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StartseiteCampus & Karriere"Vieles geht über den klassischen Unterricht hinaus"31.07.2019

Maresi Lassek zu 100 Jahre Grundschule"Vieles geht über den klassischen Unterricht hinaus"

Ganztagsbetreuung, Migration, eine sich verändernde Elternschaft: Die Anforderungen an Schulen hätten sich stark gewandelt, sagte Maresi Lassek vom Grundschulverband im Dlf. Schule sei Lern- und Lebensraum zugleich. Um den wachsenden Herausforderungen gewachsen zu sein, brauche es mehr Unterstützung.

Maresi Lassek im Gespräch mit Stephanie Gebert

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Schüler in einem Klassenzimmer in einer Grundschule in Berlin-Tempelhof. (imago images / photothek)
Maresi Lassek forderte im Dlf mehr Unterstützung für Schulen, die 100 Jahre nach Einführung der Schulpflicht vor völlig neuen Herausforderungen stünden (imago images / photothek)
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Stephanie Gebert: Seit genau 100 Jahren existiert in Deutschland also die Schulpflicht, und es gibt seit 100 Jahren die Grundschulen als Institution, und wer schulpflichtige Kinder hat, der weiß, was an diesen Schulen geleistet werden muss. Wenn nicht gerade Ferien sind, werden hier Tag für Tag Kinder aus allen sozialen Schichten, aus unterschiedlichsten Kulturen und Kinder mit verschiedenen Lerntempi gleichzeitig unterrichtet, und wenn es gut läuft, kann die Lehrerin, kann der Lehrer jedem Kind auch gerecht werden. Nur so gut läuft es offenbar nicht überall. Wir kennen die Brandbriefe von Pädagogen, den Aufschrei von Eltern, die Berichte über Mobbing in den Schulen. Viele verschiedene Baustellen, die auch Maresi Lassek nicht fremd sind. Sie ist im Vorstand des Grundschulverbandes. Ich grüße Sie!

Maresi Lassek: Guten Tag, Frau Gebert!

Gebert: Grundschule als gemeinsamer Lernort für alle. Diese Idee von vor 100 Jahren klingt sehr schön, aber müssen wir angesichts der Probleme, die ich auch gerade angesprochen habe, nicht zugeben, das lässt sich eben nicht realisieren?

Elternschaften haben sich auseinanderentwickelt

Lassek: Es lässt sich offensichtlich nicht so realisieren, wie im Moment einzelne Abläufe sind, nämlich dass Schulen zum Teil zu wenig Unterstützung erhalten, Dinge auch sich selbst überlassen werden, Innovationen eingeführt werden, die die Schulen, die Pädagoginnen und Pädagogen vor Herausforderungen stellen.

Ich glaube, wir müssen intensiver darüber sprechen, welche Herausforderungen sind das, wie haben sich Lebensverhältnisse von Kindern in unserer Gesellschaft verändert, was sind Realitäten in den Kindheiten, und worauf muss sich Schule einstellen, worauf müssen sich aber auch alle einstellen, die mit Schule zu tun haben, sprich, die für Schule verantwortlich sind. Das sind nicht nur die Pädagoginnen und Pädagogen und Schulleitungen, sondern das ist unsere Gesellschaft als Ganzes.

Gebert: Da sind vielleicht auch die Eltern. Es gibt immer wieder auch Statistiken beziehungsweise Umfragen, die zeigen, eins der größten Probleme für Grundschullehrerinnen und -lehrer ist die Zusammenarbeit mit Eltern. Warum ist das so heute?

Lassek: Elternschaften haben sich genauso auseinanderentwickelt wie wir das ja von unseren gesellschaftlichen Verhältnissen sehen, und dies veranlasst Eltern auch unterschiedlich auf Schule heute zu reagieren beziehungsweise auf Schulabschlüsse zu reagieren, denn darum geht in der Regel, dass Eltern unter Druck stehen, für ihr Kind den bestmöglichen Abschluss zu organisieren und dazu auch selbst beizutragen, sprich, Eltern versuchen deutlich mehr als in der Vergangenheit, sich in Schule, in Abläufe einzudiskutieren oder auch durchaus zu steuern, während andere Eltern durch ihre finanzielle Lage, durch ihre Herkunftslage eher Angst haben vor Schule, Angst haben, vieles nicht leisten zu können.

