Dienstag, 19.01.2021
 
Seit 09:10 Uhr Europa heute
StartseitePolitische Literatur (Archiv)Mario Vargas Llosa: Nationalismus als neue Bedrohung17.07.2000

Mario Vargas Llosa: Nationalismus als neue Bedrohung

Edition Zweite Moderne im Suhrkamp Verlag, Oktober 2000, ca. 250 S., ca. 34,-- DM. Suhrkamp Verlag, Frankfurt

(Zitate aus: Der Fisch im Wasser. Erinnerungen, 1995 Gegen Wind und Wetter. Literatur und Politik, 1988 Maytas Geschichte. Roman, 1986 Der Krieg am Ende der Welt. Roman, 1982) <strong> Muss Literatur politisch engagiert sein, darf sie es, ohne künstlerische Substanz einzubüßen? Dieser Streit ist alt, viele Schriftsteller haben sich in die Auseinandersetzungen ihrer Zeit heftig eingemischt, nicht immer aber hat sich das in ihren literarischen Werken niedergeschlagen. Besonders weit hat sein Engagement der 1936 in Peru geborene Schriftsteller Mario Vargas Llosa getrieben, der 1990 peruanischer Ministerpräsident zu werden versuchte und an Alberto Fujimori knapp scheiterte. Der heute 64-jährige Vargas, 1996 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet, weil er "Freiheit und Gerechtigkeit als Bedingung des Friedens ins Zentrum seines erzählerischen und essayistischen Werkes gestellt" habe, hat diverse politische Wandlungen hinter sich gebracht. Er wurde als Sohn einer großbürgerlichen Familie im peruanischen Arequipa geboren, wuchs in Bolivien auf, wo er in der Kadettenanstalt Leoncio Prado Bekanntschaft mit dem autoritären Erziehungsstil der lateinamerikanischen Führungsschichten machen musste. In seinem ersten Roman "Die Stadt und die Hunde" hat er später diese Erlebnisse literarisch verarbeitet. Als Student in Lima gehörte Vargas Llosa einer revolutionären Untergrundgruppe an, die die verbotene kommunistische Partei wiederzugründen hoffte, was ihm Erfahrungen mit dem Unterdrückungsapparat einer Diktatur verschaffte. Mit 22 Jahren bekam er ein Promotionsstipendium für Madrid und lebte von da an meistens in Europa, arbeitete als Schriftsteller, Journalist und Übersetzer. Später bekam er in London einen Lehrstuhl für lateinamerikanische Literatur, schließlich hatte er über Garcia Márquez promoviert, mit dem ihn heute eine herzliche persönliche und politische Feindschaft verbindet.</strong>

Peter B. Schumann

Nach Auseinandersetzungen um die sich immer autoritärer gebärdende kubanische Revolution und Erfahrungen mit der linken Militärdiktatur Velascos in Peru setzte Vargas Llosa sich von der Linken ab. Mit der gleichen Leidenschaft, mit der er zunächst für deren Ideale gestritten hatte, begann er nun seine ehemaligen Genossen zu verfolgen. Nachdem er zuerst für Meinungsfreiheit und demokratische Prinzipien eintrat, legte er später ein besonderes Gewicht auf ökonomische Freiheit. Als beredter Antikommunist von Konservativen in Europa und den USA hofiert, galt er seinen Kritikern in den 90-er Jahren vor allem als Neoliberaler. Seine eigene Kritik am diktatorischen Führungsstil des peruanischen Fujimori-Regimes ließ Vargas Llosa befürchten, er werde seine Staatsbürgerschaft im Andenstaat verlieren. Er beantragte den spanischen Pass, den er 1993 auch bekam.

Trotz aller politischen Scharmützel, in die sich der Schriftsteller verwickeln ließ, war sein literarisches Werk stets anerkannt, auch wenn viele Kritiker Gabriel Garcia Márquez und Carlos Fuentes für die bedeutenderen Vertreter lateinamerikanischer Literatur halten, und damit ausgerechnet die beiden, die auch Vargas größte Widersacher in der politischen Sphäre sind. Während in Spanien gerade sein neuester Roman erschien, bringt der Suhrkamp Verlag in Deutschland jetzt erst einmal einen neuen Essayband des Peruaners heraus. "Nationalismus als neue Bedrohung" heißt er. Peter B. Schumann nimmt dieses Buch zum Anlass, einige Aspekte des Verhältnisses von Politik und Literatur bei Mario Vargas Llosa zu beleuchten:



Ich betrachte mich als Liberalen und kenne viele Leute, die liberal sind, freilich noch mehr, die es nicht sind. Im Gegensatz zum Marxismus oder den Faschismen hat der Liberalismus in Wahrheit keine Dogmatik, keine geschlossene und selbstgenügsame Ideologie mit vorgefertigten Antworten auf alle sozialen Probleme. Er ist eine Lehre, die ausgehend von einer relativ geringen und klaren Menge von Grundprinzipien, in deren Zentrum die Verteidigung der politischen und ökonomischen Freiheit - das heißt der Demokratie und des freien Marktes - steht und die in ihrem Innern eine große Vielfalt von Tendenzen und Nuancen zulässt.

Mario Vargas Llosa in seinem jüngsten Band Nationalismus als neue Bedrohung. Er enthält politische Bekenntnisse zu einer Reihe unterschiedlicher Themen, mit denen sich der peruanische Autor mit dem spanischen Paß in den 90-er Jahren beschäftigt hat. So klar allerdings wie in dem Beitrag Der Liberalismus an der Schwelle zweier Jahrtausende, den er 1998 bei einem Aufenthalt in Berlin verfasste, hat er nur selten seinen Standpunkt als Vertreter liberalen Denkens formuliert.

Die Bildung riesiger Konzerne stellt nicht schon an sich eine Gefahr für die Demokratie dar, solange es noch eine wirkliche Demokratie und das heißt gerechte Gesetze und starke Regierungen gibt, die sie durchsetzen... Solange diese Regierungen die Märkte für den Wettbewerb offenhalten und eine entschieden antimonopolistische Politik betreiben, seien uns große Konzerne willkommen, denn sie haben bewiesen, dass sie die Speerspitze des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts sind.

