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StartseiteCorso"Die Leute reden nicht mehr miteinander"08.10.2015

Marius Müller-Westernhagen zu Web 2.0"Die Leute reden nicht mehr miteinander"

Marius Müller-Westernhagen hat auf dem Album "Alphatier" mit dem Song "Hereinspaziert, hereinspaziert" eine bissige Satire auf Soziale Medien komponiert. Der Alt-Rocker telefoniert lieber als bei Facebook zu sein und nimmt die Web-2.0-Gesellschaft als hedonistisch und exhibitionistisch wahr.

Marius Müller-Westernhagen im Gespräch mit Fabian Elsäßer

Marius Müller-Westernhagen, Schauspieler und Rockmusiker (dpa/picture alliance/Karlheinz Schindler)
Marius Müller-Westernhagen, Schauspieler und Rockmusiker (dpa/picture alliance/Karlheinz Schindler)
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Fabian Elsäßer: Herr Westernhagen, Sie mögen auch mit Mitte 60 – entschuldigen Sie, wenn ich das Alter erwähne –


Marius Müller-Westernhagen: Kein Problem (lacht schallend)

Elsäßer:...immer noch das künstlerische Risiko, scheint es?

Müller-Westerhagen: Oh ja, ich glaube, dass – wenn man es Kunst nennen darf – gar nicht geht ohne künstlerisches Risiko. Ich glaube, dass Künstler dazu sind, zu versuchen, ihre Horizonte ständig zu überschreiten. Und darin liegt natürlich auch die Gefahr. Aber der Irmin Schmidt von Can hat mir mal gesagt: "Wenn Du mit Deiner Nasenspitze an den Himmel willst, musst Du Dich immer auf ein hohes Seil begeben". Und dann ist halt die Gefahr da, dass Du abstürzt, aber auch die Möglichkeit, dass Du wirklich mit der Nase an den Himmel stürzt.

Elsäßer: Mit der Can-Szene hätte ich sie jetzt nicht direkt in Verbindung gebracht, wobei gut: Düsseldorf war ja früher wichtige Musikmetropole, es gibt einen Sampler "Electrity", wobei Can jetzt ein bisschen zu früh dafür wäre ....

!!Müller-Westerhagen:!1 Can waren in meiner Jugend im Grunde genommen die einzige deutsche Band, die mich wirklich angesprochen und auch inspiriert hat. Und ich habe später mit Holger Czukay gearbeitet und auch mit Jacki Liebezeit. Ich hab ja zwei oder drei Alben im Can-Studio gemacht. Das war diese Zeit, in der ich experimentiert habe auch mit Computern. Das war "Die Sonne so rot" zum Beispiel oder "Lausige Zeiten".

Elsäßer: Frühe 1980er...

Müller-Westerhagen: M-hm.

Elsäßer: Lassen Sie uns zum künstlerischen Risiko dieser Produktion mit Sido zusammen kommen. Wie kam es überhaupt dazu?

Die Chemie mit Sido stimmt

!1Müller-Westerhagen:!! Es kam dazu, dass Radio Bremen mir die Idee unterbreitete und fragte, ob ich mir das vorstellen könnte. Ich könnte mir auch einen Partner aussuchen.

Elsäßer: Den haben Sie sich also ausgesucht?

Müller-Westerhagen: Ich hab mir Sido ausgesucht, weil ich mit Sido kurz vorher ein Stück geschrieben hatte, ich ihn sehr sympathisch fand und die Chemie zwischen uns stimmt. Und weil ich das auch textlich sehr gut fand, was er machte. Und weil ich halt auch gesehen habe, dass beim ihm eine Entwicklung stattfindet.

Elsäßer: Das heißt, dieses frühe, sehr Pöbelhafte aus der Aggro Berlin-Szene würden Sie unter Jugendsünde abhaken?

Müller-Westerhagen: Naja, Jugendsünde. Das ist eine Entwicklung, die man durchlaufen kann oder auch nicht, wie viele, die dann da auch hängenbleiben. Aber das ist schon jemand, der reflektiert, was in seinem Leben passiert. Er begründet das ja selbst auch damit, dass er so laut brüllen musste und versucht hat zu provozieren, um gehört zu werden. Was für mich zum Beispiel nie das Motiv war, obwohl Pefferminz, als ich das geschrieben habe, ja auch nie im Radio gespielt wurde, weil das damals als teilweise obszön galt. Ich glaube, ich war einer der ersten, die überhaupt Sexualität in Rocktexte eingebracht hat, was ja natürlich zu Rock 'n' Roll gehört.

Es wird für junge Leute schwerer zu provozieren

Elsäßer: Oder auch eine Sprache benutzt haben, wie man sie eben auch mal in der Kneipe spricht.

