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StartseiteBüchermarktÜberflüssig hier, unmöglich dort30.12.2018

Marina Zwetajewa: "Ich schicke meinen Schatten voraus"Überflüssig hier, unmöglich dort

Das vierbändige Werk zeigt eine der bedeutendsten russischen Dichterinnen: Marina Zwetajewa. In dem nun erschienenen ersten Band „Ich schicke meinen Schatten voraus“ skizziert die Autorin aus Tagebuchnotizen und autobiografischen Erzählungen die Risse europäischer Geschichte aus dem letzten Jahrhundert.

Von Cornelia Jentzsch

Marina Zwetajewa: "Ich schicke meine Schatten voraus"  (Buchcover: Suhrkamp Verlag / Hintergrund: picture alliance/akg-images/Grigori Petrowitsch Goldstein)
Marina Zwetajewas "Ich schicke meine Schatten voraus" verknüpft ihr Familienleben mit geschichtlichem Hintergrund (Buchcover: Suhrkamp Verlag / Hintergrund: picture alliance/akg-images/Grigori Petrowitsch Goldstein)

Im Oktober 1917, mitten in den Wirren der Revolution, fährt die 25jährige Marina Zwetajewa mit dem Zug nach Moskau. Sie will ihren Mann Sergej Efron suchen. Ihre kleinen Töchter Ariadna und Irina ließ sie im ruhigeren Fedossija auf der Krim zurück. Sie fährt ins Ungewisse, Moskau ist im Ausnahmezustand und sie weiss nicht, ob ihr Mann überhaupt noch lebt.

In den biografischen Skizzen "Oktober im Waggon" und "Brief ins Heft", die sie auch "Aufzeichnungen jener Tage" nennt, beschreibt sie Reise und Umstände: in kurzen Sätzen, knappen Dialogen, atemlos nahezu. In Russland brodeln Unruhen, gewohnte Lebensverhältnisse lösen sich auf. Marina Zwetajewa schreibt jetzt kaum Gedichte, sie notiert unentwegt in Hefte, als müsse sie sich des Erlebten vergewissern.

"Zweieinhalb Tage lang keinen Bissen, keinen Schluck. (Die Kehle wie zugeschnürt.) Die Soldaten bringen Zeitungen – auf rosa Papier gedruckt. Der Kreml und alle Baudenkmäler wurden gesprengt. Das 56. Regiment. Gesprengt wurden die Gebäude mit den Junkern und Offizieren, die sich nicht hatten ergeben wollen. 16000 Tote. An der nächsten Bahnstation – schon 25000. Ich schweige. Rauche. Mitreisende steigen, einer nach dem anderen, in die Züge in Gegenrichtung um. (…)

Wir nähern uns Orjol. Ich habe Angst, Ihnen so zu schreiben, wie ich möchte, denn ich werde in Tränen ausbrechen. All das ist ein schrecklicher Traum. Ich versuche zu schlafen. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen schreiben soll. Wenn ich Ihnen schreibe, gibt es Sie, denn ich schreibe Ihnen ja!" (MZ9)

"Wenigstens wird sie Pianistin"

In Moskau war Marina Zwetajewa 1892 geboren worden und, mit ihrer jüngeren Schwester Anastassija, in einem einigermaßen wohlhabenden Elternhaus aufgewachsen. Ihr Vater Iwan Wladimirowitsch Zwetajew, versierter Kunsthistoriker und Altphilologe, hatte das heutige Puschkin-Museum gegründet. Ihre Mutter Marija Alexandrowna Meyn, eine romantisch veranlagte und der deutschen Literatur zugeneigte Konzertpianistin, hatte ihre Karriere der Ehe geopfert. Beiden ist je eine Erzählung in diesem Band gewidmet.

Sehr früh schon begann Marina zu dichten, aus Neugier an der Welt, beobachtend, fasziniert von den Möglichkeiten der Sprache. Besonders aber um sich gegenüber ihrer Mutter einen Freiraum zu erzwingen. Denn Marina sollte eigentlich Alexander werden, der fast herbeibefohlene Sohn. "Wenigstens wird sie Pianistin", tröstete sich die enttäuschte Mutter. Über ihre Erziehungsmethoden sagt Marina später, die Töchter erzog sie nicht, sondern erprobte deren   Widerstandskraft. Früh schon setzte Marija Meyn-Zwetajewa beide Töchter ans Klavier. Doch Marina weigerte sich bald. Trotz musischer Begabung wollte sie nicht die Karriere nachholen, die ihrer Mutter verwehrt blieb durch die Heirat mit dem viel älteren Witwer Zwetajew, dessen Kinder aus erster Ehe sie neben ihren eigenen aufzog.