Das ist eine europäisch geprägte Auffassung, obwohl es selbst in Westeuropa die "wirklichen Demokratien" nicht schaffen, "eine entschieden antimonopolistische Politik zu betreiben", denken wir nur an die Benzinpreise. Und tatsächlich müsste der Lateinamerikaner beim Blick auf seinen Kontinent zu ganz anderen Ergebnissen kommen, denn dort nimmt die Industrie auf die Politik sehr viel unverblümter Einfluß als beispielsweise in Deutschland, wo wir immerhin bereits "schwarze Parteikassen" kennen. Statt gegen das Primat der Ökonomie über die Politik polemisiert Vargas Llosa lieber gegen jene, die ihn kritisieren, weil er die Folgen ökonomischer Dominanz ignoriert, und ihn deshalb des Neoliberalismus verdächtigen.

Die Formulierung wurde nicht erfunden, um eine Wirklichkeit auf den Begriff zu bringen, sondern um die Lehre mit der ätzenden Waffe des Spotts semantisch zu diskreditieren, die besser als jede andere die außerordentlichen Fortschritte symbolisiert, die die Freiheit im ausgehenden Jahrtausend auf dem langen Weg der menschlichen Zivilisation gemacht hat.

Den Liberalismus derart zu verabsolutieren, trägt schon Züge jenes Dogmatismus, den er selbst so gerne seinen Kritikern vorwirft. Dabei lassen sich viele seiner Meinungen durchaus teilen, so z.B. seine Stellungnahme zum Krieg auf dem Balkan, die er 1996 bei der Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels formulierte:

Die furchtbaren Verbrechen, die der nationalistische und rassistische Fanatismus im ehemaligen Jugoslawien begangen hat, diesem Pulverfaß, das gelöscht, aber nicht völlig entschärft ist, und die durch ein zielgerichtetes Vorgehen der westlichen Länder hätte verhindert werden können - beweisen sie nicht die Notwendigkeit einer energischen Initiative im Bereich der Ideen und der öffentlichen Moral, die den Bürger über das in Kenntnis setzt, was auf dem Spiel steht und ihm ein Gefühl der Verantwortung vermittelt? Die Schriftsteller können zu dieser Aufgabe beitragen, wie sie es oft in der Vergangenheit getan haben, als sie noch glaubten, die Literatur diene nicht nur zur Unterhaltung, sondern auch dazu, zu problematisieren, zu beunruhigen und zum Handeln für eine gute Sache anzustiften.

Die "gute Sache", die Mario Vargas Llosa seit seinen schriftstellerischen Anfängen in den 60-er Jahren vertritt, lässt sich zunächst ganz allgemein als die Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse definieren. Bereits seine ersten Romane, die ihn berühmt gemacht haben, sind davon geprägt. Die Stadt und die Hunde ist eine heftige Attacke auf das Erziehungswesen in den Kadettenanstalten, das schon junge Menschen zerbrechen kann. Im Grünen Haus werden die ökonomischen Mechanismen der Ausbeutung der indianischen Bevölkerung herausgestellt und die Rolle, die Kirche und Armee dabei übernehmen. Gespräch in der Kathedrale führt ins politische Zentrum der Macht, bis hin zum Sicherheitsdienst von Innenministerium und Heer. Diese "peruanische Trilogie" ist eine schonungslose Abrechnung mit dem Herrschaftssystem seines Landes, dem er z.B. als Zögling einer Kadettenanstalt selbst ausgeliefert war. Zwei Elemente - die persönlichen Erfahrungen und der Wille, sie literarisch zu verarbeiten, um so auf gesellschaftliche Verformungen hinzuweisen - bilden also den Antrieb für das außerordentliche Engagement, das Leben und Werk dieses Autors charakterisiert, ein Engagement, das für einen Intellektuellen ganz selbstverständlich sei - wie er 1996 in einem Interview erklärte.

Ich glaube, er hat eine moralische Verpflichtung, sich an der gesellschaftlichen Debatte zu beteiligen. Der Intellektuelle ist jemand, der sich naturgemäß mit Ideen auseinandersetzt, und es ist sehr wichtig, dass er deshalb dazu beiträgt, die Probleme aufzuzeigen, die Prioritäten deutlich zu machen und Lösungen zu suchen... Wenn die Literatur sich nicht von den Problemen der Gemeinschaft beeinflussen lässt, dann verliert sie die Vitalität, die große Literatur auszeichnet, und kann leicht zu einer Aktivität der Katakomben, zu einer marginalen, exzentrischen Aktivität werden. Die Literatur, die mein Leben bereichert und ihm Orientierung verliehen hat, wurzelt tief in den uns alle bewegenden Problemen.

In den Schriften von Jean-Paul Sartre und seiner Zeitschrift Les Temps Modernes, die er "andächtig" las - wie er schrieb - fand er u.a. die theoretische Begründung für sein frühes gesellschaftliches Engagement. Er muss den französischen Philosophen damals in den intellektuellen Debatten Mitte der 50-er Jahre so eifrig zitiert haben, dass ihn seine Freunde "Sartrecillo valiente", das "tapfere Sartrelein", nannten. Gleich zu Beginn seines Studiums der Geistes- und Rechtswissenschaften hatte er sich voller Begeisterung der Kommunistischen Partei angeschlossen und zusammen mit Studienkollegen an der Universität von San Marco in Lima eine kommunistische Zelle aufzubauen versucht. Aber die "revolutionären Heldentaten" waren "nicht eben zahlreich", wie er sich später erinnerte.

Erst in den 60-er Jahren, in Europa, sollte ich mich ernsthaft bemühen, Marx, Lenin, Mao und heterodoxe Kommunisten wie Lukács, Gramsci und Goldmann oder den extrem orthodoxen Althusser zu lesen, angespornt von meiner Begeisterung für die Kubanische Revolution, die ab 1960 wieder mein Interesse für den Marxismus-Leninismus weckte.