Müller-Westerhagen: Genau. Heute kann sich das kaum noch vorstellen, dass diese Songs dann halt nicht gespielt wurden. Aber es wird ja heute für junge Leute auch immer schwieriger, zu provozieren. Die Widerstände sind nicht so klar da wie in meiner Generation. Bei uns war es ja schon mal die ganze Generation vor uns und zum Teil auch die Eltern, weil man alles wollte nur nicht so werden wie die Eltern. Und es hatte nicht so wahnsinnig viel mit Geld zu tun. Das ist ja leider zurückgekehrt, ja? Dass sich alles darstellt über Erfolg und Geld und dass das sehr erstrebenswert ist. Das spielte ja damals in der Generation, aus der ich komme, überhaupt keine Rolle.

Elsäßer: Wobei das ja gerade bei Rap und Hip Hop immer Themen waren. Wie stelle ich mich dar und wie mach ich Geld.

Müller-Westerhagen: Ja. Was ich nur immer problematisch finde, ist, wenn es glorifiziert wird.

Elsäßer: Wie lief es dann auf der Bühne?

Müller-Westerhagen: Das lief sehr gut. Da waren halt zwei Jungs, die sich respektieren und die zusammen Musik gemacht haben. Es war ja auch meine Band, die gespielt hat. Im Endeffekt haben ja beide ihre musikalischen Wurzeln bei den Schwarzen, also, dass das irgendwie zusammenpasst – das wusste ich vorher.

Elsäßer: Und gerade Ihre New Yorker Begleitband hat möglicherweise auch in dem Umfeld schon gespielt oder kennt sich da jedenfalls aus.

Müller-Westerhagen: Ja. Wenn Jungs so sind, dann ist das für die kein großes Problem. Ich wurde vorher auch gefragt: "Wie macht man das, wie geht man denn da ran?". Ich hab gesagt: "Wir spielen's einfach!"

Elsäßer: Wir spielens einfach, sagen Sie. Sie haben "Alphatier" auf einer sehr schönen Clubtour vorgestellt, in mittelgroßen Hallen, so 1500 bis 200 Leute. Und zwar das ganze Album. Das haben Iron Maiden auch mal gemacht, und zwar bei ihrem 2006er-Album und da haben sie alte Songs nur im Zugabenteil gespielt.

Müller-Westerhagen: Das wusst ich nicht...

Elsäßer: Müssen Sie ja auch nicht. Aber: Die Reaktionen in den Fanforen waren vernichtend. Sie haben offenbar die toleranteren Fans.

Müller-Westerhagen: Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung. Der Wunsch war da, als wir dieses Album fertiggestellt hatten. Wir haben es als gesamtes Werk gesehen und wir wollten das im Zusammenhang so spielen wie wir es aufgenommen hatten. Der Wunsch war da. Es war am Anfang nicht finanzierbar. Die großen Hallen kamen nicht infrage, weil ich halt die Vorbehalte des Publikums kenne. Und dann gab es jemanden der gesagt hat okay, ich finanziere diese Clubtour, unter der Voraussetzung, dass ich halt kein Geld verdienen kann. Das war's mir aber wert. Wir haben schon vor dem ersten Konzert gedacht: Wie wird die Reaktion sein?

Unfassbare Reaktionen auf das "Alphatier"

Elsäßer: Und?

Müller-Westerhagen: Die war unfassbar. Also vom ersten Song an. Das war unglaublich für mich. Ich hab gedacht, das wird sicher nicht einfach, aber Du musst halt hart arbeiten und musst sie irgendwie verführen. Dass es so angenommen würde, das habe ich nicht gedacht. Also ich bereue auf keinen Fall, das gemacht zu haben.

!!Elsäßer:!1 Das heißt, das Alphatier hat genug Zugkraft bewiesen. Überhaupt das Album. Es hat gute Kritiken bekommen. Wo sich doch vor allem die selbst ernannten Spezialisten der Musikpresse früher gerne mal an Ihnen gerieben haben.

Müller-Westerhagen: Naja, ich hab nichts gelesen, was gesagt wurde, ich habe nur gehört, die Kritiken seien gut gewesen. Das sind Meinungen, die da sind, zu denen die Leute natürlich ihr Recht haben. Aber wenn man das so lange macht und inzwischen die Gnade hat, mit so guten Leuten zusammen zu arbeiten, dann weiß man eigentlich sehr genau, ob man etwas Gutes gemacht hat oder ob man etwas macht hat, was nicht so gelungen ist.

Man bekommt nichts aus Facebook wieder raus

Elsäßer: Ihnen ist beispielsweise mit "Hereinspaziert, hereinspaziert" eine ungemein bissige Satire gelungen auf die Gegenwart. Was genau stört Sie an den sozialen Netzwerken?