Dass es anders kam und für die Literaturgeschichte von Vorteil, ist Marinas unbändiger Kraft, ihrem Willen und ihrer Liebe zur Sprache zu verdanken. Ihre literarische Begabung zumindest konnte sich entfalten, wenn auch bis ans Lebensende unter Widerständen erkämpft.

In ihrer Erzählung "Der Teufel" wird das Kind Marina regelmäßig heimgesucht von einer mausgrauen und spontan auftauchenden stummen Gestalt, die zu Widerspenstigkeit und Eigensinnigkeit auffordert. Als sie ihm das erste Mal begegnet, liebt sie ihn sofort, wie sie schreibt.

"Papa lebte in seinem Kabinett, die Großmutter auf dem Porträt, Mama auf dem Klavierstuhl. Walerija im Jekaterinskij-Institut, und der Teufel – in Walerijas Zimmer. Damals war das für mich eine Tatsache.

Jetzt aber weiss ich: Der Teufel lebte in Walerijas Zimmer, weil in Walerijas Zimmer, das sich in einen Bücherschrank verwandelt hatte, der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse stand. Seine Früchte (…) verschlang ich gierig und schnell, schuldbewusst und hartnäckig, wobei ich zur Tür blickte wie Jene hinauf zu Gott, doch ohne meine Schlange zu verraten. (…) Der Teufel also kam in Walerijas Zimmer, weil es für ihn vorbereitet war als der Ort, wo ich das mütterliche Verbot übertrat."

Der Teufel vertrauter als Gott

Der Teufel verkörpert Wissensdurst, Anderssein, gegen den Strom schwimmen. Er wird Marina vertrauter als Gott, in dessen Kirche sie nur "tote, eiskalte und schneeweiße Langeweile" spürt. Der Teufel hingegen – ist "Brand", bringt "Wahrhaftigkeit und eine gerade Haltung", das "erstmalige Bewusstsein von meiner Besonderheit und Auserwähltheit", wie sie ihre Kindheitserzählung enden lässt.

"Und warst nicht Du es, der mir (…) die Liebe zu allen Besiegten, zu allen causes perdues, eingeflößt hat – zu den letzten Monarchisten, den letzten Fuhrleuten, den letzten lyrischen Dichtern. (…) Dir verdanke ich den Zauberkreis meiner Einsamkeit, die mich überall begleitet, unter meinen Füßen ersteht, mich wie mit Händen umarmt, dehnbar wie der Atem, der alles in sich vereint und alle ausschließt. (…) Nicht in Kirchen, nicht in Gerichten, nicht in Schulen, nicht in Kasernen, nicht in Gefängnissen, – wo Recht gesprochen wird – gibt es dich nicht, wo viele sind – gibt es dich nicht. (…) Will man dich suchen, so nur in den einsamen Kammern der Rebellion und auf den Speichern der lyrischen Poesie."

Sämtliche Prosa Marina Zwetajewas ist autobiografisch grundiert, von ihren Beobachtungen, Begegnungen, Erfahrungen geprägt. Doch nie bleibt es bei nur Beschreibungen ihr nahestehender Familienmitglieder, Freunde oder Dichter. All das prägt zwar die Erzählungen, gibt das Kolorit, ist der Anlass. Aber Marina Zwetajewa ertastet mit feinnervigem Spürsinn unter den Oberflächen der Ereignisse und Bilder die Risse der Zeit, die Widersprüchlichkeiten der Personen, die sie nie ohne eine gewisse Zuneigung beschreibt, also nie preisgibt. Dass sie dabei gelegentlich reale Fakten zugunsten der literarischen Gesamtkonstruktion verändert, wie ihre Schwester Anastassija in ihrem Erinnerungsbuch "Kindheit mit Marina" verrät, ist der großartigen Dichterin nachzusehen.

In "Das Haus beim alten Pimen" erzählt Marina Zwetajewa schonungslos von den Bewohnern: ihrem Stiefgroßvater Dmitrij Iwanowitsch Ilowajskij und seiner zweite Frau, die sie nur A. A. nennt. Ilowajskijs Tochter aus voriger Ehe, Warwara, war die sehr jung an Tuberkulose verstorbene erste Frau von Marinas Vater gewesen, über deren Verlust er nie hinwegkam. Marinas Mutter starb mit nur 37 Jahren an der selben Krankheit, Marina war damals 14 Jahre alt.