Sein belletristisches Werk - wie die in den 60-er Jahren geschriebene peruanische Trilogie - hat diese Auseinandersetzung um den richtigen Weg der Linken nicht direkt berührt. Der Autor entwirft zwar deprimierende Gesellschaftsbilder, aber er verbindet sie nicht mit einer sozialen Utopie. Sind seine Sujets auch von politischer Erfahrung gespeist, so benutzt der Intellektuelle doch die Literatur nicht zur Verbreitung politischer Konzepte. Wenn er sich im Interesse praktischer Politik einmischen will, dann gibt er - wie viele andere Autoren auch - Interviews oder schreibt Artikel und Essays. Aus ihnen läßt sich erkennen, dass Mario Vargas Llosa bis Ende der 60-er Jahre marxistische Ideen vertrat, in Cuba eine Alternative zu den meist diktatoralen lateinamerikanischen Regimes sah und sogar mit Fidel Castro befreundet war. Doch dann traten Ereignisse ein, die seine Hoffnungen zunichte machten: der Einmarsch sowjetischer Truppen in die Tschechoslowakei im Sommer 1968 und der "Fall Padilla" in Cuba vom Frühjahr 1971, der bis dahin schlimmste Akt geistiger Repression auf der Zuckerinsel. Viele namhafte Intellektuelle kritisierten damals die Castro-Regierung öffentlich, was zu einer heftigen Polemik und schließlich zur folgenreichen Spaltung der lateinamerikanischen Linken in Sympathisanten und Gegner Kubas führte. Kurz darauf formulierte Vargas Llosa in einem Interview:

Der Sozialismus, an dem ich teilhabe, ist nicht von Freiheit zu trennen ... und läßt oppositionelle Parteien, Pressefreiheit und Machtwechsel zu.

Für Cuba sieht der Schriftsteller deshalb nach dem Fall Padilla keine sozialistische Zukunft mehr, wohl aber in dem sozialreformerischen Programm der linken peruanischen Militärregierung von General Velasco Alvarado. Doch auch dieser Versuch scheitert 1976.

Was bleibt von der sog. peruanischen Revolution, die nach ihrer eigenen Propaganda einen authentischen freiheitlichen Sozialismus errichten wollte? Es bleibt eine typische lateinamerikanische Militärdiktatur, in der die Streitkräfte wie eine Einheitspartei operieren.

Vargas Llosa beginnt sich vom Sozialismus zu lösen und nach Gesellschaftsmodellen Ausschau zu halten, die garantieren können, was damals für ihn im Zentrum seines politischen Weltbildes stand: die Meinungsfreiheit.

Das Problem der Information ist das erste Problem, das eine Gesellschaft, die sich von ihren Übeln befreien will, lösen muss.

Zu diesen "Übeln" zählt der Autor nun immer häufiger auch die Linke. Seine immer polemischer werdenden Kritiken sind nur als der Versuch, sich von der eigenen Vergangenheit abzunabeln, begreifbar. In seinen Erinnerungen Der Fisch im Wasser, die 1993 auf Spanisch und 1995 auf Deutsch erschienen, rechnet er gnadenlos mit den peruanischen Intellektuellen ab, macht sie für den kulturellen und politischen Niedergang des Landes verantwortlich und wirft ihnen "moralische Lähmung" vor.

Wer der ungeschriebenen (sozialistischen) Losung nicht folgte, verurteilte sich zum Dasein in der Wüste: zur Randexistenz und zum beruflichen Scheitern. Daher dieser Mangel an Authentizität, diese, wie Jean-François Revel formulierte, "moralische Hemiplegie", in der sie lebten und die sie veranlaßte, in der Öffentlichkeit eine defensive Haarspalterei zu betreiben - eine Art Erkennungszeichen zur Sicherung ihrer Position innerhalb des Establishments, die keiner inneren Überzeugung entsprach... Aber wenn man in dieser Weise lebt, dann ist die Perversion des Denkens und der Sprache unvermeidlich.

Als "billige Intellektuelle" apostrophiert sie Vargas Llosa und grenzt sie deutlich von den "aufrichtigen Sartrecillos" ab, der anderen Spezies von Intellektuellen, zu denen er sich selbst zählt. Zwei Kapitel widmet er diesen beiden Gruppen in seinen Memoiren, läßt sie so demonstrativ aufeinander folgen, dass sie zu einer einzigen, groß angelegten Abrechnung werden. Mag der Autor in manchem Aspekt seiner Kritik auch Recht haben, er lässt nicht einen einzigen guten Faden an den linken Intellektuellen seines Landes. Die ihrerseits haben ihm seinen Sinneswandel nie verziehen und ihn rücksichtslos attackiert. Mario Vargas Llosa hat ebenso scharf zurückgeschossen und dabei allmählich sein Differenzierungsvermögen eingebüßt. Die linke Intelligenz ist für ihn heute nicht einmal mehr ein Gesprächspartner.

Die sich progressiv dünkenden Intellektuellen, diese zahlreiche Sippschaft, Opfer moralischer Lähmung, sind stets bereit, gegen die Verstöße rechtsgerichteter Diktaturen aufzuheulen, schweigen aber wie ein Grab, wenn die Folterer, Mörder, Unterdrücker und Zensoren linken Diktaturen angehören. Wenn es nach ihnen ginge, wäre Stalin noch im Kreml, Ceausescu in Rumänien, Enver Hodscha in Tirana, und Fidel Castro bliebe auf Cuba bis ans Ende aller Zeiten.

Ein Zitat aus seinem Kommentar über die Demonstrationen des sozialen Aufbegehrens im August 1994 in Havanna, die Castro brutal niederknüppeln ließ. Mario Vargas Llosa hat sich im letzten Jahrzehnt immer stärker als ein ideologisches Gegengewicht zu den mächtigen Stimmen von Gabriel García Márquez oder Carlos Fuentes profiliert. Er lehnt es ab, politische Systeme an ihren sozialrevolutionären Utopien oder an ihren sozialen Errungenschaften zu messen. Allein der Grad an praktizierter Demokratie - und dazu gehört als fundamentaler Bestandteil die Beachtung der Menschenrechte - erscheint ihm wichtig. Auch das Regime Fujimoris in Peru, seinem Heimatland, kritisiert er unter diesem Gesichtspunkt:

Die unfertige Demokratie, die wir hatten, ist seit dem Staatsstreich Fujimoris im Jahr 1992 zerstört worden. Er hat den Militärs die Macht im Staat überlassen. Er hat die Massenmedien und die Justiz unter Kontrolle gestellt. Er hat eine ziemlich positive Wirtschaftspolitik praktiziert, aber es bleibt eine Diktatur, und ich bin gegen alle Diktaturen. Eine gute Wirtschaftspolitik rechtfertigt keinesfalls die Zerstörung des demokratischen Systems.