Müller-Westerhagen: Es wird ja immer proklamiert, dass das die große Freiheit ist und es werden Beispiele genannt, wo es sicher hilfreich war. Aber es gibt, was halt immer übersehen wird, auch eine Riesenkontrolle. Facebook ist ein riesiges Kontrollinstrument. Und wenn man etwas da reinsetzt, dann ist das da drinnen. Man kriegt es auch nicht gelöscht. Man kommt ja auch ganz schwer wieder raus.

Elsäßer: Es ist eine allgemeine Entblößung?

Müller-Westerhagen: Absolut. Und das führt zu einer Gesellschaft, die derart hedonistisch und exhibitionistisch wird, dass es ist ekelhaft ist. Es führt uns auch mehr und mehr in die Isolation. Ich sehe das ja ständig auch in meinem Umfeld, wenn jemand für Dich arbeitet und Du sagst: Ruf den doch mal an. Und dann fragst Du später, hast Du den angerufen – ja, ich hab ne Mail geschickt. Also, Leute reden nicht mehr miteinander. Ich nehme nach wie vor noch das Telefon in die Hand, weil ich einfach glaube, dass Probleme sich dadurch schneller lösen lassen. Und es gibt halt wahnsinnig viele Nachteile. Ich glaube zum Beispiel, ohne diese Geschichten wäre internationaler Terrorismus gar nicht möglich gewesen. Es hat immer zwei Seiten.

Elsäßer: Sie haben also immer noch den Anspruch, aktuell zu sein und auch politische oder gesellschaftsrelevante Themen aufzugreifen.

Müller-Westerhagen: Ich finde, dass unsere Gesellschaft daran krankt. Ich finde, unter der Regierung Kohl ist etwas passiert in diesem Land, wo ein ganzes Land wirklich zu einem großen Teil entpolitisiert wurde. Und das führt natürlich dann zu einer Gesellschaft, die nicht mehr in gesellschaftlichen Dimensionen denkt, sondern nur noch in rein egoistischen.

Elsäßer: Sie haben vorhin selber einen Rückblick auf Ihre Diskografie gegeben. Gibt es da Phasen, die Sie gerne mal wieder verklären würden?

Müller-Westerhagen: Also, mein zweitbestes Album für mich ist "In den Wahnsinn" gewesen. Das war inspiriert durch den 11. September. Ich finde das nach wie vor noch ein sehr gutes Album. Wobei es viele Alben gibt, die unglaublich erfolgreich waren, die ich heute anhöre und die irrsinnig weit von mir weg sind.

Elsäßer: Wobei, "Pfefferminz", empfinden Sie das nicht nach wie vor als geradezu klassisches Album?

"Pfefferminz" hat eine Nonchalance

Müller-Westerhagen: Klasse Album! Weil das eine Nonchalance hat und auch so entstanden ist, und in einer Zeit, wo Dich niemand in irgendeiner Art und Weise ernst nahm. Und ich weiß noch, wie ich mit Lothar Meid aus dem Studio ging. Er hatte die 24-Spur-Bänder, die wurden hinten ins Auto geschmissen, und ich hab gesagt: Bist Du verrückt? Der ließ auch noch das Auto auf! Und auf der Platte sind derart viele Sachen, die Leute nie entdeckt haben. Zum Beispiel bei "Dicke" geht die Bassbox hoch und so, und wir haben das einfach so gelassen. Das war so spontan wie ein Demo. Und ich glaube, das ist auch die Qualität der Platte, diese Spontaneität und Naivität, die da passiert ist. Der Anspruch aber an Musik und Sprache steigt natürlich im Laufe der Jahre, das ist gar keine Frage. Und wenn ich heute ein Album mache, dauert es natürlich länger als zur damaligen Zeit. Am Anfang der Karriere, das geht vielen so, produzierst Du praktisch jedes Jahr ein Album. Du rotzt es auch so raus.

Elsäßer: Der Zwang war aber auch da, glaube ich. Jethro Tull haben in den 1970ern jedes Jahr ein Album "rausgeschossen".

Müller-Westerhagen: Ja, das war bei mir genauso.

Elsäßer: Aber Sie haben sich seit "Affentheater" 1994 glaube ich auf einen Rhythmus eingependelt, so ungefähr alle vier Jahre kommt ein Album, wenn ich das richtig im Kopf habe. Ist das der Arbeitsrhythmus, mit dem Sie sich am wohlsten fühlen?

Keinen Druck von Plattenfirmen

Müller-Westerhagen: Das ist eine Sache, die natürlich auch aus einem gewissen ein Privileg herauskommt. Ich habe keinerlei Druck von irgendeiner Plattenfirma. Und ich will so lange an etwas arbeiten, bis ich mir denke, das ist es wert, jetzt aufgenommen zu werden. Du möchtest halt Dich verbessern, nach wie vor. Du kannst Dich nicht auf Sachen beziehen, Du da mal gemacht hast.
Elsäßer: Herzlichen Dank für dieses Corsogespräch.

Müller-Westerhagen: Ich bedanke mich für Ihr Interesse.

 

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