Stiefgroßvater Ilowajskij: Herausgeber des "Kreml" 

Stiefgroßvater Illowajskij wurde von allen als hartherzig und lieblos empfunden. Seine Enkelkinder existierten für ihn nicht. Die erste Frau Ilowajskijs, alle drei Kinder aus dieser Ehe wie auch zwei der drei Kinder aus der folgenden verstarben früh. Seine verbliebene Tochter hatte ausgerechnet einen weit entfernt wohnenden Juden geheiratet, Nahrung für Ilowajskijs Judophobie. Dieser despotische erzkonservative Greis, ein leidenschaftlicher und später verfemter Historiker, hatte nicht nur das zeitweise verbotene Monatsblatt "Kreml" herausgegeben, sondern auch ein berühmtes, lebendiges Schullehrbuch verfasst. Und dennoch, das Haus beim alten Pimen:

"Es war ein Todeshaus. Alles in diesem Haus ging zugrunde, außer dem Tod. Außer dem Alter. Alles: die Schönheit, die Jugend, die Anmut, das Leben. Alles in diesem Haus ging zugrunde, außer Ilowajskij. (…) Der Historiker nahm in seinem Haus und in seinem Leben keine Geschichte wahr. (Oder ging es vielleicht nicht um Geschichte, sondern um Schicksal, wie es nur der Dichter erfasst?) Das einzig Augenscheinliche in seinen Augen war: seine familiäre Macht und die Unfehlbarkeit seiner Verordnungen. Der Tod aber war ein von Gott gesandtes Unglück. Keinen Augenblick fühlte sich der Alte schuldig. War er‘s? (...) Ilowajskij war möglicherweise, wie im Mythos, bloß das Instrument des Schicksals. (Chronos muss seine Kinder verschlingen.) Schuld ist vorhanden, wenn Bewusstsein von Schuld vorhanden ist."

Marina erinnert sich an ihre damals noch kindliche, aber schon erotisch gefärbte Liebe zu Nadja und Serjosha, Ilowajskijs Kinder aus zweiter Ehe. Die zu jung in die Rolle der Ehefrau gepresste und nun verhärmte A. A. gab all ihre Liebe dem Sohn. Ihre verhinderten Lebensentwürfe ertränkte sie in Eifersucht auf die Tochter. Auch hier: Hintergründe, Abgründe.

"Dann kamen die Kinder. Die Kinder, die sogleich von ihr getrennt wurden durch das übliche Spalier der Ammen, Kinderfrauen, Bonnen, Gouvernanten und Lehrer. Ganz zu schweigen von der Wasserscheide zwischen Obergeschoss und dem Untergeschoss der Kinder. Die Kinder lebten tatsächlich unter den Eltern, unterdrückt: der Boden, auf dem die Eltern mit ihren schweren Reichtümern, mit ihrer eigenen Schwere wohnten, war für die Kinder – oben, lastete also auf ihren Köpfen. Sie waren gleichsam Atlanten, die das Himmelsgewölbe mit seinen Himmelsbewohnern stützten. (…) Und so überhoben sie sich."

Sie solle doch Erzählungen schreiben

Es sind Frauenschicksale, wie es sie im damaligen Russland zu tausenden gegeben haben mag. Wie anders erlebte Marina Zwetajewa dagegen die Theaterschauspielerin Sonja Holliday, die sie im späteren als Wachtangow-Theater berühmt gewordenen Moskauer Künstlertheater in den Hungerjahren nach der Revolution kennenlernte. Mit seinen Mitarbeitern und Schauspielern wurde das Theater für sie eine zeitlang zur geistigen Heimat. Die "Erzählung von Sonetschka" zählt zu den bekanntesten und berührendsten ihrer Prosastücke. In Dialogen und Episoden schildert Marina Zwetajewa eine lebensfrohe, in ihrer offenen Naivität entwaffnende, schauspielerisch begabte, nonkonformistische junge Frau, in die sich die Dichterin stürmisch verliebte. Hollidays gänzlich anders geartete, jedoch wie ihre eigene ebenso absolute Bedingungslosigkeit muss Marina Zwetajewa magisch angezogen haben.

Allerdings überforderte Zwetajewas Liebe in ihrer eruptiven und vereinnahmenden Art die Adressaten nicht selten, wie es in Briefen von Zeitzeugen nachzulesen ist. Und verliebt hat sie sich oft, in andere Frauen und zahlreiche Männer, vor allem in Boris Pasternak und Rainer Maria Rilke. Beide standen mit ihr in engem Briefwechsel, leidenschaftlich und gelegentlich aufeinander eifersüchtig verehrten sie die großartige Dichterin. Begegnet war sie Pasternak nur wenige Male, dem damals bereits todkranken Rilke nie. Der Maler, Dichter und Förderer Max Woloschin meinte, in Marina Zwetajewa stecke Material für zehn Dichter – und alle seien hervorragend!