Demokratie als vom Staat möglichst wenig beschränktes Operationsfeld der Wirtschaft - dieses liberalistische Gesellschaftsbild unterscheidet ihn von vielen seiner Schriftsteller in Lateinamerika und macht ihn zugleich nicht nur für konservative Kreise in Europa attraktiv. Nicht umsonst hat man ihn hier wie keinen anderen Lateinamerikaner mit Preisen geradezu überhäuft. In Vargas Llosas Vorstellung von Demokratie nimmt die Freiheit einen viel breiteren Raum als beispielsweise die Gleichheit ein. Er hält beide Ziele sogar für "miteinander unverträglich":

Auch wenn sie sich über eine kurze Wegstrecke anfreunden, fangen danach die Reibungen und Streitereien wieder an. Die Freiheit zum Wohl der Gleichheit zu unterdrücken, bringt nur, wie die Millionen im Gulag geopferter Männer und Frauen beweisen, eine sehr relative und scheinbare Gleichheit hervor. Andererseits wird es dadurch unmöglich, Wohlstand zu schaffen, so dass die ganze Gesellschaft (mit Ausnahme einer privilegierten Nomenklatur) über kurz oder lang Not leidet und auf das reine Existenzminimum (und manchmal nicht einmal das) verwiesen bleibt.

Vargas Llosa vermag sich offensichtlich eine Gesellschaft gleicher Menschen nicht ohne ein Zwangsregime vorzustellen - nicht einmal als verfassungsstiftende Utopie. Soziale Gleichheit - und darum geht es vor allem - erscheint ihm a priori als Einschränkung der Freiheit. Seine Demokratie garantiert nicht nur die Bürgerrechte, sondern auch -

Unternehmergeist, Investitionsbereitschaft und Kreativität, das heißt der Nährboden für Wohlergehen und Fortschritt.

Oder anders gesagt:

Das Wichtigste ist, dass die ökonomischen Rechte des Bürgers in jedem Moment ebenso respektiert werden wie seine bürgerlichen und politischen Rechte und dass alle Bürger jederzeit einen freien Zugang zum Markt haben. Nur so kann die gesamte Gesellschaft sicher sein, dass der wirtschaftliche Erfolg eines Individuums oder einer Firma einzig und allein auf Talent und Arbeit beruht.

Mit der Realität nicht nur in Lateinamerika hat das wenig zu tun. Die krasse Armut von Millionen, die immer weiter steigende Massenarbeitslosigkeit, der Mangel an Bildung und medizinischer Versorgung lassen diese Auffassung wie ein idealistisches Relikt des 19. Jahrhunderts erscheinen. Zwanzig Jahre früher hatte derselbe Autor noch für einen freiheitlichen Sozialismus plädiert. Heute ist bei ihm nicht einmal mehr von einer sozialen Marktwirtschaft die Rede, sondern nur von "sozialer Mobilität".

Sie ist in einer Demokratie die Basis für Gerechtigkeit, denn sie gibt jedem die Chance, allein durch eigene Anstrengung und Erfindungsgabe die Erfolgsskala hinaufzuklettern oder durch eigene Faulheit und Unfähigkeit abzusteigen.

Milton Friedman und seine "Chicago Boys" müßten die reine Freude an diesem Vargas Llosa haben, der offensichtlich nicht wahrhaben will, dass es Länder wie die Lateinamerikas gibt, wo die soziale Mobilität sich darin erschöpft, dass die gewiß nicht "durch eigene Faulheit" arbeitslosen Massen nur noch im "informellen Wirtschaftssektor" aktiv sein können. Die zahllosen fliegenden Händler in Lima oder Mexiko-Stadt verfügen vielleicht über "Erfindungsgabe", aber sie haben ganz sicher keine Möglichkeit, "die Erfolgsskala hinaufzuklettern". Mit Wohnsitzen in Lima, London und Madrid läßt sich gewiß leicht von Eigeninitiative schwärmen, es berechtigt aber kaum, die gesellschaftlichen Voraussetzungen unter den Teppich zu kehren. Auf dem Weg zu dieser Position hat Vargas Llosa einen längeren Entwicklungsprozess durchlaufen, der sich in den 80er Jahren auch in seinem belletristischen Werk mehr und mehr abzuzeichnen beginnt.

Der Mann war hochgewachsen und so mager, dass er immer wie im Profil wirkte. Seine Haut war dunkel, seine Knochen vorstehend, und seine Augen brannten in immerwährendem Feuer. Er ging in Hirtensandalen, und das violette Gewand, das lose an seinem Körper herabfiel, erinnerte an die Tracht der Missionare... Über sein Alter, seine Herkunft, seine Geschichte war nichts zu erfahren, aber in seinem ruhigen Äußeren, in seiner kargen Lebensweise, seinem unerschütterlichen Ernst lag etwas, das die Leute anzog, noch ehe er Rat erteilte.

"Ratgeber" nannten ihn die Armen von Canudos. Er wiegelte sie dazu auf, Ländereien zu besetzen, um sie "vom Bösen zu reinigen", und dabei all jene umzubringen, die sich dagegen wehrten. Mit dem Roman Der Krieg am Ende der Welt von 1981 tastet sich Mario Vargas Llosa langsam an seinen neuen politischen Standort heran. Dazu begibt er sich erst einmal auf Distanz zu Peru, wo der Wirbel um seine Person und seine politischen Rundumschläge stets am heftigsten waren, und versetzt sich zurück ans Ende des 19. Jahrhunderts und ins riesige Nachbarland Brasilien, in eine andere Zeit und in eine andere Kultur. Aber auch dort, in der Dürre- und Hungerregion des Nordostens, in dem buchstäblich gottverlassenen Nest Canudos, sozusagen "am Ende der Welt", findet er in einem Krieg zwischen einigen tausend Hungerleidern und der Obrigkeit die Themen, die ihn immer wieder herausfordern: religiöser und politischer Wahn, Fanatismus.