"Es geht nicht umd das Ganze, was Schule bedeutet"

!Gebert:!! Bleiben wir bei denen mal. Immer wieder hören wir auch Berichte über Kinder, die mit weniger Kenntnissen an die Grundschule kommen als früher und diese Fähigkeiten dort deshalb erst mal erworben werden müssten. Also das fängt bei der Konzentrationsfähigkeit an und hört beim Radfahren oder Schwimmen auf. Sind die Erwartungen der Gesellschaft, der Elternhäuser an Grundschule zu hoch?

Lassek: Sie sind wahrscheinlich realitätsbezogen auf das, was Kinder brauchen, aber wenn Sie die Diskussion im Moment verfolgen im Bildungsbereich, da geht es um Konzentration auf Fertigkeiten, Fähigkeiten in Deutsch und Mathematik, aber es geht nicht um das Ganze, was Schule bedeutet. Wir wissen, Schule ist Lebens- und Lernraum, mehr geworden als früher, und Schule muss auch eine Menge ausgleichen oder bieten, was Kinder, auch Kinder aus bildungsnahen und wohlsituierten Familien zu Hause nicht erfahren können und muss also ausgleichend wirken. Nur dafür muss es Bedingungen geben, und um diese Bedingungen müssen wir diskutieren, und das ist auch ein großer Punkt des Grundschulverbands, hier immer wieder anzumahnen, an welchen Stellen müssen wir über Entwicklungen, Ausstattungen nachdenken.

Gebert: Gleichzeitig muss man aber doch auch aufpassen, dass man die Lehrpläne nicht überfrachtet, damit die grundsätzlichen Kulturtechniken, die Sie auch gerade angesprochen haben – rechnen, schreiben, lesen –, in der Grundschule vermittelt und erlernt werden können.

Lassek: Ja, da gebe ich Ihnen vollkommen recht. Es ist dann einfach das Gesamtumfeld der Schule, und dann spielt auch natürlich eine Rolle Unterrichtszeit, aber auch Zeit in der Schule. Wir haben die Diskussion um den Rechtsanspruch auf eine Ganztagsbetreuung, und es passiert nicht alles im klassischen Unterricht, sondern es passiert ganz viel in der kleinen Kommune Schule, im Klassenraum, aber auch im Raum Schule, gerade wenn wir an Persönlichkeitsbildung, an soziale Bildung denken, wo Kinder Erfahrungen brauchen.

"Mein banges Gefühl ist, dass im Moment eher auf die Quantität geachtet wird"

Gebert: Und die muss aber begleitet werden vom Personal, das dem auch gerecht werden kann, also das entsprechende Ausbildung hat. Wenn Sie den Ganztag gerade ansprechen, haben Sie das Gefühl, dass da auf Quantität oder eher im Moment auf Qualität geachtet wird?

Lassek: Mein banges Gefühl ist, dass im Moment eher auf die Quantität geachtet wird, das heißt, es wird nicht davon ausgegangen, wir haben ein Konzept, eine Idee, wie Ganztagsschule sein muss, und danach richten wir dann die Ausstattung aus, sondern es geht eher darum, an welchen Stellen fordern Eltern welche Betreuungszeiten ein, wie flexibel müssen die sein, damit wir also die Bedarfe erfüllen können.

Das ist sicherlich ein Anfangsschritt, aber es ist sehr, sehr notwendig, dass Politik und Administration sich mit den Fachleuten aus Schule an dem Punkt zusammensetzen und gut drüber nachdenken, wie kann Ganztagsschule günstig aussehen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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