Mittwoch, 02.12.2020
 
StartseiteSonntagsspaziergangLegendäre Streifen07.05.2017

Marinière im bretonischen QuimperLegendäre Streifen

Picasso trug es, James Dean, Brigitte Bardot, John Wayne und viele andere: Sie alle liebten ihr Marinière. Heute ist der Streifenpulli nicht mehr aus den Kleiderschränken wegzudenken. Seit 1938 wird er in der Bretagne von der Firma Armor Lux gefertigt. Dass die Arbeitsplätze irgendwann ausgelagert werden, ist ziemlich unwahrscheinlich.

Von Peter Kaiser

Armor Lux ist die französische Firma, die den legendären Streifenpulli seit 1938 herstellt und praktisch noch immer die gleichen Techniken und Stoffe verwendet. 8.6.2012. (dpa/Maxppp/François Destoc)
Das Marinière oder Trikot Rayé, der gestreifte Pullover, ist wohl das legendäre Kleidungsstück der Bretagne schlechthin. (dpa/Maxppp/François Destoc)
Mehr zum Thema

Paradies für Austernliebhaber Genusstour durch Cancale in der Bretagne

Gezeitenfischen in der Bretagne Mit Muschelsuchern im Wattenmeer

Textilindustrie Holpriger Start eines globalen Bündnisses

Emanzipation Bild der Frau

Chanel-Ausstellung in Hamburg Mode, Mythos und Magie

Marco Petrucci: "Das ist also etwas, was wir die Braderie nennen. Das ist typisch französisch, und typisch für diese Gegend." 

Marco Petrucci, deutsch-italienischer Exportmanager der Firma Armor Lux, läuft an den Menschen geschickt vorbei, die Streifenpullis, Taschen oder Mützen in den Händen halten.  

"Bradé heißt rauswerfen im Prinzip, alles, was übrig geblieben ist." 

Armor Lux hat seinen Sitz im kleinen Städtchen Quimper, der Hauptstadt des Departments Finistère in der Bretagne. Finistère meint übersetzt: Ende der Erde. Von diesem Erdenende ist im Moment hier nichts zu merken. 

Legendäres Kleidungsstück aus der Bretagne

"Ich bin gekommen, weil ich immer komme. Zwei Mal pro Jahr, um zu sehen, was es für Angebote gibt." 

"Es ist nicht das erste Marinière, und es wird nicht das letzte sein." 

"Sie sind sehr komfortabel und sehr schön zu tragen. Und deswegen komme ich immer wieder hierher, um sie zu kaufen."

"Ich habe mal sogar mal ein Geschäft gehabt, wo ich Armor Lux führte und verkauft habe."

Das Marinière oder Trikot Rayé, der gestreifte Pullover, ist wohl das legendäre Kleidungsstück der Bretagne schlechthin. Marco Petrucci sagt:

"Das Marinière kenne ich als ursprüngliches Kleidungsstück, das die Fischer trugen, die, wenn sie über Bord gegangen sind, war das einfacher zu sehen, wenn sie einen Streifen hatten. Das Marinière ist dann anschließend das Kleidungsstück geworden, das man in der Marine trug. Und um das einheitlich zu machen, hat man beschlossen, dass alle originalen Mariners 21 weiße Streifen haben müssen, gemäß der Siege Napoleons.  Das ist eigentlich der Code, der da rausgekommen ist." 

Früher war es die Arbeitskleidung der Küstenfischer

Das "Bretonische Hemd", wie das Marinière auch manchmal genannt wird, war jahrhundertelang die Arbeitskleidung der Küstenfischer. Am 27. März 1858 führte die französische Marine das Hemd als offizielles Kleidungsstück der Seemannsuniform hinzu.  

Marco Petrucci: "Das ist Teil der Ausgehuniform, also das trägt man an Bord üblicherweise so nicht mehr. Aber wenn ein Schiff einläuft, man kann das auf Fotos auch heute noch sehen, wenn eine Parade ist oder sowas, dann wird man immer ein Streifenshirt finden, und darüber die Vareuse, die auch in diesem Zusammenhang da mitreingehört, also das ist der offizielle Teil. Und in der Mode gibt es jede Menge Streifenpullis." 

Die Vareuse ist eine bretonische Jacke aus derbem Baumwollstoff. Und wie es bei wohl allen Armeen der Welt ist, gibt es für das Marinière in der französischen Marine strenge Vorschriften.  

