. Doch das Bewusstsein für diese Problematik sei eindeutig geweckt.

"Es ist einfach so, dass wir in der wissenschaftlichen Community, aber auch in der Öffentlichkeit im Moment halt ein sehr starkes Interesse an diesem Thema wahrnehmen. Als wir vor sechs oder sieben Jahren mit der Forschungsgruppe der DFG gestartet sind, da waren wir neben einem EU-geförderten Projekt noch ziemlich einsam auf diesem Feld. Man konnte die Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen, die sich dem Thema widmeten, sehr leicht überblicken. Und mittlerweile geht das fast exponentiell nach oben."

Auf der einen Seite stehen die neuen Erkenntnisse zur Verbreitung der Resistenzgene in der Umwelt – zurzeit größtenteils noch reine Grundlagenforschung. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, wie man mit den Ursachen der Resistenzen in der Tiermast umgehen soll. Und die ist von äußerster praktischer Relevanz.

Stefan Meige ist unterwegs zu seinen Kühen. In einem Dorf in der oberhessischen Gemeinde Ranstadt unterhält der Metzger einen kleinen Familienbetrieb. Die Rinder, die er schlachtet, mästet er selbst. Am Rande der Ortschaft stoppt er nun seinen Traktor vor einem schlichten Gebäude aus grauen Hohlblöcken mit hölzernen Toren. Im Inneren warten bereits zehn rostrote Rinder und sechs Jungtiere darauf, dass der Bauer ihnen eine gehörige Portion Heu in die Futterrinne schiebt. Die Tiere der kleinen Herde können sich in dem geräumigen Stall frei bewegen, Platz genug ist vorhanden. Antibiotika brauchen seine Rinder nicht, sagt Stefan Meige.

"Wir betreiben Mutterkuhhaltung mit den Deutsch-Angus-Mutterkühen. Und da sieht es so aus: Die Kuh macht hier bei uns im April ihr Kalb, dann bleibt das Kalb bei der Mutter bis November, Anfang Dezember. Und dann wird es abgesetzt, dann nennt man sie auch Absetzer. Ich sage mal: Dadurch, dass die die Muttermilch bekommen, anfangs die Biestmilch, wie man sie auch nennt, das ist halt sehr gut für die Kälber, das stärkt die Abwehrstoffe. Da sind die nicht anfällig, da brauchen die eigentlich keine Antibiotika. Wir führen nichts zu, wir spritzen nichts. Die sind so gesund, die kommen auch ohne aus."

Mitten durch den Stall hindurch führt eine Art erhöhter Laufsteg aus Beton. Dort kann sich der Landwirt bewegen und das Heu verteilen. Tageslicht fällt durch die Türöffnung, die auf halber Höhe die vordere Stallwand durchbricht. Durch ein Holzgitter strecken die Rinder ihre Hälse, um an das Futter zu gelangen. Meige:

"Es ist halt sehr wichtig, dass sie frische Luft haben, dass es schön hell ist, dass sie ihren Auslauf haben, ihre Bewegung. Früher neigte man mehr zu kleineren Ställen, die recht stickig waren. Und da mussten auch hier und da Antibiotika gespritzt werden oder sonst wie zugeführt werden. Aber heutzutage, man sieht es ja hier an dem Kalb. Ein wunderschönes Kalb, es hat noch nie etwas bekommen als Muttermilch. Dementsprechend stehen die dann auch da. Kerngesund, fidel und auch schön in der Form und im Format."

Ein wirksamer Schutz vor resistenten Keimen aus dem Stall besteht darin, den Tieren erst gar nicht so viele Medikamente zu verabreichen. Doch dem stehen die Bedingungen der Massentierhaltung entgegen, gibt der Lebensmitteltoxikologe Gerd Hamscher zu bedenken.

"Je intensiver die Tierhaltung ist, desto höher ist natürlich das Risiko, wenn Sie eine Infektion in einem Bestand haben, dass die sich dann auch ausbreitet. Das heißt: weniger Tiere pro Flächeneinheiten wären schon einmal ein prophylaktischer Gesundheitsschutz, der ist natürlich mit höheren Kosten verbunden, weil Sie einfach mehr Fläche und mehr Gebäude dann für die Tierhaltung zur Verfügung stellen müssen. Aber ich denke, hier wird in der Zukunft kein Weg daran vorbei führen, wenn wir wirklich gesunde Tiere und damit auch gesunde Lebensmittel produzieren wollen."

Neben der Besatzdichte spielen aber auch Sekundärfaktoren eine Rolle, wie etwa die Entsorgung der Fäkalien oder die Luftqualität im Stall. Hamscher:

"Und ein Slogan, ein relativ einfacher Slogan, der sich auch in der Tiermedizin zunehmend durchsetzt: Gesunde Tiere brauchen keine Tierarzneimittel."

Der Tierschützer und ehemalige Veterinäramtsleiter Hermann Focke ist skeptisch, ob eine schnelle Lösung des Antibiotika-Problems möglich ist. Sind die Resistenzgene einmal in die Umwelt entlassen, dürfte es schwierig sein, sie wieder zurückzudrängen.

"Das ist jetzt also meine Überzeugung für die Zukunft, dass also besonders für unsere Kinder und Kindeskinder dies hier jetzt nicht umkehrbar sein wird oder heute schon nicht mehr umkehrbar ist. Denn wir haben nicht mehr fünf Minuten vor zwölf, es ist schon weit nach zwölf."

Daher müsse das Problem auf grundlegende Weise angegangen werden, argumentiert der Tierarzt. Er ist der Meinung: Nicht nur die Tiere sind krank, das ganze System ist krank.

"Und um jetzt hier weiterer Resistenzbildung durch Antibiotika zu entgehen, muss das ganze System geändert werden. Das heißt: Wir müssen weg von nicht artgerechter Massentierhaltung. Unter diesen Bedingungen ist ein Weniger an Antibiotika gar nicht möglich."

Dass der Herausforderung der Resistenzbildung im Viehstall nicht offen und umgehend entgegengetreten werde, könne er nicht verstehen, sagt Hermann Focke.

"Es ist alles bekannt. Es gibt keinen Erkenntnismangel, es gibt einen Handlungsbedarf."

Hinweis: Dies ist der zweite Teil eines Doppelfeatures. Lesen und hören Sie auch Teil 1 Auf dem Weg ins postantibiotische Zeitalter.

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