Kaum einen Augenblick später leuchteten seine Augen wie von einer inneren Explosion, und er ging, ja lief durch die Menge, die ihm den Weg freigab, zu den Anschlagbrettern mit den Erlassen und riss sie ungelesen herunter, das Gesicht entstellt von einer Empörung, in der sich die Empörung aller zu verdichten schien. Dann bat der Ratgeber sie mit bebender Stimme, diese verfluchten Schriften zu verbrennen, und gab, ehe er in die Kirche ging, um zu beten, den Menschen in diesem abgelegenen Winkel einen schrecklichen Vorgeschmack: Der Antichrist sei in die Welt gekommen, und sein Name sei Republik.

Die junge brasilianische Republik konnte aber die christliche Anarchie nicht dulden, die der Ratgeber und seine Mitläufer verbreiteten, und schickte eine Polizeitruppe los, um die Ordnung wieder herzustellen. Die Menge in ihrem heiligen Wahn schlug sie zunächst in die Flucht.

Also baute die Republik ein Gespenst auf, um die Rebellen besser hassen zu können, um sie besser töten und unterdrücken zu können.

kommentiert Vargas Llosa seinen Roman und erklärt, wer dahinter steckt:

Und dieses Gespenst entstand mit Hilfe der brasilianischen Intellektuellen, eben mit den fortschrittlichen Intellektuellen, die entschieden zum Sturz der Monarchie beigetragen hatten. Ihre Erklärung war, dass es sich nicht um arme Bauern handelte, sondern um Exilierte, um monarchistische Kräfte, die von den Engländern, den Verbündeten des monarchistischen Brasiliens, Unterstützung, Munition, Waffen und Berater erhielten. Sie bauten sozusagen das Gespenst einer Verschwörung auf.

Tatsächlich waren Politiker und Militärs die Urheber dieses Komplotts. Vargas Llosa benennt sie sogar an anderer Stelle, macht aber die Intellektuellen zu den eigentlichen Rädelsführern, den geistigen Urhebern. Und er erfindet zu dem historisch verbürgten Personenrahmen noch einen schottischen Anarchisten hinzu, Galileo Gall, der sich dazu verführen läßt, die Waffen für die höchst explosive Intrige zu liefern. Canudos wird so zu einem Beispiel für die "Perversion des Denkens", die der Autor immer wieder "den fortschrittlichen Intellektuellen" vorwirft, von denen er sich geradezu manisch abzugrenzen bemüht. Doch der Krieg um Canudos dient ihm auch zur Beschreibung einer Kommune unter christlichem Zeichen, wo -

- unterschiedliche Menschen in brüderlicher Solidarität in einem Klima des Überschwangs lebten.

Wer sich jedoch ihrem Gebot der Glückseligkeit nicht fügte, den brachten sie um. Die Kommune wird schließlich unter einem Berg von Trümmern und Leichen begraben. Für Vargas Llosa gilt:

Diese absoluten Utopien - das Christentum in der Vergangenheit, der Sozialismus in der Gegenwart - haben ebenso viel Blut vergossen, wie sie retten wollten.

So heißt es in einem Essay von 1981, also der Zeit, in der er den Krieg am Ende der Welt verfaßte. Auf diesem metaphorischen Umweg über die brasilianische Historie nähert sich der Autor seinem politisch ausgereiftesten Roman, Maytas Geschichte, seiner eigentlichen Absage an die sozialistische Utopie.

Warum Mayta? Weil sein Fall der erste in einer Reihe war, die eine ganze Epoche prägen sollte? Weil er der absurdeste war? Weil er der tragischste war? Weil er, in seiner Absurdität und Tragik, etwas vorweggenommen hat? Oder einfach weil seine Person und seine Geschichte etwas Erschütterndes haben, dem ich mich nicht entziehen kann, etwas, das über ihre politischen und moralischen Implikationen hinaus so etwas wie ein Röntgenbild der peruanischen Misere ist?

So fragt sich Vargas Llosa, der sich selbst als Erzähler in seinem Roman eine Rolle gibt und wie in keinem anderen narrativen Werk persönliche Erlebnisse und Erfahrungen verarbeitet hat.

Der Roman lügt, um zu einer tieferen Wahrheit zu gelangen. Er erzählt Lügen, als ob es Wahrheiten wären.

Nach dieser Theorie vermischt er in Maytas Geschichte authentisches biographisches Material einer bekannten Persönlichkeit Perus mit Fakten eigener politischer Umtriebe seiner Studentenzeit, die er später noch einmal in seinen Memoiren aufgreifen wird. In diesem Zusammenhang interessiert vor allem das Bild dieses Mayta, dieses peruanischen Trotzkisten, an dessen aberwitzigem Vorhaben der Autor

die Folgen der dogmatischen Sehweise und der Verherrlichung der Gewalt als Lösung sozialpolitischer Probleme

demonstrieren möchte. Mayta erscheint als puristischer Sektierer, der eine Revolution ohne Basis betreibt und dazu mit einer Handvoll Genossen sowie sieben Schulkindern in die Berge zieht, um die Indios zu mobilisieren. Natürlich scheitert dieser trotzkistische Idealist, der zum Fanatiker wird, an seinem Wahn und der Verkennung der Realitäten - ein wenig versteckter Hinweis auf Ernesto Che Guevara und seinen abenteuerlichen Versuch, von Bolivien aus die Revolution in Lateinamerika zu entfachen. Doch mit politischer Kritik begnügt sich der Autor nicht. Der linke Anstifter muß auch noch schwul sein, was der selbstverständlich verleugnet. Ideologisches Omnipotenz-Streben ist vielleicht doch nur eine Frage mangelhafter Potenz.