Obwohl Marina Zwetajewa genuin Lyrikerin war, schrieb sie auch später weiterhin Prosa, vor allem im Pariser Exil. 1922 war Marina Zwetajewa ihrem wiedergefundenen Mann zunächst nach Prag, drei Jahre später nach Paris gefolgt, wo sie vierzehn Jahre verbrachte, literarisch zunehmend isoliert. Die eigenständige junge Dichterin hatte sich nie irgendeiner literarischen Strömung angeschlossen. Im Kreis der konservativen Pariser Exilantengruppen blieb sie eine Außenseiterin. Verlage und Zeitschriften interessieren sich nicht für ihre Gedichte. Sie solle doch Erzählungen schreiben, die würde man gelegentlich noch drucken wollen. So schreibt sie Erzählungen – aber als Lyrikerin: in knappen Sätzen, oft dialogisch, sprachgewandt, reflektierend, eigenwillig. In der Prosa sei zu viel überflüssig, im wirklichen Gedicht hingegen alles notwendig, kommentiert sie.

Lebensphilosophische und schlagfertige Texte

Nicht nur als Person, sondern auch in ihren Texten war Marina Zwetajewa schlagfertig und witzig. Die Augen eines hoffnungslos sich andienenden Bräutigams beschreibt sie als "absolutes Wasser mit nichts drin" und allein wie sie den linkischen Rede-Überfall eines jungen französischen Versicherungsvertreters in der Küche einer Exil-Russin schildert, den diese nicht minder wortgewandt in die Flucht schlägt, ist nicht nur komisch, sondern hochgradig lebensphilosophisch.

"‘Wir haben keine Angst vor fallenden Schränken‘, sagte sie fest, wir tun natürlich alles dazu, dass der Schrank nicht umfällt, aber wenn er fällt, dann ist das eben – Schicksal, verstehen Sie? So wird Ihnen jeder Russe antworten.‘"

Kurz vor ihrer Ankunft in Paris kam Marina Zwetajewas Sohn Georgi, genannt Mur, zur Welt. Ariadna war inzwischen 13. Irina lebte nicht mehr, sie war mit zwei Jahren in einem russischen Kinderheim verhungert. In Paris besucht Anastassja Zwetajewa einige Jahre später ihre Schwester und ist erschüttert. Marina ist müde geworden und gealtert:

"Versteh mich, wie soll ich schreiben, wenn ich morgens auf den Markt gehen muss, auswählen, rechnen, ob das Geld reicht – wir kaufen natürlich nur das Allerbilligste – nach Hause komme und weiß, dass der Vormittag verloren ist: ich muss aufräumen, kochen, Alja geht um diese Zeit mit Mur spazieren – und wenn alles fertig ist, liege ich so da, vollkommen leer, nicht eine Zeile. Und morgens treibt es mich zum Schreiben. So geht das Tag für Tag."

Beide Schwestern können nicht ahnen, dass sie sich das letzte Mal sehen. Beim Ausbruch des zweiten Weltkriegs geht Marina Zwetajewa nach Russland zurück. Kurz zuvor war Anastassja zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt worden. Sergej Efron, in einen Spionagefall verwickelt, war schon zwei Jahre früher mit Ariadna zurückgekehrt. Die inzwischen erwachsene Tochter, im gleichen Jahr verhaftet, sollte nach Haft und Verbannung erst 1955 freikommen. Stalin verdächtigte jeden aus dem Ausland Zurückkehrenden wie überhaupt die gesamte vorrevolutionäre Intelligenz. Marina Zwetajewa muss gewusst haben, in welche Hölle sie fährt, noch aus Frankreich hatte sie an ihre tschechische Freundin Anna Tesková geschrieben:

"Alles stößt mich nach Russland, wohin ich nicht fahren kann. Hier bin ich überflüssig, dort bin ich unmöglich."

Jeder Dichter - ein Emigrant

Jeder Dichter sei dem Wesen nach Emigrant, denn er trage stets das Zeichen einer Ungeborgenheit an sich. Er sei ein Emigrant aus der Unsterblichkeit in die Zeit.

