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StartseiteKalenderblattMaria und Josef auf oberbayrisch25.02.2011

Maria und Josef auf oberbayrisch

Vor 100 Jahren starb der Maler Fritz von Uhde

Er gehörte zu jenen Künstlern, die München einst zum Leuchten brachten: der malende Sachse Fritz von Uhde. Seine anrührenden Kinderszenen und populären Christusdarstellungen eroberten die Herzen der Zeitgenossen. Am 25. Februar 1911 ist Fritz von Uhde gestorben.

Von Rainer Berthold Schossig

Uhde tendierte zunehmend zur Gefühls- und Armeleute-Malerei (Stock.XCHNG)
Uhde tendierte zunehmend zur Gefühls- und Armeleute-Malerei (Stock.XCHNG)

Matt-graues Licht fällt durch schlierige Fensterscheiben auf stumpf-rötliche Fliesen. Vor einem altdeutschen Bücherschrank sitzt ein langhaariger, hohlwangiger Heiland, barfüßig in schlotterndem Armeleutegewand. Rings um den kinnbärtigen Nazarener ein gutes Dutzend ärmlich, aber reinlich gekleideter Arbeiterkinder aus der Kaiserzeit. Fritz von Uhde hat dieses fast drei Meter breite Bild 1884 in Leipzig gemalt. Titel: "Lasset die Kindlein zu mir kommen". Um 1900 kursierten Hunderttausende von Reproduktionen des erbaulichen Motivs im Reich. Uhde war der überkonfessionell-christliche Bilderlieferant Deutschlands.

Fritz von Uhdes Weg zum Malerfürsten war lang. 1848 auf Schloss Wolkenburg in Sachsen geboren, erwarb er zunächst Sporen und "Eisernes Kreuz" im deutsch-französischen Krieg 1870-71. Die Malerei entdeckte er erst später, in Paris, als Schüler des ungarischen Salonmalers Mihály Munkácsy. Dessen realistische, dunkel-tonige Bilder reizten ihn, und natürlich der Ruhm des Pariser Salon:

"Ich will jetzt alles nach der Natur malen und vielleicht gar nicht an den Salon denken. Wird ein Bild mit wenig Figuren – völlig nach der Natur gemalt – ganz gut, dann stelle ich das im Salon aus. Das wird mir mehr helfen als ein interessantes, aber konfuses Bild. Später werde ich umso freier nach meinem Kopf arbeiten können","

schreibt Uhde 1879 aus Paris an seine Frau Amalie. Den Weg vom Naturalismus zur Freilichtmalerei erschließt ihm erst sein Malerfreund Max Liebermann. Wie dieser sucht er nun im schlichten, gar nicht pittoresken Licht Hollands nach malerischer Wahrheit und entdeckt sein Motiv: die struppigen, vom Wind zerzausten Fischer-Kinder. Aus Zandvoort schreibt er nach Deutschland:

""Die Seeleute in ihren schönen Trachten, wundervolle Figuren mit karikaturhaften Fratzen! Reizend auch die kleinen Fischerbuben, alle schon mit Tabakspfeifen. Es hat sich meine Thätigkeit schon unter den Kindern der Nachbarschaft verbreitet. Heute standen einige am Brunnen, meinem Fenster gegenüber, und zeigten immer auf sich, um auch gemalt zu werden."

Ganz anders als auf den Historien-Schinken seiner Zeitgenossen Kaulbach oder von Werner fehlt bei Uhde jede demonstrative Theatralik. Damals schreibt Alfred Kerr über Liebermann und Uhde:

"Als ob diese modernen Maler beide sagen wollten: Im Sozialen liegt das Allerwesentlichste dieser Zeitläufte! Und wir malen, was unseren Anteil daran machtvoll ausdrücken könnte. Wir malen anders, wir malen anderes, gehören schon halb zur Rotte 'vaterlandsloser Gesellen'; wir malen, wie Gerhart Hauptmann die 'Weber' malte."

Fritz von Uhde will mehr als nur Natur- und Sozialstudien: Er sucht, "den Seelenausdruck im Bilde zu fassen". Und so trennen sich die Wege Liebermanns, des deutschen Impressionisten, und Uhdes, der zunehmend zur Gefühls- und Armeleute-Malerei tendiert. Seinem frischen, naturlyrischen Gemälde eines jungen Paares, unterwegs auf winterlicher Straße bei Dachau, gibt er den schwülstigen Titel "Schwerer Gang" – keine Vorahnung auf das spätere Konzentrationslager, sondern platte Weihnachts-Idylle: Maria und Josef – oberbayrisch. Bilder wie "Komm, Herr Jesu, sei unser Gast", wo Christus als Hungerleider mit Heiligenschein am Mittagstisch einer Arbeiterfamilie aufkreuzt, werden Uhdes Markenzeichen – und später sein Verhängnis. Seine real-pietistischen Bilder bringen ihm breite Popularität ein – und kaiserliche Kritik. Er wird gar zum Vertreter der "Rinnsteinkunst". Sein naturalistisches "Abendmahl" kanzelt Wilhelm II. als "Anarchistenfraß" ab.

Als Fritz von Uhde am 25. Februar 1911 hochgeehrt in München starb, war dort die Künstlergruppe "Der Blaue Reiter" bereits auf dem Sprung. Uhdes Bilder kamen ins Magazin. Der Sturmlauf der Moderne fegte sie beiseite.

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