In diesem Augenblick empfand er große Achtung vor Vallejos, ein wenig Neid auf seine Jugend und seine Begeisterung, und noch etwas mehr, ein tiefes, warmes Gefühl. Auf dem nächsten Treffen des Zentralkomitees des POR(T) würde er eine Grundsatzdebatte fordern, weil die Sache in Jauja jetzt andere Dimensionen annahm. Als er von dem kleinen Tisch in der Ecke aufstehen wollte..., fiel sein Blick auf seine gewölbte Hose. Sein Gesicht, sein ganzer Körper stand in Flammen. Ihm wurde bewußt, dass er zitterte vor Verlangen.

Die übrigen Linken sind stalinistische Dogmatiker, die ihre Kurzsichtigkeit hinter dicken Brillengläsern verbergen. Oder Demagogen, die sich problemlos auch in anderen Regimes verwenden lassen. Oder Opportunisten, die sich als fähig erweisen, unter jeglichem System das Image eines fortschrittlichen Intellektuellen zu wahren. Oder ganz einfach Verräter ihrer Genossen. In diese Umgebung der Disqualifikation pflanzt Vargas Llosa Guerilleros wie Javier Heraud, den er 1963 noch als Helden gerühmt hatte, die linke Guerillaorganisation MIR, die den Befreiungskampf unterstützende Partei FLN und natürlich die Kubanische Revolution. Unterschiedslos legen sie alle eine Blutspur, die - für ihn zwangsläufig - zum Sendero Luminoso führt, dem ‘Leuchtenden Pfad’, d.h. zum brutalsten Grad der Pervertierung revolutionärer Ideale. Mario Vargas Llosa ist jedoch zu intelligent, um Maytas Geschichte auf eine einzige Erkenntnislinie festzulegen. Er verwendet seine hohe Kunstfertigkeit dazu, ständig literarische Pirouetten um seine Hauptfigur zu drehen.

Ist das Ganze eine Farce, um Maytas Andenken bei denen in den Schmutz zu ziehen, die sich noch an ihn erinnern? Worauf beruht dieser Haß? Ist er politisch, persönlich, beides zusammen?

Er interveniert als Erzähler, der aber nicht unbedingt mit dem Autor identisch sein muß, um sich mitunter vom Erzählten zu distanzieren, um die gerade vorgenommenen Charakterisierungen anzuzweifeln. Es ist ein komplexes Spiel, bei dem Vargas Llosa auch Niederungen und Tiefschläge nicht scheut und mit Vertretern der Befreiungstheologie ebenso abrechnet wie mit Ernesto Cardenal, dem nicaraguensischen Poeten und Priester. Er wird hier zu einem Musterbeispiel für

Demagogie, Unaufrichtigkeit und Effekthascherei.

Vargas Llosa wirft ihm vor, dass er keinen Unterschied zwischen dem Reich Gottes und der kommunistischen Gesellschaft mache, dass er die Situation in Cuba und in der Sowjetunion verharmlose und dergleichen mehr.

Jedes Mal, wenn ich versuche, ihn zu lesen, steigt vom Text selbst, gleich einer zersetzenden Säure, die Erinnerung an den Mann herauf, der ihn geschrieben hat.

Einer der renommiertesten Schriftsteller Lateinamerikas versucht einen der angesehensten Dichter seines Kontinents zur Strecke bringen, nur weil der sich zu kommunistischen Idealen bekennt. Maytas Geschichte vermittelt zuweilen den Anschein eines literarischen Exorzismus, von dem am Schluß nichts bleibt als der Strich unter die eigene Vergangenheit. Politische Alternativen zu den belletristischen Schreckensbildern will Mario Vargas Llosa in seinen Romanen nicht liefern. Er läßt zwar seit den 80-er Jahren seine ideologische Überzeugung in seine fiktionalen Geschichten einfließen, macht sie aber lediglich in der Negation, als Ablehnung bestimmter Haltungen und Positionen, kenntlich. Wer nach seinem politischen Konzept sucht, muß zu den Essays greifen, die in mehreren Bänden unter dem Titel Gegen Wind und Wetter versammelt sind, zumindest auf Spanisch. Die deutsche Ausgabe beschränkt sich bisher auf einen Auswahlband und das jetzt erscheinende Buch Nationalismus als neue Bedrohung. Zwischen beiden Editionen fanden bemerkenswerte Entwicklungsschritte statt.

Man muss berücksichtigen, dass in Gesellschaften mit Ungleichgewichten, wie sie die Länder der Dritten Welt aufweisen, jeder Begriff von Freiheit zweifelhaft ist. Bei derartigen Ungleichgewichten wird es niemals die Chancengleichheit einer Marktwirtschaft im Reinzustand geben, und die Freiheit wird in solchen Ländern zu einer Abstraktion, die nur sehr kleine Minderheiten konkret genießen können.

Das Zitat stammt aus einem Text von 1983, und darin heißt es weiter:

Sozialer Fortschritt, der auf Freiheit beruht und diese verstärkt, ist in Ländern wie den lateinamerikanischen nur durch das Eingreifen des Staates möglich. Aber dieses Eingreifen muß behutsam und klug sein und sicherstellen, dass der ökonomische Fortschritt auch Fortschritt der Gerechtigkeit bedeutet, ohne deshalb die Privatinitiative einzuschränken.

Vor knapp zwanzig Jahren hatte sich der Autor vom Sozialismus gänzlich abgewandt und für eine soziale Demokratie zu plädieren begonnen. Ihn faszinierte der außergewöhnliche Entwicklungsstand der skandinavischen Länder, für ihn

das Verdienst der Politik der Sozialdemokratie.

Damals lobte er bereits, dass sie das Privateigentum an den Produktionsmitteln respektiere und der Marktwirtschaft ein weites Aktionsfeld eingeräumt habe.

während sie gleichzeitig den Staat intervenieren ließ, um übermächtige Ungleichgewichte zu korrigieren und zu verhindern.

Inzwischen hat er sich jedoch von einem Theoretiker des Liberalismus wie Adam Smith, der sich im 19. Jahrhundert zu einer offenen Gesellschaft und einer freien Wirtschaft bekannte, beeindrucken lassen, aber auch von Denkern wie Alexis de Tocqueville, Karl Popper und Isaiah Berlin.

