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StartseiteEuropa heuteMario Montis Entzauberung12.12.2012

Mario Montis Entzauberung

Ernüchterung nach einjährigem Sparkurs in Italien

Mit Mario Monti an der Spitze Italiens war es gelungen, Reformen auf den Weg zu bringen. Nun hat er seinen Rücktritt angekündigt und Silvio Berlusconi seine Rückkehr in die Politik. Italien steckt in der Rezession, der Inlandskonsum ist zurückgegangen. Die Menschen hatten sich mehr von Monti erhofft.

Von Kirstin Hausen

Manche Italiener glauben, dass Monti Italien kaputtgespart habe. (picture alliance / dpa / Thomas Muncke)
Manche Italiener glauben, dass Monti Italien kaputtgespart habe. (picture alliance / dpa / Thomas Muncke)

Ein Geschäft für Porzellan und Geschenkartikel im Mailänder Zentrum. Eine Kundin lässt sich einen dekorativen Teller für Kekse einpacken, eine Zweite streicht unschlüssig über verschiedene Teetassen. Verstohlen hebt sie sie hoch, um nach dem Preis zu schauen. Ladenbesitzerin Lisetta Bocca wartet diskret ab. Sie ist froh, wenn überhaupt jemand kauft in diesen Zeiten. Statt des vorweihnachtlichen Ansturms herrscht bei ihr an vielen Tagen gähnende Leere.

"Und die Leute, die kaufen, nehmen häufig die preisgünstigeren Artikel."

Ein Kopfschütteln, ein Seufzer, dann widmet sich die Einzelhändlerin ihrem Schaufenster, drapiert die Tischsets mit Tannenzapfen neu, rückt die filigranen Christbaumkugeln aus Glas ins rechte Licht. Zufrieden ist sie mit dem Geschäftsjahr 2012 nicht. Italien steckt in der Rezession, der Inlandskonsum ist zurückgegangen, weil die Kaufkraft der Bürger nachgelassen hat. Von Mario Monti, dem Wirtschaftsprofessor, hatten sich viele Italiener mehr Impulse für Wachstum erwartet. Stattdessen habe er, wie Student Daniele Davico sagt: Italien kaputtgespart.

"Italien ist dabei, zu verarmen. Das passiert in ganz Europa, aber Italien ist besonders betroffen, weil wir keine Wachstumspolitik betreiben, seit den 80er-Jahren schon nicht mehr."

Die italienische Krise hat eine lange Geschichte, darin sind sich auch Italiens Wirtschaftsexperten einig. Durch die Probleme in der Eurozone hat sich die Situation jedoch in kürzester Zeit verschlechtert. Mario Monti hat dafür gesorgt, dass Italien an Glaubwürdigkeit im Ausland gewinnt und auf diese Weise dem Land Kredite verschafft. Doch die von ihm verordneten Sparmaßnahmen belasten vor allem die unteren Einkommensschichten und den Mittelstand. So erklärt sich die weitverbreitete Unzufriedenheit und gesunkene Popularität des scheidenden Ministerpräsidenten Mario Monti.

"Den Mittelstand gibt es doch gar nicht mehr, wir sind alle arm geworden."

Besonders kritisch wird in Italien Montis Eigenheimsteuer gesehen. Die wenigsten in Italien leben zur Miete, stattdessen bringen sie enorme Opfer, um ihre monatlichen Raten für die eigenen vier Wände zahlen zu können. Zum Jahresende flattern den Hausbesitzern Zahlungsaufforderungen ins Haus, die mancherorts für schiere Verzweiflung sorgen.

"Die Steuern müssen gesenkt werden, und wenn alle Steuern zahlen, ist das auch möglich. Das wäre gut für alle und würde uns eine Perspektive für die Zukunft geben."

Aber die fehlt momentan mehr denn je. Montis angekündigter Rücktritt hat ein politisches Vakuum geschaffen, in das die Protestbewegung um den ehemaligen Komiker Beppe Grillo ebenso stößt wie rechte Gruppierungen. Vielleicht wird Monti zu den Neuwahlen, die für Februar 2013 geplant sind, als Spitzenkandidat einer noch nicht formierten Liste antreten. Ihn würde Silvio Berlusconi, der seine Kandidatur bestätigt hat, mehr fürchten als den Generalsekretär der Demokratischen Partei Pierluigi Bersani.

"Ich kann es nicht glauben, dass Berlusconi noch einmal antreten will", sagt der Student Daniele Davico.

"Ich fürchte, die älteren Wähler könnten ihm wieder ihre Stimme geben. So wie meine Oma, die hat schon 1994 Berlusconi gewählt. Es ist nicht zu fassen."

Berlusconis Wahlkampfmaschine läuft bereits auf Hochtouren. Seine Fernsehsender stärken ihm wie üblich den Rücken. Derzeit lehnen 80 Prozent der Italiener eine erneute Amtszeit des Medienunternehmers ab, aber bis Februar bleibt ihm noch etwas Zeit, für einen Stimmungswandel im Land zu sorgen.

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