So kam Marina Zwetajewa nach Russland in eine doppelte Fremde. Zwei Jahre später, im Sommer des Jahres 1941, war sie unfähig noch zu schreiben. Man hatte sie und Mur in das tatarische Jelabuga evakuiert, das Städtchen war überfüllt mit Menschen, Lebensmittel gab es kaum. Vollends entkräftet und, wie man heute weiss, vom russischen Geheimdienst bedrängt, erhängt sich Marina Zwetajewa am 31. August im Flur eines kleinen Bauernhauses, wenige Wochen vor ihrem 49. Geburtstag.

Der Titel des Prosabandes "ich schicke meinen Schatten voraus" bekommt, vom Ende her gelesen, erst seine wirkliche Bedeutung. Er ist ein Zitat aus Zwetajewas Erzählung "Der Tod Stachowitschs". Der ehemalige Gardeadjutant Stachowitsch, ein gebildeter und kunstliebender Feingeist, war Schauspieler, Mentor und Förderer jenes Theaters, in dem Marina Zwetajewa einst die junge Sonja Holliday kennenlernte. Stachowitsch hatte sich zwanzig Jahre vor Marina erhängt - verzweifelt über die politische Situation in Russland, den Hunger und die Repressalien.

In der bitterkalten Kirche, im "zweifachen Dampf von Weihrauch und Atem", steht sie an seinem Sarg:

"... ich weiß, dass (…) ich ihm von allen am allernächsten bin. Vielleicht – weil ich mehr als      alle anderen am Rande stehe, leichter als alle anderen nachfolgen werde (würde). (…) mit jedem Fortgehen geht ein Teil meiner selbst, meiner Sehnsucht, meiner Seele fort ins Dorthin! ins Dort! Mir vorauseilend – nach Hause. Fast wie: ‚Grüßen sie jene dort...‘ Aber indem ich mit ihm auferstehe, sterbe ich auch mit ihm. Ich kann am Sarg nicht weinen, denn auch mich vergraben sie! Mit einem gewissen Verlust meiner irdischen Glaubwürdigkeit zahle ich für meine Bestätigung in jeder Welt. (Die Bezahlung für die Überfahrt? Schließlich haben die Schatten Charon doch bezahlt? Ich schicke meinen Schatten voraus – und bezahle dafür hier!)"

Mantel des Vergessens

Nach Marina Zwetajewas Tod breitete sich der Mantel des Vergessens über Dichterin und Werk. Die in den Westen emigrierten russischen Schriftsteller waren mit dem Neuaufbau ihrer Existenz beschäftigt. Und in der Sowjetunion hatte eine Hexenjagd begonnen auf sogenannte Weltbürger und Freunde des Westens, zu denen man Marina Zwetajewa als Re-Emigrantin zählte. Ihr Name durfte nicht einmal mehr erwähnt werden. Im Westen erschien zumindest in Stalins Todesjahr 1953 ein erster Auswahlband. Erst zehn Jahre später gab es im Moskauer Haus der Künste einen wenn auch noch halbprivaten Abend für die Dichterin. 1994 begann der Moskauer Verlag Ellis Lak mit einer siebenbändigen Werkausgabe, die nun der Suhrkamp-Werkausgabe zugrunde liegt. Sie ist, außer der in der DDR herausgekommenen dreibändigen Auswahlausgabe mit Prosa, Briefen und Lyrik, die erste deutschsprachige Werkausgabe Marina Zwetajewas. Mit umfangreichen Anmerkungen, Nachworten und biografischen Details lässt sie nachvollziehen, warum Marina Zwetajewa, neben Anna Achmatowa, als bedeutendste Dichterin der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts, ja, als eine der größten europäischen Dichterinnen der Moderne geschätzt wird.

Der weitere Editionsplan, sagt die Herausgeberin Ilma Rakusa, sieht Band zwei mit Erinnerungsprosa an Schriftstellerkollegen und Essays vor. Als eine kleine Sensation bringt Band drei eine Auswahl aus noch unveröffentlichten Tagebüchern. Band vier, der Marina Zwetajewas lyrisches also Hauptwerk enthält, wird als letzter kommen, er ist am schwierigsten zu übertragen. Diese Arbeit sollen renommierte Übersetzer und Nachdichter vornehmen. 

Marina Zwetajewa: "Ich schicke meinen Schatten voraus" -
Ausgewählte Werke Band 1: Prosa (Tagebuchprosa und autobiografische Erzählungen)
Herausgegeben von Ilma Rakusa
Aus dem Russischen von Hilde Angarowa, Marie-Luise Bott, Elke Erb, Regine Kühn, Ilma Rakusa, und Margret Schubert
Suhrkamp Verlag Berlin, 729 Seiten, 42 Euro.

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