"Das Oberteil muss auf der Vorder- und Rückseite exakt 21 blaue Streifen a je zehn Millimeter und auf den Ärmeln deren 14 aufweisen. Die Ärmel haben nur ¾ lang zu sein, damit sie nicht unter der Uniformjacke hervorstehen." 

Von Coco Chanel entdeckt

Vielleicht hätte die Welt vom Marinière nie etwas erfahren, wenn nicht die Modeikone Coco Chanel 1917 - vor 100 Jahren also - Urlaubstage an der französischen Küste verbracht hätte. Dort sah sie das "Marinières" bei den Matrosen. Später sagte Coco Chanel: "Ich ertrage es nicht allzu fein gemacht zu sein. Manche Stoffe sind mir unangenehm. Ich mag Dinge, die sich gut anfassen." 

Marco Petrucci: "Wie bei so vielen Bekleidungstücken, die ihren Weg aus der Berufsbekleidung gefunden haben in die Mode. Und bei den Marinière war das auch so. Und Coco Chanel … hat sie es bewusst gemacht, man weiß das nicht mehr so genau, aber sie hat es einfach gern getragen. Es gibt dieses berühmte Foto, wo sie in Beauxville ist, und ihr Streifenshirt trägt. Und da sie schon als Modeikone galt, haben die Leute sich das angeguckt. Und ab da kann man schon sagen, hat das Streifenshirt seinen Einzug in die Modewelt gehabt." 

Das berühmte Foto von Man Ray, das Picasso im Marinière zeigt, dann trug James Dean das bretonische Hemd, und Brigitte Bardot, John Wayne, Marcel Marceau, Audrey Hepburn, und, und, und. Heute ist der Streifenpulli nicht mehr aus den Kleiderschränken wegzudenken. Und wird seit 1938 in der Bretagne von der Firma Armor Lux gefertigt.  

Hier, im alten und pittoresken Städtchen Quimper verlassen abertausende Marinière jährlich das Werk. Hunderte von Näherinnen fügen sie in Handarbeit zusammen.

"Jeder, der in Quimper wohnt, und in der Bretagne wohnt, kennt logischerweise das Marinière. An diesen Produkten gibt es keinen Weg vorbei in dieser Gegend." 

Keine Maschine kann den Marinière-Algorithmus

Die Handarbeit bei den Marinière ist kein Luxus oder sentimentale Reminiszenz. Vielmehr:  "Das hängt einfach damit zusammen, dass es bis heute niemandem gelungen ist ein Programm zu entwickeln, die Streifen so zu schneiden, dass man nicht so viel Abfall hat. Hier die Zuschneiderinnen wissen genau wo sie ansetzen müssen, wie sie die Schablonen legen müssen, um nicht so viel Abfall zu haben. Das hat bis heute keine einzige Maschine geschafft. Es gibt keinen Marinière-Algorithmus, der den Abfall verhindern würde." 

Die Welt will das Marinière aus der Bretagne. Aus sehr unterschiedlichen Gründen manchmal.  

"Ich denke grundsätzlich, meistens besteht so eine Sehnsucht, die aus der Stadt kommt und aufs Land getragen wird. Deswegen spielt auch die Bretagne hier so eine Rolle, nach dieser Arbeitswelt, nach diesem Rauen, nach der gegerbten Haut, da träumen alle so ein bisschen davon. Viele Städter, die sich wünschen aus ihrem Büro herauszukommen, und dann mit den Händen zu arbeiten. Ich denke schon, diese Kombination, dass das da mit reinspielt." 

"Die berühmte Fraktion der Hipster, also Bärtigen, die sich da stark mit identifizieren, also nicht nur Marinière, sondern Jeanshosen, da müssen die Jeanshosen wieder ganz roh sein, wie sie früher waren, am besten in Amerika hergestellt, es sind Leute, die sich da auch mit der Historie beschäftigen, die wollen dann wissen woher es kommt, und im wahrsten Sinne woher es kommt." 

Man kann das überprüfen, wenn man, gekleidet mit dem Marinière, in Quimper etwa in die Markhalle "Les Halle" geht, und Langusten anschaut, "Dormeur", die Schläferkrebse oder die Austern, die Hummer, und man sich einen kleinen Moment wie ein Fischer vorkommt, der all das hier heute Morgen vor der bretonischen Küste gefangen hat.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk