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StartseiteKalenderblattZwischen Selbstherrlichkeit und Genialität02.06.2020

Marcel Reich-RanickiZwischen Selbstherrlichkeit und Genialität

Er überlebte die Hölle des Warschauer Juden-Ghettos. In Deutschland stieg Marcel Reich-Ranicki schnell zum streitbaren Großkritiker auf. Dabei wurde er verehrt und gehasst: als FAZ-Literaturchef genauso wie als Leiter des "Literarischen Quartetts" im ZDF. Am 02. Juni 2020 wäre er hundert Jahre geworden.

Von Christoph Vormweg

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki schaut in die Kamera (dpa / picture alliance / Oliver Berg)
Eine Aufnahme von Marcel Reich-Ranicki aus dem Jahr 1999 (dpa / picture alliance / Oliver Berg)

"Das Gefühl, ein Außenseiter zu sein, habe ich natürlich von Anfang an gehabt", sagt Marcel Reich-Ranicki bei Erscheinen seiner Autobiografie "Mein Leben".

"Das hat eben mit meiner Biografie zu tun: Ich bin ja in meinem Leben mehrfach geflohen und habe das Land gewechselt. Erst als ich neun Jahre alt war von Polen nach Deutschland, dann, als ich 18 Jahre alt war, von Deutschland nach Polen, dann wieder von Polen nach Deutschland, als ich 38 Jahre alt war. Ich fuhr so hin und her, freiwillig und nicht freiwillig, aber Heine und Thomas Mann kamen immer mit."

Marcel Reich wird am 2. Juni 1920 in Polen geboren. Nach dem Bankrott seines Vaters zieht er zu jüdischen Verwandten nach Berlin und macht dort sein Abitur. 1938 wird er verhaftet und nach Polen ausgewiesen. Dort erlebt er die Hölle des Warschauer Judengettos, kann aber mit seiner Ehefrau Teofila fliehen. Seine Eltern und sein Bruder werden in Konzentrationslagern ermordet.

Den Kommunismus in der Praxis erlebt

1946 tritt Marcel Reich in die Kommunistische Partei ein und arbeitet in England unter dem Namen Ranicki für den polnischen Geheimdienst. "Die KP gab mir das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer großen und kämpfenden Gemeinschaft." 

Mehr noch: "Ich hatte sehr früh die Möglichkeit zu erkennen, was der Kommunismus in der Praxis, nicht in der Theorie ist. Ich war ja schon ‘49 eigentlich geheilt vom Kommunismus, als ich aus London zurückkam auf eigenen Wunsch."

Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki (r) im Gespräch mit dem Schriftsteller Siegfried Lenz (l) am 25.02.1981. (dpa / picture alliance / Roland Witschel)Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki (r) im Gespräch mit dem Schriftsteller Siegfried Lenz (l) im Jahr 1981 (dpa / picture alliance / Roland Witschel)

In Polen arbeitet er als Lektor für deutsche Literatur und freier Schriftsteller. 1958 reist er in die Bundesrepublik und bleibt.

"Das ist atemberaubend. Er braucht nur anderthalb Jahre, um sich als einer der wesentlichen Kritiker deutscher Sprache durchzusetzen", so der Reich-Ranicki-Biograf Uwe Wittstock: "Das liegt daran, dass er dieses unglaubliche Temperament, diese Energie hat und eben auch diese Fähigkeit, das Publikum zu unterhalten, während er kompetent Auskunft gibt über Literatur."

Reich-Ranicki: "Grass hat sich darüber mal beschwert: Die Leute lesen Reich-Ranicki und nicht uns. Er war sehr empört."

"Literaturkritik ist auch Müllabfuhr"

Bei der Wochenzeitung "Die Zeit" beginnt Marcel Reich-Ranickis steile Karriere. Er wird einer der tonangebenden Kritiker der Gruppe 47 und steigt 1973 zum Literaturchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf. Bald gilt er als der "lauteste", einflussreichste" und "umstrittenste Literaturkritiker" der Bundesrepublik. Seine Verrisse von Großschriftstellern wie Heinrich Böll und Martin Walser sind legendär.

Reich-Ranicki: "Literaturkritik ist auch Müllabfuhr. Das, sagte Schlegel, habe seinen Grund darin, dass seit der Erfindung der Druckerpresse so unendlich viele Bücher erscheinen, dass es nötig ist, da Ordnung zu machen und die wegzuschaffen, die keinen literarischen Wert haben."

Selbst seine Lieblinge, so die Lyrikerin Ulla Hahn, müssen Reich-Ranickis Urteil fürchten – zumal, als er von 1988 bis 2001 das "Literarische Quartett" leitet. Im Literaturbetrieb wächst der Hass der Gemaßregelten. Man sagt Reich-Ranicki Selbstherrlichkeit und Richter-Gehabe nach. Martin Walser rächt sich mit dem Skandalroman "Tod eines Kritikers".

Reich-Ranicki: "Kritiker, die sich nicht irren, sind jene, die nichts riskieren. Wer etwas riskiert, dem kann es immer passieren, dass er daneben haut."

Keine Literatur ohne Kritik

Die Auflagen der von Reich-Ranicki gelobten Bücher schießen in die Höhe.

Uwe Wittstock: "Der größte Verdienst ist sicherlich, dass er die Literatur ins Gespräch gebracht hat. Er hat Literatur und Literaturkritik in unglaublichem Maße popularisiert."

Schriftsteller Peter Rühmkorf (li.), Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki und Fernsehmoderatorin Iris Radisch während der ZDF-Sendung "Das Literarische Quartett" 2006 (imago / Hoffmann)Schriftsteller Peter Rühmkorf (li.), Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki und Fernsehmoderatorin Iris Radisch während der ZDF-Sendung "Das Literarische Quartett" 2006 (imago / Hoffmann)
Noch als Achtzigjähriger ist Reich-Ranicki die marktbeherrschende Instanz im Literaturbetrieb. Der erklärte Atheist, der Gott für eine literarische Erfindung hält, gilt als "Literaturpapst". Sein Autobiografie "Mein Leben" verkauft sich über 1,5 Millionen Mal und wird verfilmt. Er wird mit Ehrungen überschüttet.

Für Marcel Reich-Ranicki bleibt die Literatur bis zu seinem Tod im Alter von 93 Jahren sein "portatives Vaterland", wie Heinrich Heine sagte, seine Ersatzheimat.

Reich-Ranicki: "Solange Literatur nötig sein wird, wird Kritik nötig sein. Das ist anders gar nicht vorstellbar."

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