Wenn die Rolle der multinationalen Konzerne in vielen Drittwelt-Ländern verwerflich ist, so trifft die Verantwortung letztlich den, der die Spielregeln des ökonomischen, sozialen und politischen Lebens festsetzt, nicht den, der diese Regeln lediglich anwendet, um Gewinne zu erwirtschaften.

Das ist eine sehr idyllische Auffassung des Machtverhältnisses von Wirtschaft und Staat, zumal in den Ländern der sog. Dritten Welt, wo politische und ökonomische Interessen stark verfilzt sind und nicht selten internationale Konzerne die "Spielregeln" der Regierungspolitik diktieren. Mario Vargas Llosa, der einstige Verfechter einer sozialistischen Utopie, hat innerhalb eines Jahrzehnts erneut eine politische Kehrtwende vollzogen und sich als Sendbote des Kapitalismus entpuppt. Heute - im Zuge der Globalisierung - erreicht das kapitalistische System für ihn eine neue Qualität, denn es trage zur Überwindung nationaler Grenzen bei - so schreibt er in seinem neuen Essayband.

Nicht der Sozialismus stiftet diese wohltätige Unordnung in der Welt, sondern der Kapitalismus, ein praktisches System zur Schaffung und Verteilung von Reichtum - keine Ideologie -, dem sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in seiner Entwicklung die Grenzen als ein Hindernis für das Wachstum der Märkte, Unternehmen und Vermögen darstellten. Seitdem hat das kapitalistische System, ohne es an die große Glocke zu hängen und sich damit zu brüsten und ohne seinen Zweck - die Gewinnmaximierung - mit hehren Worten zu verschleiern, durch die Internationalisierung der Produktion, des Handels und des Eigentums die Nationen mit anderen Koordinaten und Grenzlinien überzogen.

Der Kapitalismus und seine völkerverbindende Kraft. Soziale, ökologische und kulturelle Folgen dieses Wirtschaftens sind bei Vargas Llosa kein Thema, und wenn etwas schiefläuft, dann hat der Staat nicht rechtzeitig durch Gesetze Schranken errichtet. Der Kapitalismus habe es ja schließlich auch fertiggebracht, den Sozialismus zu integrieren - ins kapitalistische System.

Der Sozialismus hat aufgehört, ideologisch zu sein, und ist ethisch geworden. Statt die Revolution vorzubereiten, ist er heute in die Defensive gedrängt: zur Verteidigung des Wohlfahrtsstaats, der öffentlichen Sozialprogramme und der steuerlichen Umverteilung des Wohlstands, damit das korrigiert wird, was er die "Ungleichgewichte des Marktes" nennt... Dieser Sozialismus ist kein Feind mehr, sondern ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Kultur in der modernen Welt.

Mit einem solchen Programm ist Mario Vargas Llosa Ende der 80-er Jahre in die Politik seines Heimatlandes Peru eingetreten. Die schlagartige Verstaatlichung der peruanischen Banken und die zügellose Korruption der Regierung Alán García veranlaßten ihn, sich an die Spitze des öffentlichen Protestes zu stellen und die Gründung des "Movimiento Libertad", der rechts-konservativen "Freiheits-Bewegung" zu betreiben. Schließlich ließ er sich als deren Präsidentschaftskandidat aufstellen:

Wenn man an die Demokratie glaubt, dann ist die Teilnahme Pflicht, denn die Politik darf nicht ausschließlich in den Händen einer politischen Klasse bleiben. Sie wird nämlich auf Dauer ausgehöhlt, wenn die Gesellschaft auf ihr Recht der Beteiligung verzichtet. Als ich mich einmischte, da machte Peru eine sehr kritische Situation durch, und das rechtfertigte, sich aufzuopfern, wenn auch nur vorübergehend. Ich war aufgerufen, an einer Aktivität teilzunehmen, von der die Zukunft der gesamten Gesellschaft und von einem selbst abhing.

Erst bei der Stichwahl unterlag er dem heutigen Präsidenten Fujimori. Diese Niederlage dürfte die schmerzlichste Erfahrung des erfolgsverwöhnten Autors gewesen sein, denn sie stellte auch das Scheitern seines politischen Projekts dar. Er hat es als "liberale Demokratie" bezeichnet und in seinen Memoiren immer wieder beschrieben. Der Fisch im Wasser ist ein einziger Rechenschafts- und zumeist auch Rechtfertigungsbericht. Das ideologische Herzstück bildet ein fast 40-seitige Kapitel, in dem er sein Regierungsprogramm rekapituliert.

Die politische Freiheit haben wir. Aber Peru hat nie wirklich den Weg der ökonomischen Freiheit ausprobiert, ohne die jede Demokratie unvollkommen und zur Armut verurteilt ist,

heißt es darin. Und das bedeutet, kurz gefasst: Schluss mit staatlichem Dirigismus, Schluss mit Enteignungen, Schluss mit der kostenlosen Bildung, Privatisierung statt Verstaatlichung, Förderung der Privatinitiative usw. - das neoliberale Arsenal einer ungezügelten Marktwirtschaft.

Aus dem Land der Proletarier, Arbeitslosen und Privilegierten, das Peru heute ist, ein Land der Unternehmer, Eigentümer und vor dem Gesetz gleichen Bürger zu machen.

Das klingt wie eine populistische Wahlparole aus dem Blair/Schröder-Arsenal. Wie aber sollte der arbeitslose Indio, der am Straßenrand ein paar Cocablätter zum Kauf anbietet, auf den Weg zum Unternehmer gebracht werden, wie der landlose Tagelöhner zum Eigentümer? Vargas Llosa steht diametral zu anderen berühmten Vertretern der lateinamerikanischen Literatur wie Carlos Fuentes, Gabriel García Márquez oder Ernesto Sábato. Und selbst Octavio Paz, mit dem er manche konservativen Elemente seines Weltbilds teilt, besaß nicht diesen Glauben an die Ökonomie als sozialem Allheilmittel. Erproben konnte Vargas Llosa sein Programm in Peru nicht. Fujimori, der Sieger der Wahlen von 1990, übernahm zwar einige seiner liberalistischen Ideen, verwandelte aber das Land in eine Diktatur. Der Ausflug in die praktische Politik führte bei Mario Vargas Llosa zu der bitteren Erkenntnis:

Die tagtägliche Politik, die Politik des Machterhalts ist leider ganz anders als die Politik aus der Perspektive einer Bibliothek. Eine Welt des Pragmatismus, der Intrigen und Manöver, der Entscheidungen, die nicht aufgrund von großen Konzeptionen getroffen werden, sondern aufgrund praktischer Interessen, was der Politik etwas Schäbiges, Grausames verleiht, vor allem in einem Land, das Gewalt und Terror erlebt und sich in einer kritischen sozialen und wirtschaftlichen Lage befindet.

Vargas Llosa hat nicht aufgehört, politisch zu denken, doch nun mischt er sich wieder als Schriftsteller ein. Das kapitalistische Credo der späten 80-er Jahre ist das gleiche geblieben, aber die politischen Ereignisse der 90-er mit ihren nationalistischen Exzessen an verschiedenen Ecken der Welt, vor allem in Südosteuropa, haben sein publizistisches Engagement auf ein anderes Feld gelenkt:

Die Gefahr des Nationalismus.

Ihr widmet er das ausführlichste Kapitel seines Essay-Bands, dieses neuerlichen Versuchs, seine politische Überzeugung zu resümieren. Auf drei Begriffe lässt sie sich bringen: Demokratie, Liberalismus - beides ist für ihn untrennbar miteinander verbunden - und eben Nationalismus als Bedrohung des demokratisch-liberalistischen Systems oder positiv gesagt: als Herausforderung für jede Demokratie. Er denkt dabei gar nicht so sehr an die sog. Dritte Welt, sondern gerade an Europa: an die nationalistischen Bewegungen in Katalonien und im Baskenland, an die IRA in Nordirland, an die Schottische Nationalpartei, den Front National in Frankreich, die Lega Nord in Italien und an Haiders FPÖ, an die Teilung der Tschechoslowakei und den Krieg auf dem Balkan. Er ist sich bei dem Begriff Nationalismus der Schwierigkeit bewußt,

dass sich diese protoplasmatische Doktrin in unterschiedlichen Formen und Gestalten reproduziert und offenbart.

Er versucht nun nicht, den Nationalismus nach seinen einzelnen Praktiken zu definieren, sondern einen Grundbestand von Behauptungen und Überzeugungen - er spricht bewusst nicht von Ideen - herauszufiltern.

Der Ursprung jeder nationalistischen Doktrin ist ein Glaubensakt..., der einer mythischen Entität - der Nation - transzendentale Eigenschaften zuschreibt, die fähig sind, die Zeiten zu überdauern, unbeschadet der historischen Umstände und Veränderungen. Zwischen seinen konstitutiven Mitgliedern und Elementen stiftet er einen dauerhaften Zusammenhalt, eine Homogenität, ja eine Wesensgleichheit, selbst wenn diese Einheit in der kontingenten Welt unsichtbar ist und dem Reich der Fiktion angehört.

Deshalb nennt Vargas Llosa die Nation -

jene mütterliche Plazenta, denen sie ihr Leben und ihre Identität verdanken.

Jede Nation sei eine politische Erfindung:

eine Lüge, denn es gibt keine Nation, die das Ergebnis der natürlichen und spontanen Entfaltung einer ethnischen Gruppe, einer Religion oder einer kulturellen Tradition wäre. Sie alle sind durch politische Willkür, Raub, Herrscherintrigen, blanke wirtschaftliche Interessen, eine Mischung aus roher Gewalt und Zufall entstanden.

Wer hier von nationaler oder kollektiver Identität spreche, erliege einem irreführenden Konzept:

dieser utopischen Vorstellung einer vollkommen homogenen und in sich geschlossenen Gemeinschaft.

Der Nationalismus beantworte die Widerlegung seiner Thesen mit der Beschwörung seiner Opferrolle.

Er wartet mit einer langen Liste historischer Verletzungen, politischer und kultureller Usurpationen auf, die von der Kolonial- und Imperialmacht verübt wurden, um die betroffene Nation zu zerstören, zu verseuchen und ihre Entartung zu provozieren... Der Nationalismus braucht jene historischen Verletzungen zur Rechtfertigung seines Anspruchs, Opfer eines die Gemeinschaft betreffenden uralten Unrechts zu sein, dem nur die Wiedererlangung der verlorenen Unabhängigkeit Genugtuung verschaffen könne.

Was das bedeuten kann, wenn noch ethnische Ansprüche hinzukommen, ist noch immer in Bosnien und im Kosovo zu studieren.

Jeder Nationalismus, der kohärent sein will, führt früher oder später zu intoleranten und diskriminierenden Praktiken und einem offenen oder versteckten Rassismus... Meiner Meinung nach ist jeder Nationalismus mit aller Entschlossenheit und mit Selbstbewußtsein politisch wie intellektuell zu bekämpfen, und zwar im Namen der Freiheit und der demokratischen Kultur.

Mario Vargas Llosas Kritik am Nationalismus ist nicht neu, und sie bezieht sich auch vorwiegend auf europäische Phänomene. Der in Kürze erscheinende Band mit politischen Essays macht überhaupt deutlich, dass sich der Peruaner seit seiner spanischen Eingemeindung in den 90-er Jahren immer stärker Europa zuwendet, und zwar aus einer europäischen Sicht.

Soweit Peter B. Schumanns Anmerkungen zum Verhältnis von Politik und Literatur im Werk des peruanischen Schriftstellers Mario Vargas Llosa. Dessen Bücher sind in Deutschland beim Suhrkamp Verlag erschienen, wo jetzt auch der mehrfach erwähnte Essayband "Nationalismus als neue Bedrohung" herausgebracht wird. Neben den Romanen und den Erinnerungen "Der Fisch im Wasser" finden sich dort auch literaturtheoretische Studien etwa zu Flauberts Madame Bovary. Vargas neuester Roman wird, ebenfalls bei Suhrkamp, erst im kommenden Jahr erscheinen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk